Der Preis wird alle zwei Jahre von der Akademie und der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen gemeinsam verliehen. Mit der Nominierung Boehms würdigen Fakultät und Akademie die herausragenden Arbeiten des israelischen Philosophen zur moralischen Verantwortung eines radikalen Universalismus, der das Menschsein und die Würde des Menschen nicht nur als philosophisches Faktum, sondern auch als ethische Aufgabe versteht.
In seinen Arbeiten profiliert Omri Boehm (*1979) diesen radikalen Universalismus. Welches denkerische Konzept dahintersteckt, darüber reden in unserem Video hier: Dekanin Prof. Dr Saskia Wendel und Prof. Dr. Andreas Holzem von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Tübingen sowie Dr. Verena Wodtke-Werner, Direktorin der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ein - schriftlich geführtes - Interview mit dem Laudator, Prof. Meron Mendel, Frankfurt am Main, finden Sie im Anschluss an diesen Text hier.
Dass Menschen menschlich und dass alle Menschen gleichermaßen menschlich sind, dieses ethische Prinzip ist laut Boehm nicht nur als Tatsache, sondern als moralische Aufgabe zur Geltung zu bringen: „Wir sind imstande, unser Menschsein zu denken, weil – oder wenn – wir fähig sind, das Gebot zu befolgen, menschlich zu sein.“
Dieses moralische Gebot gilt universal: Als Mensch menschlich zu sein, bedeutet, das Leben der Menschen unendlich wichtig zu nehmen. Die vielfältigen Quellen seiner Philosophie sind u.a. die biblischen Erzählungen der Tora, die er als ethischen Monotheismus interpretiert, die Schriften Immanuel Kants oder die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Radikaler Universalismus verlangt, dass Menschen das Leben der Menschen „auf der anderen Seite … als gleichermaßen unendlich wichtig ansehen wie das Leben der Menschen auf ihrer Seite“.
Diesen Universalismus macht Omri Boehm auch nach dem Anschlag der Hamas auf Israel und seit der militärischen Antwort Israels im Gaza-Streifen geltend – und zeigt damit, dass der von ihm vorgeschlagene Universalismus in den Krisen der Gegenwart sprach- und handlungsfähig macht.
Zum Hintergrund des Preises
Die Katholisch-Theologische Fakultät in Tübingen und die Akademie verleihen diesen Preis alle zwei Jahre. Seinen Namen verdankt er einem der prominentesten Tübinger Ethiker, dem Moraltheologen Prof. Dr. Alfons Auer (1915–2005). Auer, der auch Gründungsdirektor der Akademie war, hat Anfang der 1970er Jahre mit seinem Konzept der „autonomen Moral“ die katholische Morallehre aus konfessionellen Umgrenzungen befreit. Dadurch öffnete er die individual- und sozialethische Diskussion mit der Philosophie, der Soziologie und den Kulturwissenschaften. Mit dem ihm gewidmeten Preis werden „Persönlichkeiten gewürdigt, „die sich durch ein herausragendes ethisches Engagement im wissenschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Bereich ausgezeichnet haben“.
Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Der erste Preisträger im Jahr 2015 war Prof. Dr. h.c. mult. Charles Taylor (Kanada). Im Jahr 2017 wurde der Preis an den Menschenrechtsethiker Prof. Dr. Heiner Bielefeldt (Deutschland) und 2019 an Prof. Dr. Mary McAlleese (Irland) für ihr Engagement für religiöse Versöhnung und sozialen Ausgleich vergeben. Aufgrund der Covid 19-Pandemie konnte der Preis im Jahr 2021 nicht regulär verliehen werden. Im Jahr 2022 ehrten Fakultät und Akademie die Philosophin Prof. Leela Gandhi (USA) für ihre Arbeit zur postkolonialen Ethik.
Der Alfons-Auer-Ethikpreis wurde von Siegfried Weishaupt gestiftet, einem internationalen High-Tech-Unternehmer und Kunst-Mäzen, der sich sehr für ethische und kulturelle Herausforderungen interessiert und wie Alfons Auer aus dem oberschwäbischen Ort Schwendi stammt. Ein akademisches Kuratorium unter dem Vorsitz von Rektorin Prof. Dr. Dr. h.c. Karla Pollmann hat den diesjährigen Preisträger einstimmig nominiert.
Die Laudatio auf Omri Boehm wird Prof. Meron Mendel halten, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt a.M.
(Text: Pressemitteilungen der Akademie und der Kath.Theol.-Fakultät der Uni Tübingen)
Interview mit Prof. Dr. Meron Mendel
Wo verknüpft sich Ihre eigene Arbeit in besonderer Intensität mit den Ideen von Omri Boehm?
Omri und ich beschäftigen uns seit Jahren mit der Frage, wie eine friedliche Lösung im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern aussehen kann. In seinem Buch „Israel – eine Utopie“ entwirft er die Idee der „Haifa-Republik“ für das gesamte Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordanfluss. Er fordert, dass Israelis und Palästinenser die „Kunst des Vergessens“ lernen sollen und wünscht sich eine Politik, die sich von den kollektiven Traumata des Holocausts und der Nakba emanzipiert, um eine gemeinsame und bessere Zukunft für die beiden Völker zu gestalten.
Wie verhält sich der radikale Universalismus, den Omri Boehm zum Kern seines Engagements macht, zu eher postkolonialen Ansatzpunkten in der Ethik? Wo macht der Ansatz von Omri Boehm einen zentralen Unterschied?
Omri Boehms radikaler Universalismus plädiert für universelle ethische Prinzipien, die unabhängig von kulturellen Kontexten gelten. Inspiriert ist er vor allem vom ethischen Monotheismus und von Immanuel Kant. Omri versteht diesen Ansatz als ursprünglich inklusiv und als Grundlage für globale Gerechtigkeit. Im Gegensatz dazu hinterfragen postkoloniale Theorien universelle Werte und sehen sie oft als Ausdruck westlicher Dominanz. Sie betonen die Notwendigkeit, kulturelle und historische Unterschiede anzuerkennen und Machtstrukturen zu dekonstruieren. Boehms Ansatz will hingegen eine universelle Ethik wiederbeleben, die identitätspolitische Differenzen überwindet.
Wie wirkt sich dieser Ansatz auf die aktuellen Krisen und Kriege aus und die öffentlichen und akademischen Debatten, die darum teils mit großer Erbitterung geführt werden?
Für mich ist klar, dass angesichts der aktuellen Krisen nur ein universeller Ansatz, wie er von Omri Boehm vertreten wird, das Überleben der liberalen Demokratien ermöglichen kann. Die Betonnung von Differenzen und partikularen Interessen spaltet die Gesellschaft und fördert Opferkonkurrenz.
Wo würden Sie sich auch von Omri Boehm abgrenzen?
Wir haben uns zwei unterschiedliche Disziplinen ausgesucht. Als Philosoph, zumal Kantianer, geht es Omri sehr stark um Ideen und Ideale. Ich bin Historiker und schaue erstmal auf die Realität, auf das, was ist. Vermutlich führt auch das dazu, dass unsere Vorstellungen einer Lösung des Israel-Palästina Konflikt anders ausfallen. Wie schon erwähnt ist Omri für die Ein-Staat-Lösung, ich bin für die Zwei-Staaten-Lösung. Darin unterscheiden wir uns, gehören aber gemeinsam deutlich zur Minderheit in Israel.
(Die Fragen formulierte Prof. Dr. Andreas Holzem, Universität Tübingen, Katholisch-Theologische Fakultär)



