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Arbeitskreis Jüdisches Schwaben

Gut vernetzt. Man weiß ja nie...

Jüdische Existenz im Schwaben der Frühen Neuzeit war geprägt von Vertreibung, Migration – und der Entstehung blühender Gemeinden.

Von Felix Hild und Frederik Hochdorfer

Kaum durften sich 1777 in Jebenhausen, einem kleinen Ort am Fuße der Schwäbischen Alb, Jüdinnen und Juden niederlassen, erwies sich der Betsaal als viel zu klein für die neu entstandene Gemeinde. Deshalb machten sich Juden aus Jebenhausen auf den Weg, um in anderen jüdischen Gemeinden Spenden für den Bau einer Synagoge zu sammeln. Eine Liste mit Bauspenden gibt noch heute Auskunft darüber, woher die Jebenhäusener Geld für ihre Synagoge erhielten. So kamen Spenden aus der Umgebung zusammen, etwa aus Laupheim, Hechingen und Rexingen, aber auch aus dem ferneren fränkischen, badisch-pfälzischen und hessischen Raum. Eindrucksvoll zeigt diese Quelle, die Stefan Lang auf der Tagung „Migration – Mobilität – Verwurzelung. Jüdische Siedlungsgeschichte in Schwaben“  vorstellte, wie gut diese süddeutschen Gemeinden im 18. Jahrhundert untereinander vernetzt waren. Außerdem gewährt sie einen ersten Blick auf eine spezifisch jüdische Siedlungslandschaft, wie sie sich in der Frühen Neuzeit herausbildete.

Nicht mehr nur einzelne Orte, sondern eine ganze Siedlungslandschaft in den Blick zu nehmen, das war das erklärte Ziel der zweiten Tagung, die der Tübinger Arbeitskreis Jüdisches Schwaben  gemeinsam mit dem Fachbereich Geschichte der Akademie veranstaltete. Denn zwar gebe es für Schwaben, oder genauer gesagt für die baden-württembergischen Teile dieser historischen Großregion, eine Vielzahl an Lokalstudien, aber bisher nahezu keine übergreifenden oder vergleichenden regionalen Untersuchungen, betonte Benigna Schönhagen in ihrer Einführung. Methodische Impulse für eine solche regionale Betrachtung könnten bereits erfolgte Vorhaben im ostschwäbischen oder fränkischen Raum liefern, weshalb auch Wissenschaftler an der Tagung teilnahmen, die zu diesen Regionen forschen. Erneut setzte die Tagung dabei auf die Vernetzung der universitären Forschung mit Gedenkstätten, Museen und Archiven.

Wie dynamisch sich jüdische Existenz in der frühen Phase des ‚Landjudentums‘ entwickelte, verdeutlichten die beiden Vorträge von Rotraud Ries und Stefan Lang. Nach der Vertreibung aus den meisten Städten und den großen Herrschaftsterritorien am Ende des Spätmittelalters war das Leben von Jüdinnen und Juden von häufigen Ortswechseln und großer Unsicherheit geprägt. Sie konnten dennoch, auch in dieser Phase großer Instabilität, eine aktive Rolle bei der Aushandlung von Ansiedlungsbedingungen spielen, zumindest wenn sie über entsprechende finanzielle Mittel und soziales Kapital verfügten. Dies zeigte Tobias Stampfer am Beispiel des Simon von Günzburg, der durch geschicktes geschäftliches und gerichtliches Handeln die Ansiedlungserlaubnis in gleich mehreren Territorien für sich und seine Familie erwirkte.

Konfliktarmes Zusammenleben, lautes Streiten

Eine wichtige Zäsur in der jüdischen Siedlungsgeschichte stellte der Dreißigjährige Krieg dar: Nach den langen Kämpfen, die besonders auch süddeutsche Territorien verheert hatten, bemühten sich viele kleinere Landesherren um jüdische Ansiedlung und ermöglichten so die Entstehung beständigerer Gemeinden.

