Von Daniel Meier
In seiner Dissertation, die kürzlich bei transcript erschienen ist, widmet sich Johannes Kuber, Leiter des Fachbereichs Geschichte, dem katholischen Pfarrklerus im Erzbistum Freiburg in einer Zeit des Umbruchs zwischen Nationalsozialismus, Kriegsende und beginnender Nachkriegsordnung. Im Mittelpunkt stehen die Ortspriester, deren Erfahrungen und Handlungen in dieser "Scharnierzeit" bisher kaum beachtet wurden. Kuber wertet u. a. rund 1000 sogenannte Kriegsberichte sowie zahlreiche andere Archivdokumente aus. Er zeigt, dass viele Geistliche sich in dieser Phase als lokale Autoritäten verstanden, die nicht nur seelsorgerisch, sondern auch politisch und strategisch agierten – etwa als Vermittler zu den Alliierten oder Interims-Bürgermeister. Ihr Selbstverständnis war geprägt von einem Spannungsverhältnis zwischen pastoraler Verantwortung und dem Versuch, verloren gegangene gesellschaftliche Macht zurückzugewinnen.
Warum haben Sie gerade das Erzbistum Freiburg ausgewählt?
Eine Studie zum katholischen Pfarrklerus in Kriegs- und Nachkriegszeit zu erstellen, die ganz Deutschland abdeckt, wäre ein völlig vermessenes, ja unmögliches Unterfangen. Ich habe mich deshalb auf das Erzbistum Freiburg beschränkt, das damals nach allen Maßstäben eine der größten deutschen Diözesen war. Gleichzeitig war die Erzdiözese strukturell sehr heterogen, von fast geschlossen katholischen ländlichen Räumen über gemischtkonfessionelle Industrie- und Universitätsstädte bis hin zu Diasporagebieten. Außerdem konnte ich die amerikanische Besatzungszone im Norden und die französische Zone im Süden vergleichen. Und schließlich war auch die Quellenlage für das Erzbistum Freiburg außergewöhnlich gut.
Welche Quellen haben Sie herangezogen?
Zunächst einmal natürlich Quellen aus der Feder – oder Schreibmaschine – der Priester selbst, insbesondere die sogenannten ‚Kriegsberichte‘, die von 1945 bis 1947 auf erzbischöfliche Anordnung von fast allen tausend Ortsgeistlichen verfasst wurden – und die gerade nach und nach als Edition im Freiburger Diözesan-Archiv, der Zeitschrift des Kirchengeschichtlichen Vereins Freiburg, veröffentlicht werden. Dazu kamen noch zahlreiche andere kirchliche Dokumente aus Pfarrarchiven, Personalakten, Nachlässen von Geistlichen und so weiter. Sehr geholfen hat mir, dass ich mich schon vor meiner Promotion während eines Praktikums im Erzbischöflichen Archiv mit vielen Quellengattungen vertraut machen konnte. Ergänzt habe ich diese klerikale Perspektive um Quellen aus den französischen und amerikanischen Besatzungsarchiven sowie um Erinnerungen von Zeitzeug*innen.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht nicht das Verhalten kirchenleitender Personen im Krieg und in der Nachkriegszeit, sondern die Ortspriester. Warum?
Die kirchen- und zeithistorische Forschung zur katholischen Kirche ist oft noch stark auf die oberen Ebenen der kirchlichen Hierarchie fixiert. Auch in Studien zu Kriegsende und Nachkriegszeit wird häufig nur kurz angerissen, dass ‚die‘ Kirche im staatlichen Vakuum nach dem Ende des Dritten Reichs eine wichtige Rolle gespielt hätte, genauer untersucht werden dann aber – wenn überhaupt – meist nur die Äußerungen von Bischöfen. Dieser Konzentration auf die ‚großen Männer‘ wollte ich etwas entgegensetzen. Ich glaube, dass es sich lohnt, die ‚gewöhnlichen‘ Seelsorger als historische Akteure ernst zu nehmen und ihnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Als prägende Figuren auf Ortsebene und auch als einflussreiches Kollektiv gestalteten sie lokale und gesamtgesellschaftliche Ereignisse und Diskurse bis weit ins 20. Jahrhundert hinein maßgeblich mit. Und während die Bischöfe nach der Besetzung vor allem im Hintergrund durch Eingaben und Treffen diplomatisch, teils auch recht undiplomatisch agierten – der Freiburger Erzbischof Gröber wurde von einem französischen Militärbeamten ermahnt, er solle sich nicht gerieren „wie ein Gouverneur von Baden“ – waren die Seelsorger vor Ort viel stärker mit den alltäglichen Auswirkungen von Krieg und Besatzung konfrontiert.
