Von Amelie Penka und Christian Gross
Was bringt Menschen dazu, ihre tiefsten Überzeugungen zu ändern? Wie kommt es zu einem radikalen Wandel in politischen, religiösen oder weltanschaulichen Vorstellunen? Welche sozialen, politischen und psychologischen Mechanismen stehen hinter solchen Gesinnungswechsel und den damit verbundenen Zuschreibungen, etwa als Verräter oder Opportunistin? Diesen Fragen widmete sich die 44. gemeinsame Studientagung von Geschichtsverein und Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart vom 14. bis 16. März 2025 im Tagungszentrum Hohenheim. Unter dem Titel „Verräter, Wendehälse und Bekehrte“ beleuchteten Expert:innen aus verschiedenen Disziplinen die vielschichtigen Gründe und Ursachen, die hinter solchen Veränderungen stehen können, und die zeitgenössischen und historiographischen Reaktionen darauf.
Dr. Maria E. Gründig (Geschäftsführerin des Geschichtsvereins) und Dr. Johannes Kuber (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart) eröffneten die Tagung, welche aufgrund der aktuellen Debatten über politische Wendehälse, Glaubenswechsel und die gesellschaftliche Reaktion auf Bekehrte nicht nur historisch relevant ist.
Prof. Dr. Andreas Bihrer (Universität zu Kiel) und Prof. Dr. Dietmar Schiersner (Hochschule Weingarten) führten mit einer kritischen Reflexion in das Thema ein. Dazu war Martin Luther als exemplarische Figur zwischen Bekehrung und Verrat vorgestellt worden. Luthers Biographie – vom Gewittererlebnis bis zum Thesenanschlag – illustriert die Perspektivenabhängigkeit der Bewertung: Für seine Anhänger war er ein Bekehrter, für seine Gegner ein Erzketzer, der die Glaubenseinheit zerstörte. Als Kernfrage wird formuliert: Inwieweit ist ein Überzeugungswechsel passive Anpassung an neue Umstände, und inwieweit verändert er die Verhältnisse selbst? Während Überzeugungswechsel in vormodernen Gesellschaften oft mit harten Strafen verbunden waren, sind sie auch heute noch von moralischen Narrativen geprägt .
Wandel von Überzeugungen: Eine sozialpsychologische Perspektive
Prof. Dr. Olaf Morgenroth (Universität Hamburg) eröffnete die Tagung mit einem sozialpsychologischen Blick auf Überzeugungen und persönliche Einstellungen. Er definierte Überzeugungen als über eine gewisse Zeit hin stabile und situationsunabhängige persönliche Ansichten, während Einstellungen Bewertungen von Dingen, Menschen oder Ideen sind, die unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Morgenroth betonte, dass sowohl Überzeugungen als auch Einstellungen immer in ein Netz sozialer Beziehungen eingebettet sind. Anhand des Sherif-Experiments, bei dem Versuchspersonen in einem dunklen Raum die Bewegung eines in Wirklichkeit stationären Lichtpunkts schätzen sollten, verdeutlichte er, wie stark soziale Einflüsse unsere Wahrnehmung prägen. Es zeigt sich, dass individuelle Einschätzungen sich einer Gruppennorm angleichen.
Als Hauptursachen für einen Wandel persönlicher Überzeugungen nannte Morgenroth sozialen Einfluss, einstellungswidriges Verhalten, Persuasion, soziale Identität und das Selbstkonzept. Dieser Wandel von Überzeugungen wird sozialpsychologisch nicht als negativ, sondern als ein normaler und oft nützlicher Prozess betrachtet.
Umkämpfte Loyalität: Historische Perspektiven auf die Deutung von Treue und Verrat
Die Vorträge von Philipp Frey (Universität zu Kiel), Dr. Tilman Haug (Universität Münster), Matthias Büttner (Universität Göttingen) und PD Dr. Georg Eckert (Universität Freiburg) untersuchten, was Loyalität in verschiedenen historischen Kontexten bedeutete. Sie zeigten, dass „Treue“, „Treuebruch“ und das „Halten von Treue“ keine feststehenden Begriffe sind, sondern historisch wandelbar und politisch umkämpft. Loyalitätsverhältnisse waren geprägt von persönlichen Beziehungen, politischen Interessen, religiösen Überzeugungen und gesellschaftlichen Normen – und wurden immer wieder neu ausgehandelt.
