| Newsletter Juli 2025

Vertrauen und Perspektivwechsel

Erfahrungen eines interkulturellen Jugendaustauschs in Ecuador

Von Lena Bareiss

Zwölf Tage lang haben sich junge Menschen aus Deutschland, von der indigenen Organisation CRIC (Consejo Regional Indígena del Cauca) aus Kolumbien und dem Kichwa-Dorf Sarayaku in Ecuador getroffen. Gemeinsam tauschten sie sich über zentrale Zukunftsthemen aus und entwickelten Handlungsperspektiven. Geleitet wurde das Begegnungsprojekt von Dr. Heike Wagner, Fachbereichsleiterin für Internationale Beziehungen an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und der Jugendvertreterin Katty Gualinga aus Sarayaku.

Wir sind in Sarayaku, einem indigenen Dorf der Kichwa im Amazonasgebiet in Ecuador. Wir, das sind indigene junge Menschen aus Ecuador und Kolumbien und Jugendliche aus Deutschland. Wir dürfen das Leben und den Alltag mit den Familien aus Sarayaku teilen, dürfen bei ihnen wohnen, an einer Minga (Gemeinschaftsarbeit des ganzen Dorfes) und den anschließenden Feierlichkeiten teilnehmen und ihre Lebensweise kennenlernen. Gemeinsam verbringen wir viele Stunden im Versammlungshaus auf dem Dorfplatz, umgeben von der überwältigenden Natur des tropischen Regenwaldes.

„Man lernt, indem man es erlebt“

Wir sind hier, um in Dialog zu treten, um voneinander zu lernen und alte Denkmuster zu verlernen, um Gedanken und Erfahrungen auszutauschen und unsere Vision einer gerechten Welt zu teilen. „Vivenciarlo se aprende – Man lernt, indem man es erlebt“, so fasst es Jeidy aus Kolumbien zusammen. Beim ersten interkulturellen Jugendaustausch vor sechs Jahren In Bolivien haben wir viel über das Zusammenleben mit der Natur gesprochen und darüber, wie Extraktivismusprojekte, Erdölförderung und Abholzung den Regenwald und das Leben von indigenen Völkern bedrohen. Wir haben analysiert, wie dies in einer globalisierten Welt mit der Lebensweise in Deutschland zusammenhängt. Wir haben verschiedene Formen des Widerstands diskutiert, etwa wie indigene Aktivistinnen und Aktivisten ihr Leben aufs Spiel setzen im Kampf gegen Umweltzerstörung und den Klimawandel. Auch in diesem Jahr bestimmen diese Themen viele Gespräche, zumal gerade auch Sarayaku für seinen Kampf und Widerstand gegen die Erdölförderung bekannt geworden ist und einen Prozess gegen den ecuadorianischen Staat vor dem interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gewonnen hat.

Wir teilen unsere Erfahrungen, öffnen uns und zeigen uns verletzlich

Doch in diesem Jahr kommen auch ganz andere Themen zur Sprache. Aus deutscher Perspektive haben wir unsere Sorgen, über den Rechtsruck, die immer tiefere Polarisierung der Gesellschaft, die Zunahme von Hass und Hetze, menschenfeindlichen Ideologien und die wahrnehmbare Kriegsgefahr eingebracht. Zugleich berichten die kolumbianischen Jugendlichen, wie sie täglich der Gewalt von bewaffneten Gruppen ausgesetzt sind. Die Region Cauca, in der sie leben, ist eine der am stärksten vom internen Konflikt und Drogenhandel betroffenen Regionen. Sie berichten von Massakern und Schusswechseln, denen sie nur knapp entkommen sind, sie erzählen von Freundinnen und Freunden, die sich aus Perspektivlosigkeit den bewaffneten Gruppen anschließen, von Familienmitgliedern, die verschwunden sind, und von Kindern und Jugendlichen, die durch die bewaffneten Gruppen zwangsrekrutiert werden.

Diese unterschiedlichen Erfahrungen teilen wir, öffnen uns und zeigen uns verletzlich. Wir unterhalten uns über den sozialen Druck, dem wir uns ausgesetzt fühlen, die Suche nach kultureller Identität, Spiritualität und Verbundenheit mit der Natur. Wir sprechen über Machismus und Geschlechteridentitäten, über Gewalt und Alkoholismus. Wir sprechen über koloniale Strukturen und Denkmuster, die bis heute großen Schmerz hervorrufen. Gleichzeitig entwickeln wir Strategien, wie wir diese Wunden heilen können, auf uns achten und gegenseitig unterstützen und so zu mehr Einheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen können. Wir wollen weniger über Unterschiede reden und mehr über ein Leben in Gerechtigkeit und Harmonie. Koakali aus Ecuador fasst es in seinem Rap in folgende Worte: „Hermanos somos todos en este mundo […] Estén donde estén son parte de mi lucha […] soy uno solo con la tierra y nada me divide […] Libero a mis hermanos para que me liberen – Wir alle sind Brüder/ Schwestern auf dieser Welt […] Wo auch immer sie sind – sie sind Teil mei nes Kampfes […] Ich bin eins mit der Er de, und nichts kann mich trennen […] ich befreie meine Brüder/Schwestern, damit sie mich befreien.“

Mit Vertrauen und Perspektivwechsel Veränderung schaffen

Vieles hat sich in den vergangenen sechs Jahren verändert – in mir und um mich herum. Die Fragen, die uns Jugendliche heute bewegen, sind teils noch immer die gleichen, aber auch andere als damals, und ebenso steht die Welt vor den noch immer gleichen und auch neuen Herausforderungen. Gerade deshalb braucht es unseren Einsatz, unsere Ideen, unsere Stimmen. Es braucht Verbindung, Engagement und den Mut, Visionen in Worte zu fassen und umzusetzen – für eine Zukunft, die wir Jugendlichen selbst mitgestalten. Diese Erfahrung hat uns echten Dialog erleben lassen und im Kleinen gezeigt, dass es möglich ist, Frieden zu schaffen, der Umweltgerechtigkeit, kulturelle Vielfalt und Geschlechteridentität einschließt und Respekt für alles Leben fordert. Deshalb ist unsere gemeinsame Botschaft an alle: mit Vertrauen und Perspektivwechsel schaffen wir Veränderung. Fangen wir an zu handeln.

Lesen Sie hier den Beitrag von Lena Bareiss im Magazin "Wandel" der Steyler Missionsschwestern.