| Newsletter Okt 2025

Zwischen Kultur, Konsum und Klima

Bei der Sommerakademie drehte sich alles um das Thema Kleidung und Mode - erstmals in Hohenheim.

Von Johannes Kuber

Welche Rolle spielte Kleidung in der Alltagsgeschichte der Menschheit? Wann wird aus Kleidung Mode? Und inwiefern sind Moden immer auch Indikatoren gesellschaftlicher Veränderungen? Wie können wir Textilien wieder ökologisch und sozial nachhaltiger konsumieren und produzieren? Und wie sieht die Kleidung der Zukunft aus? Diesen und anderen Fragen näherte sich die vom Fachbereich Geschichte organisierte Sommerakademie an fünf Tagen aus den verschiedensten Perspektiven. Nach der Schließung des Tagungshauses Weingarten fand die Veranstaltung nach Jahrzehnten zum ersten Mal im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim statt.

Zwischen Oberfläche und Struktur

In einem einführenden Vortrag machte die Berliner Modeforscherin Diana Weis deutlich, dass Mode weit mehr ist als nur Oberfläche. Es sei keineswegs ein Zeichen von Schwäche, wenn Menschen durch Kleidung und Auftreten einen guten Eindruck auf andere machen wollen. Dabei spiele bis heute die Inszenierung von Status eine größere Rolle als die Inszenierung von Individualität. Schon immer, insbesondere seit dem Hochmittelalter werde Mode in immer komplexeren Formen dazu genutzt, sich abzugrenzen. Die kulturelle Figur des „Modenarren“ sei dabei lange ein junger Mann gewesen – bis sich im 19. Jahrhundert der relativ schmucklose Herrenanzug in allen Schichten durchsetzte. Nun musste die bürgerliche Frau mit ihrer Mode stellvertretend den Wohlstand der Familie demonstrieren – mit „an Körperverletzung grenzenden Einschränkungen“. An verschiedenen Beispielen zeigte Weis außerdem auf, dass Modewandel auf verschiedene Weisen verlaufen kann: Zum einen im trickle-down-Effekt von „oben“ nach „unten“, wenn Moden qua Imitation von höheren zu niedrigeren Schichten hinabwandern; zum anderen kann der Impuls aber auch von der Straße auf den Laufsteg führen – der sogenannte bubble-up-Effekt. Ein historisches Beispiel dafür ist Heinrich VIII., der ein Faible für die auffällige Landsknechtmode entwickelte und diese in abgewandelter Form hoffähig machte.

Die Textil- und Kulturwissenschaftlerin Marieluise Kliegel (Weingarten) machte in ihrem Beitrag deutlich, wie stark sich die Textilproduktion in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Ein immer kleineres vor Ort produzierendes Gewerbe stehe immer größeren Textilimporten gegenüber.  Besonders eindrücklich führte Kliegel vor Augen, welche destruktiven Folgen „Warentourismus“ und „Produktionsnomadentum“ mit sich bringen – sowohl in ökologischer Hinsicht als auch im Blick auf die unsozialen Arbeitsbedingungen in vielen Produktionsländern. Angesichts dieser Entwicklungen appellierte sie an die Verantwortung jedes Einzelnen. Die Frage nach globalen Verflechtungen, sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen und der Verantwortung der Konsument:innen sollte sich auch an den folgenden Tagen wie ein roter Faden durch Vorträge und Diskussionen ziehen.

Über „Verstrickungen“ in einem ganz wörtlichen Sinn sprach die Grazer Kulturanthropologin Lydia Maria Arantes. Am Beispiel des Strickens zeigte sie auf, dass nicht nur Kleider Leute machen, sondern auch das Kleidermachen selbst Menschen prägt. Sie stellte das Stricken als eine sowohl selbstreferentielle als auch relationale, also eine nach innen und außen gerichtete Technik, dar und stellte heraus, wie viel das Stricken für andere mit den Feinheiten zwischenmenschlicher Beziehungen zu tun hat. In historischer Perspektive zeigte sie, wie häusliche Handarbeit in den Dienst des „Weiblichkeits-Konstruktions-Projekts“ gestellt wurde. Heute, so Arantes, weist der Verkauf von Selbstgestricktem über Plattformen wie Etsy deutliche Parallelen zum historischen heimischen Verlagssystem auf – und begünstigt damit zugleich eine Rückkehr zu Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts.