Frey analysierte die Darstellung von Verrat im Frankenreich. Anhand der AnnalesRegni Francorum und der Vita Karoli Magni zeigte er, dass unterschiedliche Begriffe für Verräter in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung verwendet wurden und diese in Abhängigkeit zur Position des Herrschers verwendet wurden.
Haug untersuchte die politische Loyalität des Adels im 17. Jahrhundert am Beispiel von Wilhelm Egon von Fürstenberg-Heiligenberg. Er zeigte, wie flexibel und strategisch Loyalitäten in einer Zeit gehandhabt wurden, in der Patronagebeziehungen wichtiger waren als nationale Zugehörigkeit. In publizistischen Kämpfen zwischen dem französischen und dem habsburgischen Lager wurde Fürstenberg wahlweise als „Kronenfresser“ oder als legitimer „frantzösischer Subjecta“ dargestellt.
Büttner beleuchtete den politischen Verrat im spätmittelalterlichen England am Beispiel von Piers Gaveston und Thomas Lancaster unter Edward II. Die englischen Magnaten deuteten die Frage, wann Loyalität gebrochen werden darf, juristisch und rhetorisch um, um ihre eigenen Interessen zu legitimieren. So deuteten sie Gehorsam gegenüber dem König in Integrität und Pflichtbewusstsein gegenüber der Krone um.
Eckert diskutierte die Entwicklung von Staatsloyalität und die Frage, ob Staatsdiener eine Überzeugung hatten und wenn ja, seit wann sie dies konnten. Er betonte, dass Loyalitätsverhältnisse zum Fürsten in der Neuzeit oft auf Patronage und Klientel basierten, nicht auf Überzeugung. Politik war ein Personenverbund, Verrat im modernen Sinne kaum existent. Die Reformation warf neue Fragen nach Gehorsam und Widerstand auf, doch erst das Naturrecht der Aufklärung ermöglichte eine politische Bindung jenseits persönlicher Loyalitäten. Es entstand die Idee einer höheren Loyalität zum Staat als gegenüber dem Herrscher. Eckert schloss mit der These, dass Staatsdiener eigentlich keine Überzeugung haben konnten, da die Ausführung von Befehlen ihre Aufgabe sei. Staatstreue war auch lange Zeit Herrscherloyalität. Erst die Differenzierung zwischen Staat und Souverän schuf einen Handlungsspielraum.
Konstruktion und Deutung historischer
Figuren
Die Vorträge von Prof. Dr. Christoph Mauntel (Universität Osnabrück), Prof. Dr. Christoph Kampmann (Universität Marburg) und Dr. Edwin E. Weber beleuchteten die Konstruktion der Begriffe „Verräter“, „Wendehälse“ und „Bekehrte“ aus unterschiedlichen historischen Blickwinkeln. Diese Zuschreibungen sind keine objektiven Wahrheiten, sondern Ergebnisse von Deutungskämpfen und interessengeleiteten Narrativen. Sie betonen die Unerlässlichkeit einer kritischen Quellenanalyse, um so die Perspektive, Entstehungszeit und Intentionen der Autoren zu verstehen. Zudem wird deutlich, dass sich die Deutung historischer Figuren und Ereignisse im Laufe der Zeit wandeln kann – ein Verräter in der einen Epoche kann in einer anderen zum Helden werden. Schließlich untersuchten alle Vorträge das Spannungsfeld zwischen individuellem Handeln und den Zwängen des jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Systems. Sie zeigten, dass die Begriffe „Verräter“, „Wendehals“ und „Bekehrter“ oft nur konstruierte Kategorien sind, die von politischen, religiösen oder persönlichen Interessen geprägt sind. Die Vorträge unterstrichen die Bedeutung einer kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen, den historischen Kontexten und den wandelbaren Deutungen von Loyalität, Überzeugung und politischem Handeln.
