Von Dr. Johannes Frühbauer
Wir alle kennen die Redewendung „Von Pontius bis zu Pilatus“ zu gehen, die zum Ausdruck bringt, dass der Versuch eine Sachangelegenheit zu klären oder um eine zufriedenstellende medizinische Diagnose zu erhalten, ergebnislos bleibt. Und die meisten von uns wissen, dass der Berg bei Luzern am Vierwaldstätter See nach dem römischen Statthalter benannt ist. Die lokale Wetterprognose bezieht sich gerne auf diesen Berg: „Trägt Pilatus einen Hut, bleibt das Wetter gut“. Vieles mehr ließe sich aus der Ideen- und Kulturgeschichte zu diesem Namen, zu dieser unbestritten historischen Gestalt ergänzen. In wuchernden christlichen Legendenbildungen soll Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt gewesen sein – was ja bereits die Passionserzählungen erkennbar werden lassen; später dann – so die weiteren Legenden – wurde er zunächst zu einem heimlichen, dann zu einem offenen Christen und sogar schließlich zu einem Märtyrer.
Als Christinnen und Christen ist „Pontius Pilatus“ ein Name, der uns im sonntäglichen Gottesdienst im Credo begegnet. Und er spielt als römischer Protagonist in der Passionserzählung eine wesentliche Rolle, die in der römisch-katholischen Liturgie am Palmsonntag sowie am Karfreitag vorgetragen wird. Seiner Begegnung mit Jesus verdanken wir markante Sätze wie „die Hände in Unschuld waschen“ oder „Was ist Wahrheit?“. Dieser Frage werde ich nun im Folgenden mit einigen knappen Überlegungen nachgehen. Doch vorweg einige Charakterisierungen zu Pilatus.
Pontis Pilatus erlangt einzig und allein durch zufällige Umstände seiner Amtsführung Weltruhm – so der Historiker Alexander Demandt (*1937) in seinem Buch über ihn. Pilatus war einer, so Demandt, „von Hunderten römischer Provinzstatthalter, nicht einmal der höheren senatorischen Klasse, sondern nur der niederen ritterlichen Rangordnung. Was ihn bekannt machte, war keine militärische oder administrative Leistung, kein aufsehenerregendes Schicksal, kein ungewöhnlicher Charakter, sondern schlicht eine ganz gewöhnliche Polizeimaßnahme gegen einen Rebellen, einen von Aberhunderten. Eine Routinehandlung. Und dennoch wäre ohne jene beiläufig Entscheidung Jesus nicht zum Heiland der Menschen geworden, wäre die Weltgeschichte völlig anders verlaufen. Gab es je ein krasseres Missverhältnis zwischen minimaler Ursache und maximaler Wirkung? Nur ein göttlicher Heilsplan, so glaubten und glauben, die Anhänger der größten Weltreligion kann dieses Wunder erklären.“ (Alexander Demandt, Pontius Pilatus, München: C.H. Beck 2012, S.7). Bemerkenswert finde ich auch Demandts Hinweis, dass wir über Pilatus aus außerbiblischen Quellen wesentlich mehr wissen, als über Jesus, den wir letztlich nur aus christlichen Zeugnissen näher kennen. (Ebd. 8)
Nun ein kurzer Blick auf diese nicht nur philosophische Frage: Was ist Wahrheit? Während die Synoptiker, also Markus, Matthäus und Lukas, das Wort vermeiden, ist es für das Johannes-Evangelium von zentraler Bedeutung. Es erscheint an 18 Stellen in unterschiedlichem Sinn. Das griechische Wort „aletheia“ (ἀλήθεια) heißt eigentlich „Unverborgenheit“ und nähert sich damit dem Begriff Offenbarung, der an höhere Sphähren rührt. „Wahrheit hat bei Johannes einen umfassenden Sinn, ist so etwas, wie göttliche Ordnung durch Gnade vermittelt, durch Glaube vollzogen. Jesus verkündet und verkörpert sie.“ (Ebd. 85). Sein Statement, an Pilatus adressiert, lautet. „Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, um die Wahrheit zu bezeugen. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme“ (Joh 18,37).
