Von: Fabian Jaskolla M.A.,M.A.
Es war eine glückliche Fügung, dass die frisch herausgegebene Studie zu Politikstilen am 21. Mai im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart diskutiert wurde. An diesem Ort wurde in den Wochen zuvor die Neuauflage der grün-schwarzen Koalition sondiert. Die Wahl des auch noch kurz nach der Wahl eines neuen Ministerpräsidenten. Auf dem Podium begegneten sich Praxis und wissenschaftliche Reflexion: Johanna Henkel-Waidhofer, Journalistin und Landeskorrespondentin, Muhterem Aras, seit dieser Legislaturperiode Landtagsvizepräsidentin und zuvor 10 Jahre Landtagspräsidentin, und Prof. Dr. Kristina Weissenbach von der NRW School of Governance.
Studienerkenntnisse
Zu Beginn der Veranstaltung stellten Dr. Ole Meinefeld und Prof. Dr. Kristina Weissenbach die Kernaussagen ihrer Studie vor. Über vier Jahre wurde anhand von 613 Beiträgen untersucht, wie Leitmedien Spitzenpolitiker:innen von Friedrich Merz bis Heidi Reichinnek darstellen. Im Fokus stand also das ‚Wie‘ von Politik. Politikstil wurde dabei in vier Dimensionen ausdifferenziert entlang derer die Medienbeiträge analysiert wurden: (1) Symbolische Dimension (u.a. Rhetorik, Mimik, Gestik), (2) Emotionale Dimension (Charakter, Emotion, Privatleben), (3) Deskriptive Dimension (u.a. Geschlecht, Alter, Herkunft) und (4) Substanzielle Dimension (Einstellung, Sachkompetenz, Erfolge und Erfahrung). Als zentrale Erkenntnisse der Studie wurden ein negativer Grundton und die Dominanz symbolischer und emotionaler Deutungen in der Medienberichterstattung herausgestellt. Sachkompetenz und Erfahrung kommen weniger in Politikstildeutung genutzt – und wenn, dann überwiegend bei männlichen Spitzenpolitikern.
Repräsentation
Im anschließenden Podiumsgespräch war die Studie der Ausgangspunkt, um über die Frage von Politikstilen in der baden-württembergischen Landespolitik zu diskutieren. Im Gespräch mit Muhterem Aras, die zehn Jahre dem Landtag als Präsidentin vorstand, wurde die Wichtigkeit von Repräsentation deutlich. Als sie im Alter von 12 Jahren nach Deutschland kam, sei der Anteil von Frauen im baden-württembergischen Landtag unter zehn Prozent gewesen. Politik lebe auch von Identifikation – entsprechend hob sie die Biografie und Aufstiegsgeschichte von Cem Özdemir bis zum Ministerpräsidenten positiv hervor.
Zwischen Medienkritik und Konsumentenverantwortung
Beim Blick auf die tendenziell negative Deutung von Politikstilen, appellierte Johanna-Brigitte Henkel-Waidhofer auch an die Konsumentenverantwortung der Zeitungsleser:innen und Mediennutzer:innen. So führen mediale Praxen wie Clickbaiting dazu, dass reißerische Überschriften mehr Aufmerksamkeit erfahren als eine sachliche gehaltene Berichterstattung. Zugleich wurde in der Debatte deutlich, welche Funktion eine kritische Berichterstattung in der Demokratie hat, die sich von einer Hofberichterstattung unterscheiden muss. Eine Balance ist hier entscheidend.
Doch welche konkreten Ansätze gibt es, um angesichts gesellschaftlicher Polarisierung und erstarkender politischer Ränder das Demokratievertrauen zu stärken? Einig war sich das Podium darin, welche Bedeutung der zwischenmenschlichen Begegnung und den Begegnungsräumen zukommt. Diese seien nicht durch digitale Räume zu ersetzen. Vielleicht ist daran auch etwas über den Auftrag abzulesen, den Orte wie die Akademie für die Gesellschaft haben: Menschen miteinander ins Gespräch bringen – auch Politiker:innen. „Denn auch Politiker:innen sind Menschen“, erinnerte Landtagsvizepräsidentin Aras an diesem Abend. Und so bleibt der Anspruch als ‚Akademiestil‘ auch 75 Jahre nach Gründung: Dialog und Gastfreundschaft.
Die ganze Studie finden Sie online unter: Politikstile | Heinrich-Böll-Stiftung