Mauntel analysierte die widersprüchlichen Darstellungen von Graf Raymund VI. von Toulouse während der Albigenserkriege. War er Ketzer, Opportunist oder Friedensstifter? Katholische Chronisten brandmarkten ihn als Häretiker, okzitanische Quellen verklärten ihn als Verteidiger der südfranzösischen Unabhängigkeit. Eine eindeutige Zuordnung zum „Bekehrten“ oder „Verräter“ erweist sich als schwierig, ein eindeutiger Wechsel der Überzeugungen ist nicht nachweisbar.
Kampmann untersuchte Wallensteins Konversion zum Katholizismus und seinen Konflikt mit dem Kaiser. Während ältere Forschungen Opportunismus annahmen, verweist die neuere Forschung auf fehlende Selbstzeugnisse und mögliche persönliche Motive. Wallensteins „Verrat“ bleibt umstritten, sein Geschichtsbild wandelte sich vom Schurken zum (gescheiterten) Helden, der die Konfession überwand – ein Beispiel, das die Umdeutung historischer Figuren verdeutlicht.
Weber präsentierte den Fall von Heinrich Hipp, einem NS-Funktionär, der sich zum Regimegegner entwickelte. Hipp kritisierte das NS-Regime in zahlreichen Schreiben, was zu seinem Ausschluss aus der NSDAP, einem Verfahren und schließlich zur KZ-Haft führte, die er nicht überlebte. Weber betonte Hipps Mut, aber auch seine charakterlichen Eigenschaften, die seinen Wandel mitprägten. Hipp sah sich als „alter Kämpfer“, der die ursprünglichen NS-Ziele verraten sah.
Kirche und Gesellschaft: Überzeugungen im Spannungsfeld von Macht und sozialer Ordnung
Die Vorträge von Dr. Frederieke Schnack (Universität Würzburg), Dr. Julia Exarchos (Universität Aachen) und Prof. Dr. Dominik Burkard (Universität Würzburg) stellten die Frage nach der Authentizität von Überzeugungen und Überzeugungswechseln. Sie hinterfragten, inwieweit Handlungen von äußeren Zwängen, persönlichen Motiven oder strategischen Überlegungen beeinflusst waren. Die Referent:innen betonten die Schwierigkeit, „wahre“ Überzeugungen anhand historischer Quellen zu rekonstruieren, da diese oft interessengeleitet, perspektivisch oder lückenhaft sind. Auch der soziale Kontext wurde untersucht: Wie beeinflussten gesellschaftliche Normen, politische Machtverhältnisse und soziale Schichtzugehörigkeit die Möglichkeiten, Überzeugungen zu entwickeln, auszudrücken und zu leben?
Schnack untersuchte die Beweggründe frühmittelalterlicher Herrschaftsträger, die ins Kloster eintraten. Anhand von 92 Fällen, darunter Graf Guido II. von Macon, analysierte sie, ob diese Entscheidung auf einer echten religiösen Überzeugung beruhte oder von anderen Faktoren (z.B. Seelenheil, politische Umstände, Krankheit) beeinflusst war. Schnack unterschied zwischen kurz- und langfristigen Klosteraufenthalten und hinterfragte die oft rein religiöse Deutung in den Quellen. Sie zeigte, dass in manchen Fällen das Kloster auch verlassen und die Herrschaft wieder angetreten wurde, dass diese Möglichkeit sowie die Rezeption dieser Handlung allerdings einem Wandel unterlagen.
Exarchos thematisierte die Überzeugungen unterer sozialer Schichten im Spätmittelalter, insbesondere im Kontext sozialer Revolten. Sie stellte die Frage, ob diese Menschen überhaupt die Möglichkeit hatten, Überzeugungen zu entwickeln und zu vertreten, angesichts der begrenzten Quellenlage. Anhand der Aufstände der Jacquerie, des Englischen Bauernaufstands und der Ciompi in Florenz zeigte sie, dass auch untere Schichten übergeordnete Ziele und Forderungen hatten, die über kurzfristige Interessen hinausgingen. Exarchos betonte die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung der „unteren Schichten“ und ihrer unterschiedlichen Kommunikationsformen.
