Von Luise Nolte
Etwa 25 Personen nahmen an der Akademie-Tagung „Toxisch oder befreiend?“ in Stuttgart-Hohenheim teil. Zwei Tage lang setzten sie sich intensiv damit auseinander, inwiefern biblische Texte im Kontext von sexualisierter Gewalt eine befreiende oder eine toxische Wirkung entfalten können. Dabei widmeten sich wissenschaftliche Vorträge und Workshops folgenden Fragen: Wie kann angesichts sexualisierter Gewalt das Potential biblischer Texte entfaltet werden? Wie lässt sich der Missbrauch biblischer Texte verhindern? Welche machtkritischen, traumasensiblen, geschlechtergerechten und zugleich theologisch und exegetisch fundierten Konzepte gibt es? Wie ist es möglich, in einer Organisation beschäftigt zu sein, in der Täter:innen arbeiteten oder noch arbeiten, und sich gleichzeitig für Betroffene einzusetzen?
Wissenschaftliche Vorträge und thematische Impulse
Den Auftakt bildete der Vortrag von Dr.in Barbara Haslbeck (Universität Regensburg), die ihre empirisch-qualitative Studie* zu Missbrauch an Ordensfrauen im deutschsprachigen Raum vorstellte. Dabei interviewte sie 15 Ordensfrauen, die während ihrer Ordenszugehörigkeit sexuellen Missbrauch erlebt haben, und befragte sie zu ihrem Verständnis biblischer Texte.
Haslbeck betonte, Täter:innen nutzten einzelne Bibelverse, um ihre Handlungen zu legitimieren (zum Beispiel als „Heilungsnarrativ“), was bei Betroffenen zu Retraumatisierungen führen könne. Aus diesem Grund plädierte Haslbeck für einen traumasensiblen Umgang mit der Bibel, der es Betroffenen ermöglicht, problematische Texte bewusst auszuklammern und sie (dauerhaft) in einen gedanklichen „Giftschrank“ zu verschließen. Gleichzeitig verwies sie darauf, dass ein und derselbe biblische Text für einige Menschen (re)traumatisierend sein, auf andere aber eine befreiende und heilende Wirkung entfalten könne. Damit wurde deutlich, dass die individuelle Wahrnehmung von Bibeltexten stark von der jeweiligen biografischen Erfahrung der Lesenden abhängt und dass bei jede:r Leser:in andere Assoziationen und Verbindungen zu den Worten aufsteigen.
Anschließend referierte Prof. Dr. em. Joachim Kügler über das Thema und sein Buch „Sphären der Macht: Sexualität – Macht – Religion“. Er erläuterte die historische Einbettung biblischer Texte, in denen Machtverhältnisse und Sexualität eng miteinander verknüpft sind, da sexuelle Handlungen häufig als Ausdrucksformen von Macht über andere Personen verwendet werden. Dies spiegeln auch die vorherrschenden Rollenbilder wider. Kügler verdeutlichte zudem, dass vermeintlich homosexuelle Handlungen in der Bibel primär als Demonstration sozialer Hierarchie und weniger als Ausdruck von Sexualität im modernen/erotischen Sinne zu verstehen sind.
Der letzte Fachvortrag des ersten Tages wurde von Prof.in Dr.in Annegret Reese-Schnitker gehalten, die das Kasseler bibeldidaktische Konzept vorstellte. Dieses Konzept befasst sich mit der Thematisierung der biblischen „Texts of Terror“ (Phyllis Trible, 1982/1984) im Religionsunterricht. Die biblischen Erzählungen, zum Beispiel von Tamar (2 Sam 13,1-22), von Potiphars Frau (Gen 39) oder Jiphtachs Tochter (Ri 11,29-40), thematisieren und benennen sexualisierte Gewalt in unterschiedlichen Kontexten und Formen.