Jüdisches Leben existierte dabei in der Frühen Neuzeit nicht nur in Dörfern, sondern auch in einigen Residenz- und sogar Reichsstädten. Im 18. Jahrhundert konnten sich auch im sonst so judenfeindlichen Württemberg in wenigen Orten wieder Juden niederlassen, etwa in Freudental. Einige öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der württembergischen Landeskirche und einzelnen Juden dort, die das sonst eher konfliktarme Zusammenleben durchbrachen, thematisierte Martin Jung in seinem Beitrag.

Prekäre Existenzen, auskömmliches Leben

Eine weitere Gründungswelle jüdischer Gemeinden setzte in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts ein. Dazu zählen Jebenhausen und Wankheim, zu deren Geschichte Daniel Menning und Wilfried Setzler neue Erkenntnisse präsentieren konnten. Sie zeigten vor allem, dass durch genaues Aktenstudium und bislang in diesem Kontext kaum beachtete Quellen zahlreiche gängige Narrative der Forschung in Frage gestellt werden müssen, etwa das der Landjuden als bettelarme Hausierer. So lassen sich für beide Orte vorherrschende Gewerbezweige ausmachen, etwa der Handel mit Wein oder optischen Geräten, von dem nicht wenige jüdische Familien auskömmlich leben konnten.

Das in den zahlreichen noch unbearbeiteten Quellen liegende Potential verdeutlichte ein Workshop der Archivare Andreas Weber und Manuel Mozer, die hierfür eine Vielzahl an Quellen aus dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart und dem Archiv der Freiherren von Saint André zur Verfügung stellten. Dem Titel der Tagung entsprechend boten einige der Quellen Einblick in die sehr mobile Lebensweise vieler Juden, etwa in die prekäre Existenz sogenannter ‚Betteljuden‘. Welche Hindernisse dabei im Weg stehen konnten, zeigen Konflikte mit dem Herzogtum Württemberg, das selbst das Durchqueren seines Territoriums für Jüdinnen und Juden möglichst schwer machen wollte. Einen Überblick über alle 1806 neu nach Württemberg gekommenen jüdischen Gemeinden bot eine damals angefertigte Tabelle.

Digitale Karte, leichte Übersicht

Neue Perspektiven auf das jüdische Leben in der Frühen Neuzeit bot auch die Vorstellung von verschiedenen Projekten aus den schwäbischen Rand- und Nachbargebieten. Marc Ryszkowski stellte anhand des pfälzischen Dahn die materiell-denkmalpflegerische Herangehensweise an eine ehemalige Gemeinde mit zwischenzeitlich völlig umgebauter Synagoge vor. Oliver Sowa führte in die umfassende digitale Karte der frühneuzeitlichen jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Bayern ein, die er maßgeblich ausgearbeitet hat und die ein überzeugendes Beispiel gibt, wie eine Vielzahl an Quelleninformationen in eine leicht einsehbare und niedrigschwellig verfügbare Übersichtskarte eingearbeitet werden kann.

Am Beispiel einer früheren Ausstellung des Jüdischen Museums Augsburg stellte Benigna Schönhagen vor, welche Aussagen die Analyse materieller Kultur – in diesem Fall der Synagogenausstattung von Kriegshaber – ermöglicht. Diese Augsburger Vorortgemeinde hatte ihre Glanzzeit im Barock und ging im 19. Jahrhundert unter. Ihre Geschichte ließ sich ebenso wie der Bezugsraum der Gemeinde an Herkunft und Verbleib der Ausstattungsgegenstände rekonstruieren, von denen 23 Objekte 2018 im Rahmen einer Sonderausstellung temporär in die ehemalige Synagoge zurückgekehrt waren.

Insgesamt konnte die Tagung wichtige inhaltliche und methodische Impulse für die Erforschung der jüdischen Geschichte im Raum Schwaben setzen. Die vielfältigen Beiträge verdeutlichten den Wert differenzierter Betrachtungen jüdischen Lebens in der Frühen Neuzeit und bereiteten den Boden für eine vergleichende Betrachtung mehrerer ‚Judenorte‘ in der Region.

Hinweis: Einen weiteren, ausführlicheren Tagungsbericht finden Sie hier.