Von Carolin Hochstuhl
Dass Vielfalt unverzichtbar für unsere Gesellschaft und mithin für die christlichen Kirchen war und ist, sollte eine Binsenweisheit sein. Doch angesichts eines rauer werdenden politischen Windes, der stetig unverhohlener zu marginalisieren sucht, was der konstruierten Norm einer vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft zu widersprechen scheint, ist dieses Bewusstsein immer weniger selbstverständlich. Umso relevanter, dass sich vom 22. bis 23. April eine Tagung in Bad Boll in Zusammenarbeit mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart interdisziplinär und ökumenisch mit der Sichtbarmachung queerer Geschichte(n) in der kirchlichen Vergangenheit auseinandergesetzt hat – und damit, wie gegenwärtig und zukünftig Queersensibilität in institutionellen Kontexten gefördert werden kann. Die Tagung knüpfte damit an Desiderate an, die bei einer ersten Tagung in Hohenheim 2024 identifiziert worden waren.
Eine allgemeine Geschichtsschreibung ohne queere Lebensgeschichten gibt es nicht
Dr. Kerstin Söderblom erinnerte in ihrem einleitenden Impulsvortrag an das Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau (EKHN) gegenüber queeren Menschen im Jahr 2023, mit dem ein Paradigmenwechsel stattgefunden und die Kirche Verantwortung für diskriminierende Predigten, Theologien und Handlungen übernommen habe. Auch wenn es sich dabei um ein Zwischenergebnis eines langen Anerkennungsprozesses handle, verändere sich damit die gesamte Gestalt der Kirche und das Leben werde für alle menschenfreundlicher, inklusiver, wertschätzender und respektvoller. Söderblom betonte aus persönlicher Perspektive, dass mit diesem historischen Schritt ein großes Stück des chronifizierten Minderheitenstresses von ihr abgefallen sei.
Queere Geschichten seien Teil jeder Kirchengeschichte – doch bisher häufig unsichtbar. Für eine queerinklusive Geschichtsschreibung – die nur dann auch eine allgemeine sein könne – fehle allerdings noch eine Systematisierung der reichlich vorhandenen „oral history“. Diese müsse gesichert werden, da sie vieles enthalte, was vergessen gemacht oder tabuisiert werden sollte. Doch, so Söderblom pointiert: „Ohne queere Lebensgeschichten ist Geschichtsschreibung nicht nur unvollständig, sie ist falsch“. Die subjektiven Deutungen der narrativen Lebensgeschichten müssten offizielle Geschichtsdarstellungen ergänzen und zu historischen Daten und Fakten in Beziehung gesetzt werden, sodass eine Matrix entstehe, die sich prozesshaft verdichte. Dieses „queering“ sei notwendig, um offenzulegen, wie Ausgrenzung funktioniere, welche Auswirkungen das habe und wie gesellschaftliche Heteronormativität immer wieder neu hergestellt und mit religiöser Sprache legitimiert werde.
Wie aber die Sichtbarkeit erhöhen?
In einer Talkrunde mit Henny Engels, Tomke Ande und Julius Kreiser machte Söderblom darauf aufmerksam, dass in (theologischen) Studiengängen und in der Bildungsarbeit häufig noch queersensible Module fehlten, die in jedes Fach durchbuchstabiert, intersektional verknüpft und generationsübergreifend vermittelt werden müssten. Dieser theologische Wandel müsse auch in den Gemeinden ankommen – eine Notwendigkeit, die sich Söderblom vor allem vor dem Hintergrund ihrer queeren Seelsorgearbeit zeigt: Dort begegne sie immer wieder einem richtenden Gottesbild, einem problematischen Bibelverständnis (inklusive sog. „clobber passages“) und entsprechenden theologischen Annahmen (wie: „queer ist nicht gottgewollt“). Dabei sei sie sich sicher: „Christlich und queer passen wunderbar zusammen. Gott selbst ist queer“.