Sie beschäftigen sich bewusst mit einer „Scharnierzeit“ zwischen 1939 und 1948. Wo gab es Umbrüche, wo gab es Kontinuitäten?
Die Forschung betont schon lange, dass es eine ‚Stunde Null‘ 1945 nicht gegeben hat – dafür waren die Kontinuitäten auf allen Ebenen zu groß. Das trifft auch auf die katholische Kirche zu. Das war sogar ihr ‚unique selling point‘, wenn man so will – ihr Alleinstellungsmerkmal, mit dem sie sich nach Kriegsende rasch positionierte: Sie hätte als Verkünderin ewiger Wahrheiten wie ein Fels in der Brandung alle weltlichen Stürme überstanden und auch von Anfang an vor dem Nationalsozialismus gewarnt – was in dieser Eindeutigkeit natürlich keineswegs der Fall war, wie schon die Personalie des noch immer umstrittenen Freiburger Erzbischofs Gröber zeigt.
Und selbstverständlich konnte auch die katholische Kirche nach dem Zusammenbruch des NS-Staats nicht einfach weitermachen, wo sie 1933 aufgehört hatte: Viele Kirchen waren beschädigt oder zerstört, es herrschte Priestermangel und die verbliebenen Geistlichen litten unter einer enormen Arbeitslast und wohl häufig auch an psychischen Nachwirkungen der NS- und Kriegszeit, die sie allerdings kaum thematisierten. Vielerorts blühte das Kirchenleben zwar zunächst wieder auf, die Kirchen waren so voll wie schon lange nicht mehr, aber das war nur eine vorübergehende Erscheinung.
Welches Selbstverständnis hatten die Geistlichen in dieser Umbruchszeit?
Wenn man das so verallgemeinert für ‚die‘ Geistlichen sagen kann, dann speiste sich ihr Selbstverständnis einerseits aus ihrem pastoralen Verantwortungsgefühl, andererseits aber auch aus der kollektiven Erfahrung eines schleichenden kirchlichen und klerikalen Status- und Machtverlusts. Die Priester begriffen sich als Teil der örtlichen Elite und folgten der klassischen Vorstellung vom guten Hirten, der sich hingebungs- und verantwortungsvoll um seine Herde kümmert. Allerdings war in den vorangegangenen Jahrzehnten die gesellschaftliche Stellung des Klerus immer weiter erodiert, bedingt durch die großen strukturellen Prozesse von Säkularisierung, Modernisierung, Pluralisierung und durch demografische Verschiebungen. Diese Entwicklung war durch nationalsozialistische Angriffe auf Kirche und Klerus noch verschärft worden, auch wenn sich im harten Kern der katholischen Gemeinden die Stellung der Seelsorger angesichts der äußeren Bedrohung teilweise sogar noch gefestigt hatte.
Es ist auffällig, durch wie viele Dokumente sich deshalb wie ein roter Faden eine permanente Abwehrhaltung zieht. Die Priester fühlten sich in der Defensive gegen die Moderne und alles, was sie für deren Auswüchse auf politischer, kultureller und gesellschaftlicher Ebene hielten. Und sie wollten die Chance des Machtvakuums in der frühen Besatzungszeit nun nutzen, um für sich selbst und ihre Kirche wieder Boden zu gewinnen. Das gesamte Handeln der Priester, auch die Unterstützung von Gemeindemitgliedern bei der Entnazifizierung, war also nicht nur pastoral, sondern auch strategisch und politisch motiviert.