Sein Unverständnis für die Aussage Jesu signalisiert Pilatus letztlich mit seiner Frage an Jesus: „Was ist Wahrheit?“ Im gegebenen Zusammenhang bleibt diese Frage ein Fremdkörper, ein Stein des Anstoßes, denn sie bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Dem Leser, der Leserin des Johannes-Evangeliums hat Jesus diese Frage allerdings längst beantwortet. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben…“ (Joh 14,6). Im Mittelalter wurde übrigens der geheime Sinn der Frage „Quid est Veritas?“ mit dem Anagramm beantwortet „Est vir, qui adest“ – „Die Wahrheit ist der Mann hier.“ (Vgl. ebd. 86) Die Kirchenväter der frühen Kirche haben das offene Ende des Gesprächs mit der Ungeduld des Landpflegers erklärt, der dann eben hinausging, um den Juden eine Amnestie anzubieten, anstatt überhaupt auf die Antwort Jesu zu erwarten.
Wie wurde eigentlich über Wahrheit in früheren Zeiten gedacht? In der griechisch-römischen Welt lautete die Antwort auf die Pilatus-Frage: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit, oder mit der Zeit kommt die Wahrheit ans Licht. Im Grunde genommen geht Jesu Verkündigung in eine ähnliche Richtung. Denn nichts ist oder bleibt verborgen, was nicht offenbar werden soll (Mt 10,26); und im Johannes-Evangelium erscheint der „Geist der Wahrheit“ von oben mit der Ausgießung des Heiligen Geistes (16,13, 14,26). Im Denken der Antike entsteht die Wahrheit hingegen von unten – durch menschliche Bemühung. Da diese aber niemals abgeschlossen ist, bleibt stets eine Unsicherheit bestehen. (Vgl. ebd. 87)
Das römische Recht wiederum entschied in dieser Frage pragmatisch: „Res iudicata pro veritate accipitur.“ Gemeint ist: „Wenn eine Sache gerichtlich entschieden ist, so wird das als Wahrheit angenommen. Die Wahrheitsfindung ist Aufgabe des Richters, sie bedarf einer Institution, einer Autorität. Der Präfekt urteilt im Namen des Kaisers, der Prophet predigt im Auftrag Gottes. Weltliche und geistliche Macht stehen einander gegenüber, in der Spannung zwischen ihnen vollzieht sich die Geschichte durch mehr als 2000 Jahre.“ (Ebd. 87) Es ließe sich noch eine Fülle an Aussagen und philosophischen Markierungen an dieser Stelle einbringen.
Wir können an dieser Stelle zumindest die Frage mit in unser Leben hineinnehmen. Allgemein in der Formulierung des Pontius Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ Oder auf uns selbst bezogen: Was oder wer ist für mich die Wahrheit? Und woher nehme ich die Gewissheit, dass es die Wahrheit ist? Und was macht dieses Erkennen der Wahrheit mit mir, mit meinem Leben? Oder bin ich noch ein Wahrheitssucher? Wir alle wissen: In einer Zeit, in der Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben und wir uns faktisch vor Fake News nicht mehr zu retten wissen, wirkt diese Frage nach Wahrheit, wie aus einer anderen Welt kommend. Wie ein Störfaktor oder wie ein nutzloses Gerümpel, dass wir zufällig auf dem Dachboden der Großmutter entdeckt haben und wir nichts mehr damit anzufangen wissen.
Die Frage scheint vielen nicht mehr zeitgemäß - ja, wer interessiert sich eigentlich noch für das, was mit Wahrheit gemeint ist? Stellen wir uns der Frage, nehmen wir diese Frage mit hinein in den stillen Karfreitag und halten wir dann inne, wenn uns in der Passionserzählung diese alles andere als x-beliebige Frage des Pilatus begegnet.