So teilte Ande ihre Lebensgeschichte als queere Pfarrerin, was für sie lange Zeit ein Versteckspiel bedeutete: „Für mich war es keine Frage, dass Gott mich liebt und annimmt, wie ich bin, aber ich wusste, dass es für meine Kirche eine Frage ist“. Mittlerweile schafften Initiativen wie das 1986 von ihr mitbegründete „Maria und Martha Netzwerk“ oder die Lesbentagung in Bad Boll mehr Sichtbarkeit. Diesbezüglich berichtete der katholische Pastoralassistent Julius Kreiser von der Teilnahme des Diözesanverbands der katholischen jungen Gemeinde (KjG) am CSD in Stuttgart 2018 und der OutInChurch-Kampagne drei Jahre später. Doch ließe sich innerkirchlich zugleich eine Verwässerung des Vielfaltbegriffs beobachten, der sich nicht klar von Frömmigkeiten abgrenze, die in einem Alleinstellungsanspruch queere Personen von der Teilhabe an Kirche ausschließen wollten.
Henny Engels vom LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt blickte mit Sorge auf den gesamtgesellschaftlichen multiplen Backlash: „Die Gesellschaft entledigt sich eines Fortschritts, der mühsam erkämpft worden ist“. Queere Menschen versteckten sich wieder mehr, weshalb ein „Widerstand gegen das Unsichtbarmachen“ vonnöten sei. Entsprechend forderte Ande mehr historische Aufarbeitung seitens der Landeskirchen, die in Schuldbekenntnissen münden müsse sowie in einer Auseinandersetzung mit der Frage nach Entschädigungen für diejenigen, die in den 1980er Jahren ihre Stellen verloren haben. Katholischerseits hoffte Kreiser auf das Outing eines Bischofs als ultimatives Mittel der Sichtbarkeit, doch Engels sah die römisch-katholische Kirche noch weit davon entfernt, sie sei „noch nicht einmal in der Nähe von einem Schuldbekenntnis“. Eine öffentliche Anerkennung von Bewegungen wie OutInChurch als Teil der eigenen Kirchengeschichte käme schon einer „mittleren Revolution“ gleich, so Engels.
Ein queer-archivarisches Projekt – und weitere Pionierleistungen
Der Historiker Karl-Heinz Steinle und der Archivar Dr. Bertram Fink stellten die Projektidee „Sammlung Queer und Kirche“ des Evangelischen Archivs Baden und Württemberg (EABW) vor, die aus der Bitte bei der Vortagung 2024 hervorgegangen sei, Archivar:innen sollten Quellen queerer Kirchengeschichte aufarbeiten, da es bisher keine solche spezialisierte Queersammlung gebe. Fink stellte zunächst die Problematik des Schweigens der Überlieferung bezüglich queerer Quellen heraus: Das Thema würde nur indirekt, fragmentarisch oder gar nicht benannt. Die Bestände müssten erst „zum Sprechen gebracht“ werden. Ziel des Projekts sei es, historische Quellen queerer Kirchengeschichte dauerhaft zu sichern und zu erschließen, um sie systematisch erforschbar zu machen und eine langfristig belastbare Quellengrundlage zu schaffen. Immerhin seien Archive durch implizite Annahmen darüber, was als dokumentations- und überlieferungswürdig gelte, aktiv an der (Un-)Sichtbarmachung beteiligt. Dabei sollten Methoden aus der Queer-Theorie angewandt werden: Im Zuge eines „queering the archive“ sollten aufgrund von Defiziten in der Bestands- und Überlieferungsbildung auch nicht-amtliche Überlieferungen, sog. Ego-Dokumente und oral history übernommen werden. Dabei brauche es eine queersensible Erschließung, die auch verschleiernde Begrifflichkeiten und sprachliche Verdrängungsmuster erfasse. Fragen des Datenschutzes seien in diesen Fällen besonders zu bedenken. Steinle stellte einige Beispiele queerer Archive vor, die meist in den 1980er Jahren von sozialen Bewegungen gegründet worden seien. Den hinsichtlich Raum- und Personalsituation meist besser ausgestatteten Staats- und Stadtarchiven seien mittlerweile auf Grundlage von Recherchen und queerer Relektüre von Beständen bereits Ausstellungen gelungen, die queerer Geschichte einen Aufmerksamkeitsraum schafften – so in Tübingen oder Ludwigsburg.