Industriekultur und Modegeschichte in der Textilstadt Augsburg

Die erste Exkursion führte die Reisegruppe in die ehemalige Textilhochburg Augsburg. Im Staatlichen Textil- und Industriemuseum tim  wurden Materialien und Produktionstechniken im historischen Wandel ganz plastisch erlebbar. In Führungen durch die große Sonderausstellung „Dirndl – Tradition goes Fashion“ lernten die Teilnehmenden zudem, wie sich das Dirndl vom Arbeitskleid über touristifizierte Sommerfrischlerinnen-Mode und nationalsozialistische Vereinnahmungsversuche bis hin zum Haute-Couture-Objekt und zur Oktoberfest-Verkleidung gewandelt hat.

Globale Verflechtungen gestern und heute

Am dritten Tag standen insbesondere historische und globale Verflechtungen sowie textile Kulturtransfers im Mittelpunkt. Der Stuttgarter Technikhistoriker Thomas Schuetz führte zunächst in die Regionalgeschichte der Textilindustrie ein, und zwar am Beispiel gescheiterter bzw. gelungener Versuche, die Leinenherstellung zu industrialisieren. Dabei wurde deutlich, welche große Bedeutung dem internationalen Technologietransfer zukam – nicht nur durch Bildungsreisen, die Abwerbung von Fachleuten oder den Ankauf neuer Maschinen, sondern auch durch systematisch betriebene und teils staatlich geförderte Industriespionage. Schuetz betonte jedoch, dass es sich hierbei keineswegs ausschließlich um eine Fortschrittsgeschichte handelte. Vielmehr seien die technologischen Entwicklungen stets auch mit erheblichen sozialen und ökologischen Kosten verbunden gewesen – in Form von Kinderarbeit, gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen, Entfremdungsprozessen und Umweltverschmutzung.

Der Regensburger Historiker Michael Rösser widmete sich in seinem Vortrag den globalen Verflechtungen und kolonialen Verstrickungen der Textilindustrie und ging dabei vom Großen ins Kleine. Zunächst stellte er die weltweite Bedeutung der Baumwollproduktion im „Empire of Cotton“ des 19. Jahrhunderts dar, in dem Deutschland als zweitgrößter Exporteur von Textilien eine wichtige Rolle spielte – eine Stellung, die jedoch stark von der aus den USA importierten Rohbaumwolle abhing. Daraufhin zeigte er, wie deshalb versucht wurde, die deutschen Kolonien zur Diversifikation der Rohbaumwollquellen zu nutzen; ein Unterfangen, das auch die Finanzen der immer subventionsbedürftigen Kolonien aufbessern sollte. Am konkreten Beispiel des Textilunternehmens Otto aus Unterboihingen, seiner vom deutsch-indischen Pietisten Reinhardt Kaundinya geleiteten Plantage in Deutsch-Ostafrika und der dort zur Arbeit verpflichteten bzw. gezwungenen Einheimischen führte Rösser anschaulich vor Augen, wie sich auch schwäbische Betriebe ins verbrecherische Kolonialsystem verstrickten.

Auf ganz andere Weise beschäftigte sich die Kulturwissenschaftlerin Maria Sigl (Münster) mit internationalen Verflechtungen: Sie fragte am Beispiel bayerischer Trachtenvereine in Nordamerika nach Mechanismen und Funktionen des Kulturtransfers. Nachdem sie einführend die großen Unterschiede zwischen Tracht, Trachtenmode und Oktoberfest-Bekleidung herausgestellt hatte, zeigte sie, dass die bayerische Tracht eine staatspolitisch motivierte Erfindung des 19. Jahrhunderts war: Da sie von den im Sinne der bayerischen Identitätsstiftung beauftragten Ethnografen nicht aufgespürt werden konnte, wurde sie kurzerhand konstruiert und durch Prämien sowie andere Fördermaßnahmen propagiert. Mit Erfolg: Die ab den 1880ern entstandenen Trachtenvereine wurden in andere Teile Deutschlands und dann auch in die USA schlicht mitgenommen, wobei es für die amerikanischen Trachtler:innen heute eher unwesentlich sei, ob die Vorfahren tatsächlich aus Bayern oder vielleicht auch aus Berlin stammten – es ging und geht mehr um den vestimentären Ausdruck von Identität und Zugehörigkeit. Mittlerweile würden manche in den weniger strengen amerikanischen Vereinen vollzogenen Trachtenmodifikationen jedoch anscheinend auch für die bayerischen Vereine attraktiver und ins Ursprungsland quasi zurückimportiert.

