| Newsletter Okt 2025

Vom Spielertunnel zur stabilen Seitenlage

Grundschulkinder lernen bei der "Schlaufuchs-Woche" vielfältige Lebenswelten kennen

Von Stefanie Jebram

Fühlt es sich erhaben an, wie ein VfB-Star durch den Spielertunnel in die MHP-Arena zu treten? Wie lässt sich mit erstaunlich wenigen Handgriffen DNA aus einer Banane isolieren? Ist es aufregend, in eine selbstgewählte Rolle in einem selbstgeschriebenen Theaterstück zu schlüpfen? Und wie kann jedes Kind mit Hilfe der stabilen Seitenlage Leben retten? Zum bereits sechsten Mal konnten Kinder im Grundschulalter im Rahmen der „Schlaufuchs-Woche“ unterschiedlichste Welten entdecken – und dabei viel Neues lernen.

Das Leben hat drei Säulen, so erfahren wir von Stefanie Stocker von der Initiative „Pflasterpass“: Bewusstsein, Atmung, Herzschlag. Die examinierte Krankenschwester erzählt spannend und aufeinander aufbauend, wie Erste Hilfe funktioniert: Verbände, stabile Seitenlage, Herzdruckmassage. Die Kinder, von denen viele sich erst am Morgen kennengelernt haben, sind konzentriert bei der Sache, sehr lebendig wird es erst, als alle aufgefordert sind, die Details aneinander und an Puppen auszuprobieren. Als am Ende des Vormittags die Zertifikate ausgeteilt werden, hat die Gruppe, die in diesem Jahr aus Kindern zwischen 6 und 12 Jahren besteht, sich gefunden und zieht voller Freude und wild bandagiert durch das Tagungszentrum.

Hochsensible Havaneserhündin

Nach dem Mittagsessen und einer langen Pause im Botanischen Garten dürfen wir uns auf den Besuch von Dr. Ilonka Czerny, Fachbereichsleiterin Kunst der Akademie, und ihrer Therapiehündin Arte freuen. Arte, eine hochsensible Havaneserhündin, begleitet und stärkt nicht nur ihre Besitzerin bei psychischen Problemen, sondern bildet gemeinsam mit ihr ein Team, um auch anderen Menschen helfen zu können. Dass sie darüber hinaus auch kleine Kunststücke beherrscht, bezaubert uns alle zum Abschluss des Schlaufuchs-Helfertags.

Teils noch sehr müde treffen wir uns am Dienstag bereits um 7:30 Uhr, um voller Aufregung Richtung MHP-Arena aufzubrechen. Es regnet in Strömen, als wir Patrick Eberle und Jannis Zeller vom VfB-Fanprojekt treffen. Hauptbestandteil ihrer Arbeit ist die kontinuierliche Begleitung der Fans bei allen Heim- und Auswärtsspielen des VfB Stuttgart, ein weiterer Bestandteil ist die politische Bildung. Und genau deshalb sind wir hier: Gemeinsam mit den beiden Fachkräften für Soziale Arbeit schauen wir uns altersgerecht an, was Rassismus im Fußball für Konsequenzen für die betroffenen Spieler:innen hat, welche Ungerechtigkeit darin liegt und dass Euphorie und Teamgeist sich aus etwas ganz anderem speisen als aus der Abwertung anderer.

Stadionführung beim VfB

Als Fritzle, das VfB-Maskottchen, überraschend im Raum steht, ist es Zeit für die Stadionführung. Bei noch immer schlechtem Wetter flüchten wir uns in den Porsche Tunnel Club, für den eine Saisondauerkarte beachtliche 17.000 Euro kostet, schreiten durch den Einlauftunnel, inspizieren die Spielerkabine, die durch eine offene Industrie-Architektur überrascht, begutachten die minutiösen Zeitpläne, die die teils halbminütigen Taktungen vor dem Beginn der Fernsehübertragung vorgeben und sitzen nass und stolz auf der Trainerbank am Spielfeldrand. Höhepunkte für die allermeisten Kinder ist der Besuch des fensterlosen 360 Grad-Inputraums, in den sich Mannschaft und Trainer vor den wichtigsten Spielen zur Motivation zurückziehen und in dem die Energie sofort zu spüren ist.

