| Newsletter November 2026

Zwischen Kuhstall und Kanzel

Von Uwe Beck, Katholisches Sonntagsblatt

»Mitten drin – und doch herausgehoben« – unter diesem Titel stand eine Fachtagung  über das Leben des Landpfarrers im Wandel der Zeit, zu der die Akademie in Stuttgart-Hohenheim und der Geschichtsvereins der Diözese jetzt eingeladen haben. 

Wer 500 Jahrhunderte Geschichte des Landpfarrers im Südwesten kirchengeschichtlich in den Blick nehmen will, braucht Fachleute und interessierte Hobby-Historiker. Knapp 40 Teilnehmer verzeichnete eine Fachtagung  der Akademie und des Geschichtsvereins der Diözese in Stuttgart-Hohenheim mit dem Titel »Zwischen Kuhstall und Kanzel«. 

Geistlicher und Landwirt

Die Forschungsliteratur zu  Landpfarrern ist bislang überschaubar, jetzt geben neue Arbeiten dazu erhellende Einblicke in eine Zeit, die beinahe vergessen scheint. Sie bieten spannende Einblicke in die Berufs- und Alltagsbiographien der Geistlichen im ländlichen Raum der letzten Jahrhunderte. Der Landpfarrer des 18. und 19. Jahrhunderts war Geistlicher und Landwirt zugleich. Seine Arbeit als Landwirt verband ihn mit den Gemeindemitgliedern. Somit war er einer von ihnen. Erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts änderte sich das Priesterbild durch konkrete Neuerungen. »Der Bildungsgrad des Klerus stieg und Predigt, Moraltheologie sowie Gesprächsführung wurden zentrale Aufgaben des Landpfarrers – ein neues Pfarrer-Ideal etablierte sich«, so der Trierer Kirchengeschichtler Frederik Simon.

Trotz der Arbeit in der Landwirtschaft wurde das Leben des Landpfarrers von nun an angenehmer. Das erläuterte die Münsteraner Kirchengeschichtlerin Eva-Maria Ameskamp. Eigene Schlaf- und Arbeitszimmer schafften eine neue Form von Privat-Leben, eine Bibliothek und Bilder an der Wand formten einen neuen Pfarr-Stand. »Anfang des 19. Jahrhunderts konnten die Pfarrer ihre Ländereien verpachten, um mehr Zeit für die Seelsorge zu haben. Sie wurden jetzt zum Mitglied der Obrigkeit im Dorf«, betonte Maria Ameskamp.

Dadurch wurden sie aber auch zur Zielscheibe für (neue) Formen der Kritik aus der Gemeinde. Stellte bislang der Pfarrer hohe Anforderungen an die Glaubenspraxis seiner Schäfchen, so formulierten nun auch die Gemeindemitglieder Maßstäbe an ihre Seelsorger. Waren sie unzufrieden, konnte eine Landgemeinde durchaus die Ablösung ihres Pfarrers betreiben, wie Archivar Edwin Ernst Weber es für die Gemeinde Dunningen mit Quellen belegen konnte.

Ökonomie und Spriritualität

Welcher Pfarrer geht nachts gerne bei Wind und Wetter »mit Stiefeln in Kot watend« zu einem Versehgang zu sterbenden Menschen? Der Tübinger Kirchengeschichtler Andreas Holzem zeigte die Spannungen eines Landpfarrers zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in Westfalen auf: »Der Alltag eines Landpfarrers war ökonomisch geprägt. Und dennoch wartete das Kirchenvolk besonders am Lebensende auf spirituelle Begleitung, gerade dann, wenn es durch ihre Landarbeit den Pfarrer mit ernährte. Das war damals Teil seines Einkommens. Heute streiten wir uns mit dem Pfarrer über dies und das, aber zum Glück nicht mehr über sein Gehalt«, so Andreas Holzem.