Nicht mit bayerischen bzw. imaginierten bayerischen Trachten, sondern mit Vorstellungen von antiker Mode beschäftigte sich anschließend die Kölner Historikerin Larissa Grebing – genauer gesagt damit, wie sich Menschen in Deutschland, England und Frankreich um 1800 die griechische bzw. generell die antike Mode ausmalten und wie sie diese dem Zeitgeist der Antikenbegeisterung folgend für ihren eigenen Gebrauch aktualisierten. In ihrem – wie auch in manchen anderen Vorträgen – wurde deutlich, wie sehr Mode auch immer ein vergeschlechtlichtes System war und ist, wie also etwa männliche Journalisten eine Mode quasi mit herbeischrieben, die sie dann zugleich als exhibitionistisch und unmoralisch brandmarkten. Als Motiv der Antikensehnsucht machte Grebing unter anderem den Wunsch nach kultureller Verwurzelung in Zeiten des Umbruchs aus – vielleicht vergleichbar den amerikanischen Trachtenvereinen.

Genau hinschauen lohnt

Kleidung als Medium von Religion beleuchtete die Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger (München). Sie zeigte anschaulich, dass religiöse Kleidung sich nicht absolut bestimmen lässt. Sie hänge vielmehr immer mit dem religiösen Sinn zusammen, mit dem sie verbunden wird und der von historischen, kulturellen und rechtlichen Kontexten abhängt. Dies illustrierte sie am Beispiel des Schleiers, seiner historischen und theologischen Ursprünge sowie seiner Entwicklungen in den drei abrahamitischen Religionen. Damit erinnerte sie daran, dass Verschleierung zunächst nichts über die Stellung der Frauen oder über ihre Beweggründe aussagt, sich zu verschleiern. Mit einem interaktiven Quiz zu den Motiven und Erfahrungen von Menschen, die religiöse Kleidung tragen, machte sie zudem deutlich: Ein zweiter Blick lohnt sich.

Die Weingartner Textilwissenschaftlerin und Pädagogin Melina Figel zeichnete schließlich noch einmal vertieft nach, wie sich die Textilproduktion seit dem 19. Jahrhundert verändert hat, insbesondere aufgrund des immer komplexeren Einsatzes von Maschinen – die sie zwar nicht verteufeln wollte, deren Einführung und Einsatz aber zu unreflektiert geschehen sei. Dies habe dazu geführt, dass wir heute kaum noch wüssten, wie Kleidung vor der Durchsetzung der heutigen fast fashion produziert wurde. Damit gehe eine Marginalisierung des Handwerks einher, welche wiederum zu einem Verlust an Fähigkeiten, Qualität und Vielfalt führe. Figel plädierte dafür, von der Konsummaximierung wieder zur Konsumbefriedigung zu kommen, etwa durch eine nicht nur kognitive, sondern ganzheitliche, auch Hände und Sinne einbeziehende Sensibilisierung im Schulunterricht – wofür das Handwerk großes Potenzial biete.

Auf den Spuren der regionalen Textilindustrie

Einen äußerst unterhaltsam-informativen Abend gestaltete die Stuttgarter Kulturwissenschaftlerin Kerstin Hopfensitz, die zahlreiche Sammlungsstücke des von ihr kuratierten Miedermuseums Heubach mitgebracht hatte – vom Korsett über das Reformkleid bis zum Push-Up-BH. Anhand verschiedener historischer Unterwäsche-Objekte machte sie die Geschichte der Frauen-(Unter-)Kleidung  in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Bezügen anschaulich. Kaum noch vorstellbar war für die Teilnehmer:innen etwa, dass Frauen im 19. Jahrhundert allein bis zu zweieinhalb Kilo Unterwäsche zu tragen hatten (von Unterhemd und Unterhose über Unterröcke und Korsett bis zu Leibchen und Bluse).

