| Newsletter Juli 2026

Zwischen Care und Manosphere

25 Jahre Arbeitskreis für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung

Von Johannes Kuber

Vom 18. bis 20. Juni 2026 fand die 16. Tagung des Arbeitskreises für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung (AIM Gender) statt – im Zeichen eines doppelten Jubiläums: 25 Jahre AIM Gender und 75 Jahre Akademie. Rund 70 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis blickten zurück und diskutierten aktuelle Herausforderungen.

Ein Jubiläum mit Geschichte

Die erste Tagung des Arbeitskreises AIM Gender fand im Februar 2001 in Stuttgart-Hohenheim statt – unter dem Titel „Männlichkeitskonstruktion, Mannsein und deren Auswirkungen auf Kultur und Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart“. 25 Jahre später kehrten einige der Referierenden von damals zurück: Martin Dinges (Stuttgart), Michael Meuser (Dortmund) und Walter Erhart (Bielefeld) blickten im Eröffnungspodium auf die Entwicklung des Feldes zurück – von frühen Debatten über Konstruktionen von Männlichkeit bis zu einer Gegenwart, in der das Thema gesellschaftlich und politisch neu aufgeladen ist. Mitorganisator Toni Tholen (Hildesheim) hob vier prägende Dimensionen hervor, die die Arbeit des Netzwerks im vergangenen Vierteljahrhundert geprägt haben: den andauernden interdisziplinären Austausch, das dynamische Ringen um Begriffe und Konzepte, die kontinuierliche Sichtbarmachung des Themas im akademischen Feld sowie die logistische wie inhaltliche Koordinationsleistung von 16 Tagungen und zahlreichen gemeinsamen Publikationen.

Vielfalt als Markenzeichen

Die Tagung zeichnete sich wie stets durch ein ungewöhnlich breites Feld an Themen und Teilnehmenden aus: Forschende aus Soziologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft, Gender Studies und anderen Fächern – von Bachelor-Studierenden bis zu Professor:innen – saßen gemeinsam mit Fachkräften aus sozialer Arbeit, Pädagogik, Psychotherapie, Jungen- und Männerarbeit und Queerpastoral an einem Tisch. Auch internationale Teilnehmende waren vertreten, etwa aus Norwegen, Frankreich, Italien, der Schweiz und den Niederlanden – ein Zeichen für die wachsende europäische Vernetzung des Feldes.

Aktuelle Themen: Von der Manosphere bis zur geschlechtersensiblen Medizin

Neben Überblicken auf die Männlichkeitenforschung in verschiedenen Disziplinen war auch genügend Raum zur Diskussion aktueller Forschungsprojekte. Thema war zum Beispiel das Spannungsfeld von Vaterschaft und Sorgearbeit: Während moderne Väter Care-Arbeit zunehmend als identitätsstiftend begreifen, erstarken gleichzeitig globale Bewegungen, die eine Rückkehr zum Alleinverdiener-Modell und zu „Tradwives“ propagieren. Diese Re-Traditionalisierung spiegelt sich besonders drastisch in der sogenannten Manosphere wider. Hier eignen sich maskulinistische Influencer und Podcaster Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ strategisch an, um sie inhaltlich zu entleeren und ideologisch umzudeuten. Sie propagieren oft eine „libertär-autoritäre Männlichkeit“, die sich auf neoliberale Selbstoptimierung und antifeministisches Ressentiment gründet.

Gleichzeitig beleuchtete die Tagung wichtige Leerstellen der Forschung, etwa in der geschlechtersensiblen Medizin, wo Männergesundheit oft noch auf Urologie reduziert wird anstatt die Wirkung von Männlichkeitsnormen auf die medizinische Versorgung systematisch zu untersuchen. Auch historische Analysen zu Männlichkeitsvorstellungen in der DDR oder innovative Ansätze aus trans/inter/nichtbinären Communities zeigten, wie Männlichkeit als relationale Praxis auch jenseits klassischer Männerbilder wirkt. Die Literatur kann hierbei, das zeigten mehrere Beiträge, als „Ermöglichungsraum“ wichtige Perspektiven eröffnen, indem sie alternative Lebens- (und Männlichkeits-)Entwürfe für Leser:innen vorstellbar macht.

Stimmen aus der Tagung

Im Rahmen der Tagung sind drei kurze Video-Interviews entstanden (s.u.). Olaf Stieglitz, Toni Tholen und Diana Lengersdorf sprechen über die Entwicklung des Forschungsfeldes und aktuelle Herausforderungen: Stefan Horlacher erläutert, was Literatur als Ermöglichungsraum für alternative Männlichkeitsentwürfe leistet. Und Gregor Schuhen beobachtet die Pluralisierung von Männlichkeiten in Literatur und sozialen Medien – und die reaktionären Gegenbewegungen.