Burkard untersuchte die mehrfachen religiös-politischen Konversionen des württembergischen Priesters Maximilian Wangenmüller im 19. Jahrhundert. Wangenmüller wechselte zwischen Katholizismus, Protestantismus und Deutsch-Katholizismus, was Fragen nach seiner Glaubwürdigkeit und seinen Motiven aufwirft. Burkard analysierte Wangenmüllers Schriften und Lebensweg, um Konstanten und Brüche in seinen Überzeugungen zu identifizieren. Er hinterfragte, ob es sich um echte Überzeugungswechsel oder um strategische Anpassungen handelte, und diskutiert die Rolle des Zölibats und persönlicher Krisen.
Innerkirchliche Konflikte: Reform, Macht und die Grenzen der Loyalität
Die Vorträge von Dr. Francesco Massetti (Universität Wuppertal) und Prof. Dr. Joachim Brüser (Universität Tübingen) beleuchteten Konflikte innerhalb der katholischen Kirche, die durch Reformbestrebungen und Machtkämpfe ausgelöst wurden. Sie hinterfragten die gängigen Zuschreibungen von „Verrat“ und „Abfall“ und betonten die Notwendigkeit, die Motive und Überzeugungen der Akteure differenziert zu betrachten. Es wurde aufgezeigt, dass „Treue“ und „Loyalität“ keine feststehenden Größen waren, sondern im Spannungsfeld von religiösen Überzeugungen, politischen Interessen und persönlichen Beziehungen ausgehandelt wurden.
Massetti untersuchte den Abfall der wibertinischen Kardinäle von Papst Gregor VII. im Kontext des Investiturstreits. Er argumentierte, dass dieser Abfall nicht rein opportunistisch war, sondern auf einer grundsätzlichen Ablehnung von Gregors radikalen Reformen und seiner autokratischen Amtsführung beruhte. Die Kardinäle, darunter Hugo Candidus, waren keine Reformgegner, sondern befürworteten ein harmonisches Miteinander von weltlicher und geistlicher Macht. Sie kritisierten Gregors Vorgehen gegen Kaiser Heinrich IV., insbesondere die Exkommunikation und die Entbindung der Untertanen vom Treueeid. Massetti betonte die Komplexität der Reformbewegung und die unterschiedlichen Interpretationen von „Treue“ und „Verrat“ in dieser Zeit.
Brüser analysierte die Perspektive von Nuntiatur und Kurie auf die katholischen Herzöge im evangelischen Württemberg im 18. Jahrhundert. Er zeigte, wie das Verhältnis zwischen den Herzögen (insbesondere Karl Alexander und Karl Eugen) und Rom von gegenseitiger Enttäuschung und Missverständnissen geprägt war. Die Herzöge sahen sich in erster Linie als Reichsfürsten und handelten eigenständig in religiösen Fragen, weitestgehend ohne Rom einzubeziehen. Rom wiederum zeigte wenig Verständnis für die spezifischen Gegebenheiten im Reich und reagierte oft zögerlich oder gar nicht auf die Anliegen der Herzöge. Brüsers Vortrag verdeutlichte die Spannungen zwischen dem Anspruch Roms auf universale Geltung und den partikularen Interessen der weltlichen Herrscher in der Frühen Neuzeit. Besonders auffällig ist die Unwissenheit Roms über die reichsrechtlichen Grundlagen des Verhältnisses von Religion und Herrschaft.
Fazit: Eine Tagung voller Ambivalenzen
Die Tagung machte deutlich, dass Überzeugungswechsel selten eindeutige Kategorien zulassen. Sie sind eingebettet in komplexe soziale, politische und psychologische Dynamiken. Historische Akteure wurden als Verräter oder Bekehrte konstruiert, um bestimmte Narrative zu stützen – ein Mechanismus, der auch in heutigen Debatten sichtbar ist.
Durch interdisziplinäre Perspektiven aus Geschichte, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft konnte die Tagung neue Einsichten in einzelne Fallbeispiele liefern und übergreifende Muster und Mechanismen des Überzeugungswechsels aufzeigen. Die geplante Veröffentlichung der Beiträge im Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte wird dieses wichtige Thema nochmals aufgreifen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.