Mit dem Zölibat in der Frühen Neuzeit befasste sich Wolfgang Scheffknecht aus Feldkirch. Demnach betraf das sogenannte Konkubinat der Pfarrer etwa 50 Prozent der Gesamtpriesterschaft in dieser Zeit. Die Versorgung des Klerus geschah eben auch durch die Priesterkinder und die Pfründe konnten an diese weitergegeben werden, wenn der Patronatsherr einverstanden war. Das Konzil von Trient wollte diesem Zustand ein Ende setzten und verlangte die Entlassung aller Konkubinen binnen zweier Wochen. »Die Wirkung im Klerus war gleich Null«, berichtete Wolfgang Scheffknecht. Erst wenn ein Pfarrer mit einer verheirateten Frau die Ehe brach, wurde das zu einem (moralischen) Problem im Kirchenvolk. Der Einsatz von Dekanen als Aufsichtspersonal des Bischofs trug schließlich dazu bei, das Konkubinat der Pfarrer mehr und mehr einzuschränken und zum Erliegen zu bringen.

Dorfcaritas und Gelehrsamkeit

Die kirchlichen Landgemeinden waren auch ein Anfang der Dorfcaritas im 20. Jahrhundert. Das belegte Kirchengeschichtler Bernhard Schneider aus Trier am Beispiel von Pfarrer Franz Keller aus Freiburg. »Caritas wurde zu einer Art Teil-Aspekt von Seelsorge, eben als Ausdruck kirchlichen Selbstverständnisses«, erläuterte er. Das führte auch für den Landpfarrer zu einem neuen Stand in der Gemeinde, zumal dann, wenn es ihm gelang, Caritas mit einer inneren Mission der Gemeinde zu verknüpfen. »Dass dabei die Mitarbeit der Laien notwendig wurde, versteht sich von selbst.« Im Grunde war so der Weg zur Dorfhelferin und zur späteren Gemeindereferentin geebnet.

Wie kann ein Pfarrer jahrzehntelang Seelsorger in einer Gemeinde mit 100 Mitgliedern sein? Die Freiburger Kirchenhistorikerin Daniela Blum zeigte am Beispiel von Pfarrer Magnus Rief in der Gemeinde Dürrenwaldstetten auf der Schwäbischen Alb auf, wie ein Intellektueller zwischen Kuhstall und Kanzel überleben konnte. »Indem er schrieb und seine Gelehrsamkeit gegen die protestantischen ‘Irrlehren’ einsetzte«, so Daniela Blum. Magnus Riefs Eintragungen im Kirchbuch sind mehr als nur Taufregister, sie werden zu theologischen Debatten in den Jahren 1790 bis 1815.

Ein Bruder im Geiste war der Pfarrer und Schriftsteller Johann Baptist Hafen, seit 1851 Seelsorger in Gattnau am Bodensee. Domkapitular Uwe Scharfenecker aus Rottenburg erklärte, wie Johann Baptist Hafen zu einem Landpfarrer der ganz eigenen Art wurde. »Er gründete einen Leseverein als Vorgänger der heutigen Büchereien und setzte auf eine gute Pastoral. »Ich gebe mir große Mühe bei der Seelsorge, denn auch in späteren Krisen finden die Menschen zurück zum einmal Gelernten«, schrieb Pfarrer Hafen weitsichtig. Auch ging er – im Unterschied zu seinen Kollegen im 18. Jahrhundert – gerne auf Versehgänge. 400 Kinder sollen an seinem Grab geweint haben – »ein schöner Beweis für einen Seelsorger«, so der Referent. 

Ladnpfarrer gestern, heute und morgen

Wie wird ein Landpfarrer zum Landpfarrer? Der Freiburger Archivar Christoph Schmider beschäftigte sich statistisch mit Nachrufen und erklärte, dass Landpfarrer - zumindest begrifflich - meist erst im Nachhinein zu solchen wurden, indem dies in ihre Nachrufe hineingeschrieben wurde. »Welche Quellen stehen uns noch zur Verfügung?«, fragte der Würzburger Kirchengeschichtler Dominik Burkhard am Ende der Tagung. Einige Lücken konnten geschlossen werden. Und: Die Frage nach dem »Landpfarrer von morgen« wurde auch gestellt – im Bewusstsein, dass es diesen aufgrund der neuen Strukturen in allen Diözesen wohl so nicht mehr geben wird.