Kerstin Hopfensitz nahm die Reisegruppe am Folgetag dann auch mit auf die Schwäbische Alb – eine frühere Hochburg der Textilindustrie. Im Maschenmuseum Albstadt erhielten die Teilnehmenden spannende Einblicke in die technische, aber auch die soziale Seite der regionalen Maschenindustrie, Maschinenvorführung inklusive. In der ehemaligen Mössinger Textildruckfirma Pausa bewunderten sie die sorgfältig archivierte Sammlung von Stoffdrucken, die teils von bekannten Künstlern gestaltet worden waren, sowie eine Ausstellung mit historisch inspirierten Entwürfen Metzinger Modeschüler:innen. Einen Blick in die Gegenwart und Zukunft der Textilproduktion und des Modedesigns erlaubte schließlich der Besuch des Texoversums Reutlingen, das nicht nur mit seiner textilen Fassade beeindruckte, sondern auch mit seinen Innenräumen, in denen an textilen Innovationen geforscht wird.

Technologie, Kunst und ein Plädoyer für die Textilwissenschaft

Um Innovation ging es auch im Vortrag des Ingenieurs Thomas Fischer, der an den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung das Zentrum für Management Research leitet. Angesichts der Vielfalt menschlicher Körper und Bedürfnisse sollten Kleider eigentlich keine Massenprodukte sein. Die Digitalisierung könne dabei helfen, die Kleiderproduktion wieder stärker zu personalisieren. So kann auf Basis eines 3D-Körper-Scans prinzipiell für jeden Menschen ein individuelles Modell erstellt werden, an dem dann Kleidungsentwürfe virtuell ausgetestet und für die Produktion angepasst werden. Technologie an sich sei immer wertneutral, könne aber freilich auch anders genutzt werden als beabsichtigt – im schlimmsten Fall könnte die präsentierte Technologie etwa entgegen der eigentlichen Intention auch zur fast fashion beitragen, indem neue Modelle immer schneller entwickelt und gedruckt werden.

Ilonka Czerny, die an der Akademie den Fachbereich Kunst leitet, blickte als Kunsthistorikerin noch einmal ganz neu auf das Thema und arbeitete an verschiedenen Beispielen heraus, welche Rolle Textilien in der Kunstgeschichte spielen – von der Wissenschaft des Faltenwurfs, die bei der Datierung von Kunstwerken helfen kann, über die Symbolik der Kleidung zum Beispiel bei Darstellungen des Franz von Assisi oder in Gemälden von Rubens bis hin zum Bauhaus, das die Textilarbeit zur Kunsttechnik erhob, und schließlich zu Christos Reichstagsverhüllung.

In ihrem abschließenden Vortrag nahm die Paderborner Kultur- und Textilwissenschaftlerin Kerstin Kraft noch einmal viele Fäden der vorangegangenen Tage auf. Obwohl die akademische Beschäftigung mit Kleidung und Mode mittlerweile etabliert sei, gebe es angesichts der angeblichen Banalität des – außerdem als „weiblich“ abgewerteten – Themas noch immer einen gewissen Rechtfertigungszwang. Das Programm der Sommerakademie habe aber in seiner großen Vielfalt gezeigt, wie gewinnbringend es sei, das Thema Kleidung und Mode – als große anthropologische Konstante neben Essen und Wohnen – aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven zu erforschen.

Rote Fäden

Die Sommerakademie verband historische Tiefenschärfe mit einem kritischen Blick auf Gegenwart und Zukunft. Dabei gab es mehrere rote Fäden, die in vielen Vorträgen und Gesprächen immer wieder durchschienen: So wurde Mode wiederholt als Ausdruck sozialer Ordnung thematisiert, sei es durch Abgrenzung oder durch die Inszenierung von Zugehörigkeit. Eine große Rolle spielte das Globale im Regionalen, etwa im Kontext von Kolonialismus oder modernen Produktionsbedingungen. Ein weiterer zentraler Strang betraf Geschlechterrollen, von der „verweiblichten“ Handarbeit bis hin zur Unterwäsche als Spiegel weiblicher Selbst- und Fremdbilder. Auch Tradition und Transformation klangen regelmäßig an, etwa bei Dirndl und Tracht oder bei der mode à la grècque. Und schließlich kamen wiederholt der technologische Wandel und seine Folgen zur Sprache. Eng damit verbunden war immer wieder der Appell, den eigenen Konsum zu hinterfragen und sich verantwortungsvoller zu kleiden.