Die Erkenntnisse aus diesen Überlegungen konnten in einer anschließenden Workshopphase durch einen Blick in einen Nachlass praktisch erprobt werden. Alternativ konnte bei der evangelischen Pfarrerin Dr. Florence Häneke über narrative Interviews, offene Fragetechniken und die Deutung von Zwischentönen und Leerstellen solcher Narrationen reflektiert werden. Oder es bestand die Möglichkeit im Workshop von Söderblom und Lol Ney in den intergenerationellen Dialog über Queersein in Kirche und Gesellschaft zu treten. Am Abend gab es die Gelegenheit, gemeinsam die queere Kirchenmusik von Helene Streck kennen- und singen zu lernen – gefühlvolle, persönliche Lieder der Selbst-, Gottes- und Glaubenserfahrung, die in der Morgenandacht am nächsten Tag ihren spirituellen Raum fanden.
Wie können Räume queersensibler werden?
Einen Safe Space gibt es nicht, so hatte Söderblom bereits am ersten Tag festgestellt, nur einen Safer Space. Wie aber kann dieser gefördert, wie können Einrichtungen queersensibler werden? Um auf diese gegenwartsbezogene Frage zu fokussieren, führte die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Schmauch am zweiten Tag in das Konzept der Regenbogenkompetenz ein, wobei sie aus dem eigenen Anwendungsbereich von Fortbildungen für Fachkräfte in Bildungseinrichtungen und der katholischen Erwachsenenbildung berichtete. Regenbogenkompetenz bedeute die Fähigkeit mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt möglichst diskriminierungsarm, vorurteilsbewusst und professionell umzugehen und umfasse mehrere Ebenen: die Aneignung von Sachwissen, Sozial- und Methodenkompetenz und die Fähigkeit zur Reflexion der eigenen Gefühle, Werte und Vorurteile. Auf der Sachebene plädierte Schmauch für einen weniger dogmatischen Umgang mit ohnehin stets nur vorläufigen Begrifflichkeiten. Im Hinblick auf die Sozialkompetenz gelte es vor allem mit dem Paradoxon umzugehen, dass queere Menschen sowohl „ganz anders“ als auch „wie alle anderen“ seien, da es neben den geteilten Erfahrungen und Kontexten auch spezifische Aspekte gebe, die nur queere Menschen erlebten. Prägnant formulierte sie: „Vergiss, dass ich queer bin und vergiss nie, dass ich queer bin“. Zur Selbstkompetenz in der Berufsrolle gehöre die Wahrnehmung der eigenen Person als Werkzeug, was ein hohes Maß an professioneller Selbstreflexion voraussetze, sowie die Fähigkeit zur Unterscheidung von „persönlich“ und „privat“. Die Arbeit im Regenbogenbereich könne geradezu als ein Beispiel dafür gelten, wie wichtig die Reflexion persönlicher Elemente in ihrer Bedeutung für den Beruf sei. Letztlich könne Regenbogenkompetenz jedoch nur im Zusammenspiel von Individuum und Institution wirksam werden. In zwei kurzen Workshoprunden konnte den damit verbundenen Fragestellungen an konkreten Praxisbeispielen aus verschiedenen Kontexten nachgegangen werden.
Das Schlusspodium hob die gelungene Verknüpfung von individuellen Geschichten gestern und institutioneller Queersensibilität heute hervor, doch blieb die Frage offen, wie man relevante Zielgruppen und Multiplikator:innen, die durch die Tagung bisher nicht erreicht würden, ansprechen könnte. Man war sich einig, dass die Kirchen, gerade in einer Zeit, in der Queerness wieder bedroht werde, mehr denn je in der Verantwortung seien, nicht nur geschichtliche Schuld aufzuarbeiten, sondern auch in der Gegenwart eigene tote Winkel zu identifizieren und sich aktiv auf die Seite queerer Menschen zu stellen. Hinsichtlich der bei einer Diskussion aufgeworfenen Frage um die Zugehörigkeit auch heterosexueller Personen zum „Regenbogen“ hatte Söderblom auf die hohe Relevanz einer solchen potentiellen Selbstwahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft aufmerksam gemacht, denn: Der Auftrag queersensibler zu werden gilt allen.
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