Reese-Schnitker betonte, die Sprachlosigkeit im Umgang mit Sexualität und sexualisierter Gewalt müsse überwunden werden; die Lernenden sollten in die Lage versetzt werden, diese Texte kritisch und widerständig zu lesen. Darüber hinaus sollten die Lehrenden die zeitliche Distanz und Diskrepanz zwischen den Schüler:innen und den zwei Jahrtausende alten biblischen Erzählungen aufzeigen, um ein tieferes Verständnis dieser Texte zu ermöglichen. Gleichzeitig sei stets ein (tages-)aktueller Bezug zu beispielsweise gegenwärtigen Statistiken über sexualisierte Gewalt herzustellen. Allerdings kann der Übertrag der biblischen Texte in die heutige Erfahrungswelt der Lernenden laut Reese-Schnitker nicht korrelationsdidaktisch erfolgen, sondern sollte achtsam und indirekt über die biblischen Texte gestaltet sein, so dass unmittelbar Betroffene einen Schutzraum behalten können.
Durch das Herausarbeiten der jeweils beteiligten Figuren, ihrer Interessen, ihrer Position im (unsichtbaren) Machtgefüge ergeben sich Identifikationsmöglichkeiten, die ein Sprechen über Gewalt und Gewalterfahrungen ermöglichen, ohne die gegebenenfalls eigene Erfahrung aussprechen zu müssen.
Ebenfalls hob Reese-Schnitker hervor, Lehrer:innen müssten ihre eigenen Grenzen erkennen und bei Bedarf externe Expert:innen (beispielsweise von Beratungsstellen) hinzuziehen.
Der erste Tag schloss mit der Präsentation des Buches „Zur Sprache bringen" (Den Link zum Video finden Sie unten). Im Gespräch mit einem Teil der Herausgeber- und Autor:innen wurden Einblicke in die Schreibprozesse der Artikel gewährt und über die bleibende Aktualität der einzelnen Beiträge gesprochen. Außerdem fand ein reger Austausch zwischen Tagungsteilnehmer:innen und Autor:innen statt: Wie wirken globale Ereignisse auf Wahrnehmung und Tabuisierung sexualisierter Gewalt heute ein (zum Beispiel in Kriegen, Gefängnissen, patriarchal-autoritär strukturierten Systemen mit ihren Einflüssen weit in die Familien hinein)? Welche Forschungen und Weiterentwicklungen der Theologie müssen besonders in der pastoralen Arbeit, in speziellen Feldern von Beratung und Seelsorge, in der Ausbildung pastoralen Personals oder in der Ausbildung Geistlicher Begleitung vermittelt und implementiert werden?
Praktische Arbeit und Workshops
Der zweite Tag stand im Zeichen des praktischen Umgangs mit den biblischen „Texts of Terror“. Prof.in Dr.in Annegret Reese-Schnitker eröffnete den Tag mit einem theoretischen Impuls, der das Kasseler Konzept ergänzend vertiefte und einige Leitlinien des didaktischen Vorgehens erläuterte.
Anschließend teilten sich die Tagungsteilnehmer:innen in drei Workshops ein, geleitet von Dr.in Nele Spiering-Schomborg, Dr. Marcel Franzmann und Dr. Andreas Heek. In diesen Workshops wurde verschiedene biblische Texte analysiert und praxisorientierte Ansätze für die Arbeit mit diesen Texten in unterschiedlichen Bildungskontexten erarbeitet: Wie lesen wir Ps 139 („Herr, du hast mich erforscht und kennst mich…“) queersensibel im Kontext der Erwachsenenbildung? Wie verändert queersensibles Lesen das Verständnis und die Deutung einzelner biblischer Bilder in diesem Psalm? Im schulischen Kontext gilt es, überhaupt Wörter und Begriffe zu erarbeiten, die sexualisierte Gewalt weder verharmlosen noch abwerten. Biblische Texte benennen Gewalt oft sehr klar, und ohne eine Bewertung vorzugeben. Wäre das eine Möglichkeit, dass sexualisierte Gewalt überhaupt Sprachfähigkeit erlangt?
