Von Ilonka Czerny
Überlebensgroß schauen die Porträts die Besucherinnen und Besucher an – teils auch von oben herab. Es sind die Porträt-Fotos von dem italienischen Fotografen Simone Padovani, der weltweit Betroffene sucht, die in ihrer Kindheit Gewalterfahrungen machen mussten. Er fotografierte die erwachsenen Betroffenen in schwarz-weiß. Dadurch werden die En face-Porträts noch eindrücklicher, weil übermächtig.
In den über 40 gerahmten Porträts, die Jens Windel fotografierte sind gleichfalls erwachsenen Porträts von Betroffenen zu sehen, die dem Betrachter mit einer Schiefertafel in der Hand gegenübersitzen. Auf diesen Tafeln sind Worte von den Betroffenen geschrieben, die sie mit ihrem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche in Verbindung bringen. Mehr noch: Die Betroffenen bezwecken damit eine stille Demonstration. Hauptsächlich sind diese Porträts, auf LKW-Planen gedruckt, im öffentlichen Raum zu sehen. Windel möchte damit in der Öffentlichkeit auf das Leid der Betroffenen aufmerksam machen, aber auch die Kirchenverantwortlichen zum Handeln bewegen, angemessen auf die lebenslang Gezeichneten zu reagieren und diese zu entschädigen.
Auch der Fachbereich Kunst der Akademie wurde vom „Eckigen Tisch“, einer durch die Bundesregierung mitfinanzierte Initiative, die sich für die Rechte Betroffener einsetzt, eingeladen. Die durch Ilonka Czerny initiierte, organisierte und kuratierte Ausstellung „Betroffene zeigen Gesicht“ wurde gleichfalls in den Räumlichkeiten des Kunsthauses Bethanien dargeboten. Diese Präsentation tourt seit dem Katholikentag 2022 in Stuttgart durch ganz Deutschland, nun erstmals auch in der Bundeshauptstadt.
In besagter Ausstellung sind Kinder- und Jugendporträts aus der Zeit des jeweiligen Missbrauchs zu sehen, um die Hilflosig- und Machtlosigkeit zu demonstrieren. Die Schutzbefohlenen waren den erwachsenen Tätern aus dem katholischen Kontext ausgeliefert. In einem schriftlichen Statement berichten die von sexualisierter Gewalt betroffenen Personen von den Auswirkungen der Missbrauchstaten auf ihr Leben. Keine Biografie verlief gradlinig, überall sind Brüche zu verzeichnen, die bis ans Ende bestehen. Das Leid und der Schmerz bleiben dauerhaft.
Bilder, in diesem konkreten Fall – Gesichter – sagen mehr als 1000 Worte. Es sind Menschen, die Gesicht zeigen, die sich nicht verstecken wollen, die stellvertretend für die Vielen stehen, die sich noch nicht öffentlich outen können. Die von den Betrachterinnen und Betrachter gesehen werden möchten, aber sie auch berühren wollen.
Medienecho
Über die Ausstellung „Sichtbarkeiten“ von Opfern sexualisierter Gewalt berichtete im Radio am 19.05.2026 der rbb. Zusätzlich wurde der Bericht im Fernsehen auf rbb24 in der Abendschau veröffentlicht: Ausstellung über Missbrauch in der Kirche.
Videos der Eröffnung der Ausstellung "Sichtbarkeiten" am 19.05.2026 sehen Sie auf dem Kanal von Eckiger Tisch: Eröffnung und Podiumsdiskussion.
Und in der taz erschien der Bericht: "Der Raum, der fehlt"