„Vater aller Bedrängten“, wie es in einer zeitgenössischen Selbstbeschreibung heißt, war der katholische Geistliche allerdings trotzdem nicht. Um die katholische Gemeinschaft und ihre eigene Rolle darin zu stärken, nutzten die Priester auch verschiedene Exklusionsmechanismen gegenüber einer als feindlich und verdorben empfundenen Außenwelt. Den vorübergehend einquartierten Evakuierten aus deutschen Städten und insbesondere den ausländischen, vor allem den osteuropäischen Displaced Persons konnten oder wollten die Geistlichen zum Beispiel nur selten mit Verständnis und Empathie begegnen – im Gegenteil: Oft schlug diesen als ‚fremd‘ empfundenen Menschen auch von geistlicher Seite nur Angst und Verachtung entgegen. Als ideologisch fremd galten ihnen zunächst die Nazis, nach Kriegsende dann aber schnell wieder hauptsächlich die politische Linke. Auch konfessionell Fremden wurde mit Misstrauen begegnet: Katholisch-evangelische Mischehen und der Zuzug protestantischer Flüchtlinge und Vertriebener bedrohten den Klerus ja in seinem lokalen Führungsanspruch. Auch Frauen, die sich in den Augen der Geistlichen „unsittlich“ verhalten oder die „deutsche Frauenehre“ verraten hatten, etwa durch Beziehungen mit alliierten Soldaten, wurden als Außenseiterinnen markiert. Viele Priester machten nicht einmal davor Halt, vergewaltige Frauen einer Mitschuld zu bezichtigen – ‚Victim blaming‘, wie wir es auch heute noch kennen.
Welche Rolle haben die Geistlichen gegenüber den Alliierten gespielt?
Die jüngere Forschung betrachtet Besatzung als dynamisches Machtverhältnis und betont, dass auch die Besetzten Handlungsspielräume haben. Das trifft auch auf die Priester des Jahres 1945 zu: Ihrem gerade skizzierten Selbstverständnis folgend beanspruchten viele ganz selbstverständlich eine lokale Führungsposition und brachten sich als Berater und Informanten der Alliierten, als Konfliktmanager und Dolmetscher, aber auch als Fürsprecher und wohltätige Helfer der Bevölkerung in Stellung.
Viele Geistliche hatten bereits im Lauf des letzten Kriegsjahres ihr soziales und karitatives Engagement verstärkt, etwa indem sie bei Luftangriffen zusätzliche, eigentlich genuin staatliche oder kommunale Aufgaben im Bereich des Krisenmanagements und der Wohlfahrt übernommen hatten. Auch im April und Mai 1945 sahen sie sich dann nicht als passive Opfer der Umstände, sondern inszenierten sich häufig als zupackende Akteure, als besonnene Männer der Tat und treue Hirten ihrer gläubigen Schäfchen. Manche verstanden sich – nach Flucht oder Entmachtung der örtlichen Bürgermeister – durchaus als auch weltliche Stellvertreter ihrer Gemeinden, einige traten sogar als Parlamentäre mit der weißen Fahne in der Hand den Alliierten entgegen oder fungierten als Interims-Bürgermeister – was nicht immer gut ging.
Die Seelsorger reagierten also nicht nur auf die Besatzungssituation, sondern interagierten zum Teil sehr selbstbewusst mit den Besatzern, ließen es manchmal auch auf kleine Machtproben ankommen. Mit ihrem Einsatz für die Bevölkerung erarbeiteten sich die Seelsorger zwar die Anerkennung auch nicht-katholischer Kreise und kamen ihrem Anspruch an eine gesellschaftliche Führungsrolle wieder näher. Auf lange Sicht konnte das den weiteren gesellschaftlichen Bedeutungsverlust des Klerus und der Kirche aber nicht aufhalten.
Johannes Kuber, Katholische Priester zwischen Krieg und Besatzung. Rolle und Selbstverständnis des badischen Klerus, 1939-1948, Verlag transcript, 664 Seiten, 66,00 Euro (https://www.transcript-verlag.de/detail/index/sArticle/7255).