Im Anschluss präsentierte Céline Klingel ihr Dissertationsprojekt (noch im Arbeitsprozess), in der sie das Kasseler bibeldidaktische Konzept mit Erkenntnissen aus der Sportdidaktik zu einem bibeldidaktischen-körpererfahrungsorientierten Präventionsprogramm kombiniert. Klingel hat bereits Unterrichtsmodule entwickelt und erste Prätestungen durchgeführt; unter anderem erarbeitet sie mit den Lernenden anhand von Körperübungen, welche körperlichen Distanzen als unangenehm, übergriffig oder tolerabel wahrgenommen werden. Wo fängt Gewalt an? Wie unterscheidet sich sprachliche und körperliche Gewalt? In den kommenden Monaten werden die angepassten Unterrichtsmodule mit knapp 300 Schüler:innen von unterschiedlichen Schulen erprobt und evaluiert. Anschließend erfolgt im Rahmen der Dissertation eine Auswertung und Reflexion.
Den Abschluss der Tagung bildete eine Gesprächsrunde, moderiert von Dr. Andreas Heek und Barbara Janz-Spaeth, in der die Frage diskutiert wurde: „Solidarisch sein als Mitarbeiter:in in Organisation(en), in denen Täter:innen arbeite(te)n?“ Die Teilnehmer:innen teilten ihre beruflichen Erfahrungen und diskutierten lebhaft, wie sich „Mittäterschaft“ definieren lässt und welche Auswirkungen dies auf das persönliche Handeln und die Arbeit hat.
Ergebnisse und Reflexion
Die abschließende Reflexion der beiden Tage machte deutlich, dass ein sensibilisierter und individueller Umgang mit biblischen Texten, insbesondere beim Aspekt der sexualisierten Gewalt, unabdingbar ist.
Die Teilnehmenden betonten, die Bibel könne nicht pauschal in eine „toxische“ oder „befreiende“ Wirkung kategorisiert werden, da die Wirkung stark von der individuellen Biografie der Leser:innenschaft abhängt. Dabei wurde auch deutlich, dass sich im Durchschnitt in jeder Schulklasse zwei Betroffene und ein:e Täter:in befinden. Hinzu kommt, dass der Religionsunterricht als „halböffentlicher“ Raum verstanden werden muss und auch bei erheblicher Anstrengung durch die Lehrperson ein „Safe Space“ nur schwer bis gar nicht möglich ist. Aus diesem Grund bietet eine teils vermittelte Annäherung über biblische Texte an das Themengebiet Sexualität und sexueller Missbrauch einen Gesprächsraum, der den Betroffenen auch die nötige Distanz gewährt.
Gleichzeitig wurde der Bedarf an queersensiblen Leseweisen und einer kritischen Männlichkeitsforschung hervorgehoben.
Abschließend äußerten die Teilnehmer:innen großes Interesse, in ihrer weiteren Arbeit alternative Bibelübersetzungen wie die „Bibel in gerechter Sprache (BigS)“ zu nutzen, um neue Zugänge zu den Texten zu schaffen, da jede Übersetzung bereits eine Form der Interpretation der Inhalte darstellt.
Die Vielfalt der Perspektiven und Ansätze während der Tagung wurde von allen als bereichernd empfunden, und die Teilnehmenden gingen mit zahlreichen Impulsen für ihre eigene Arbeit auseinander.
*) Die endgültige Veröffentlichung zur Studie erscheint erst in 2025. Zum Thema bereits erschienen sind folgende Werke:
shop.verlagsgruppe-patmos.de/spirituellen-missbrauch-verstehen-303354.htmlhttps://shop.verlagsgruppe-patmos.de/selbstverlust-und-gottentfremdung-011475.html
Video www.youtube.com/watch


