Von Sabrina Mynarik
In den letzten Jahren gewannen Kinder in den Geschichtswissenschaften immer mehr an Relevanz. Dem zunehmenden Interesse an der Erforschung der Kindheit und den damit verbundenen Problematiken, widmete sich der „Arbeiterkreis Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit“ bei seiner 30. Jahrestagung in Stuttgart-Hohenheim.
Der Forschung liegt eine schwierige Quellenlage zu Grunde, denn Kinder erzeugten kaum eigene Spuren, vielmehr muss ihr Leben durch die Sicht von Erwachsenen rekonstruiert werden. Nach Nadine Amsler war die Erziehung von kleinen Kindern eine „Face to Face“ Angelegenheit, die nicht oft schriftliche Zeugnisse hinterließ. In ihrer Keynote zum Kurfürstenhof in München, zeigte sie, dass das „Kinderzimmer“ im 17. Jahrhundert vom „Frauenzimmer“ räumlich getrennt war. Die regelmäßigen Briefe der Vorsteherin des „Kinderzimmers“ an den Kurfürsten geben seltene Einblicke in den Alltag und die Erziehung
der Kinder. Carina Siegl legte ihren Fokus auf den gemeinsamen Hofstaat der beiden minderjährigen Fürstinnen Anna Jagiello und Maria von Habsburg an der Hofburg in Innsbruck zwischen 1515-1521. Sie interessiert sich für die verschiedenen Personen, die Teil des „Frauenzimmers“ waren, ebenso wie für geschlechterspezifische Handlungsräume und deren durchlässige Grenzen.
Alter als Grenze
Bis zu welchem Alter war man Kind bzw. Jugendlich? Chiara-Marie Hauser zeigte anhand von Fällen über sexuelle Gewalt, dass das Alter der beteiligten Personen nicht nur eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Strafhöhe war, sondern es auch den Fokus der Wahrnehmung verschob. Während bei minderjährigen Tätern das Opfer in den Hintergrund rückte, war es bei erwachsenen Tätern genau umgekehrt. Streng an Altersgrenzen gebunden war auch die Aufnahme von Mädchen ins Frauenkloster. Wie Michèle Steiner erläuterte, setzt der Begriff „Kind“ als Analysebegriff aber nicht zwingend ein Untersuchungsgegenstand jungen Alters voraus. Sie legte dar, dass der Begriff „Kind“ von den Nonnen als Selbst- bzw. von außenstehenden Personen als Fremdbezeichnung für diese genutzt wurde.
Emotionale Verbundenheit
Die Verbindung zwischen Emotionen, Schmerz und ehemännlichem Beistand bei Fehlgeburten und schwierigen Geburten untersuchte Cassandre Mardonao. Sie thematisierte nicht nur, dass Väter trauerten, wenn die Ehefrau oder das Kind bei der Geburt starben, sondern auch, dass diese wesentlich stärker in den Geburtsprozess eingebunden waren als bisher in der Forschung angenommen. Der veralteten Vorstellung einer emotionalen Distanz zwischen Eltern und Kindern hielt Cornelia Aust mittelalterlichen Praktiken entgegen, mit welchen vor allem Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft ihrer (sehr jung) verstorbenen Kinder gedachten. Anhand von Kindergrabsteinen und Selbstzeugnissen veranschaulichte sie, dass die emotionale Verbundenheit von Eltern in den historischen Quellen gefunden werden kann. Dass neben Pfarrern sich auch Eltern einsetzten, um ihre „taubstummen“ Kindern die Konfirmation zu ermöglichen, zeigte Michaela Kästl in ihrem Beitrag. Fünfzig Fallberichte zwischen 1733 und 1799 bieten einen Einblick in die sozialen Lebenswelten von gehörlosen Kindern und die ihnen zukommende elterliche Fürsorge.
Normen, Netzwerke und Abhängigkeit
Wie Magdalena Irnstötter darstellte, wurden Kinder in den Zivilrechtskodifikationen des 18. und 19. Jahrhunderts in ein dichtes Netz an rechtlichen Normen eingebettet, die der bürgerlich-patriarchalen Geschlechterordnung unterlagen. Wie sie darlegte, waren Kinder in Scheidungsverfahren ein zentraler Streitpunkt, wobei die Regelung von Obsorge und Unterhalt in der Praxis oft von den Gesetzen abwich. Marcus Stiebing untersuchte am Beispiel der Theresianischen Militärakademie, wie soziale Machtrelationen entstanden und vermittelt wurden. Im Vokabular wurde die Kindheit semantisch zugespitzt. Die Kinder waren zwar in ein dauerhaftes Geflecht von Autoritäten eingebunden, doch es gab auch Situationen für Selbstermächtigungen, was zeigt, dass diese auch über Agency verfügten. Ulrike Krampl interessierte sich für Kinder, welche zwischen dem französischen Festland und den Kolonien im 17. und 18. Jahrhundert zirkulierten. Wie sie zeigte, produzierten Kinder durch den Austausch Beziehungsgeflechte zwischen den unterschiedlichsten Personen.
Kinder waren somit in der Frühen Neuzeit in verschiedene Netzwerke eingebettet, sie standen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Erwachsenen und wurden meist erst durch deren Handlungen sichtbar. Schon früh unterlagen sie sozialen, rechtlichen und geschlechtlichen Normen und waren doch keine passiven Objekte, so das Fazit der Tagungsteilnehmer:innen im Rahmen der Abschlussdiskussion.