Dass Kinder zumindest gelegentlich ihre Eltern beraten sollte, wird spätestens am nächsten Vormittag klar. Die Biologin Maria Werner begrüßt zum Naturwissenschaftstag, bei dem es in diesem Jahr um das Thema Ernährung geht. Viele Schlaufüchse wissen bereits Bescheid über die fatale Abholzung des Regenwaldes durch Brandrodung, verstehen aber auch gleichfalls das Dilemma der Menschen vor Ort, die aufgrund ihrer Armut darauf angewiesen sind, auf ihren Plantagen die staatlichen Anbaupläne zu erfüllen. Dass die Kinder jedoch selber etwas tun können, indem sie ihre Familien von regionalen Produkten überzeugen, damit Obst keine langen Flugstrecken absolvieren muss, ist sofort allen eingängig.

Rotkohl-Säure und Bananen-DNA

Erstmals seit Beginn der Schlaufuchs-Woche 2019 findet das anschließende Basteln nicht im Garten statt – es regnet schon wieder. Umso mehr freuen wir uns auf die nachmittägliche Exkursion zum Ernährungswissenschaftlichen Instituts der Universität Hohenheim. Drei Wissenschaftlerinnen haben ihre Versuchsküche für uns gerichtet, es duftet nach Rotkohl. Beim ersten eigenständigen Versuch erleben die Kinder, wie der blaue Farbstoff des Suds auf Säure oder Base mit der Verfärbung in unterschiedliche Farben reagiert. Besonderen Spaß macht es schließlich, in Kleingruppen selbstständig die DNA aus Bananen zu isolieren – niemand von uns hatte das vorher je versucht.

Als wir am kommenden Morgen im Tagungszentrum Hohenheim eintreffen, warten bereits die beiden Theaterpädagoginnen Larissa Probst und Siri Thiermann auf uns. Ohne großes Morgenprogramm starten wir in den alljährlichen Theater-Workshop. Wie können wir das größte und wie das kleinste Gesicht der Welt machen, wie unsere Stimme und unseren Körper aufwecken, welche Gesten und welche Präsenz brauchen wir auf der Bühne, wie achten wir aufeinander? In der nächsten Stunde dann gilt es, die zurückliegenden Tage Revue passieren zu lassen, um aus den gemeinsamen Erlebnissen zwei kleine selbsterdachte Theaterstücke zu konzipieren. Rollen werden besetzt, Kostüme gefunden, Kulissen gebastelt und die Spielfreude ist so groß, dass es schon sehr bald nach dem Mittagsessen in die nächste Probenphase geht. Als schließlich die Familien um 16:30 Uhr zum Fest eintreffen, erwartet sie neben Currywurst und Chili sin Carne eine wunderbare Aufführung, die begeistert beklatscht wird.

Photosynthese im Botanischen Garten

Manchmal braucht es etwas Glück und just zu unserem Naturtag am Freitag sehen wir erstmals in dieser Woche die Sonne. Der Biologe und Bodenwissenschaftler Fahredin Emerllahu führt die Gruppe in das heutige Thema ein: Was ist Umwelt? Was schädigt sie? Warum machen uns Mikroplastik und verschmutze Luft krank? Und wie können wir selber die Umwelt im Alltag schützen? Bei einem Ausflug in den Botanischen Garten erfahren wir, dass ein durchschnittlicher Baum täglich bis zu 400 Liter Wasser über feine Kapillaren transportiert – und dass es ohne Bäume kein Leben gäbe. Selbst die Jüngsten beginnen zu begreifen, was Photosynthese bedeutet.

Den Nachmittag lassen wir entspannt am Lavendellabyrinth der Universität Hohenheim ausklingen – bevor wir ein letztes Mal im Tagungshaus zur Abschlussrunde zusammenkommen: müde, durchgewärmt, zufrieden und voller neuer Eindrücke.