Von Dr. Ilonka Czerny
Exkursionen zu kirchlichen Räumen gab es im Fachbereich Kunst der Akademie bereits zuvor. Eine Veranstaltung, die sich gezielt einem einzelnen Bauwerk widmete, ist jedoch neu. Die Idee zu dieser Tagung stammt von Dr. habil. Kerstin Renz, Studienleiterin für Wohnen, Gebaute Umwelt und Kultur an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Mit ihren Studien und Forschungen an verschiedenen Universitäten in den Bereichen Architektur, Stadtgeschichte und Architekturgeschichte bringt sie beste Voraussetzungen mit, um inhaltlich in die Kirchbauten ein- und hinzuführen.
Architektonische Besonderheiten und historische Einordnung
Für die Premiere fiel die Wahl auf einen außergewöhnlichen Kirch- und Gemeindehausbau: die katholische Pfarrkirche Maria Regina in Fellbach, entworfen vom Stuttgarter Architekten Klaus Franz. Obwohl sein Modell beim Einladungswettbewerb lediglich den dritten Platz belegte, wurde sein Entwurf schließlich realisiert. Die im Stil des Brutalismus errichtete Kirche gilt heute als Hauptwerk des Architekten.
Am 17. Oktober 2026 kamen mehr als 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Tagung und folgten mit großem Interesse den kenntnisreichen und anschaulichen Ausführungen von Kerstin Renz. Die Architekturhistorikerin vermittelte nicht nur spannende Einblicke in die Architektur des Bauwerks, sondern beleuchtete ebenso die Entstehungszeit, die damaligen Lebens- und Wohnverhältnisse in Stuttgart und die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils, die kirchliche Neubauten nachhaltig prägte.
Klaus Franz setzte mit der schräg zulaufenden Kegelform des Baukörpers, die im Volksmund auch als „Tiroler Hut“ bezeichnet wird, einen markanten architektonischen Akzent. Im Inneren unterstützt die Anordnung der Sitzbänke in Kreissegmenten um den leicht erhöhten Altar den Gedanken der Gemeinschaftsbildung. Als architektonisches Vorbild diente das Pantheon in Rom. Anders als dort ist die Deckenrundung von Maria Regina jedoch geschlossen. Der Altar befindet sich unterhalb dieser Deckenwölbung und bildet das architektonische Zentrum des Raumes, obwohl das Altarplateau leicht aus der Mitte gerückt ist.
Raumerfahrung und Austausch: Ein gelungener Abschluss
Ein besonderer Blickfang ist das farbintensiv gestaltete Orgelprospekt, das einen spannungsreichen Kontrast zum ansonsten nahezu vollständig in Sichtbeton gehaltenen Innenraum bildet. Die auf einer Empore platzierte Orgel wurde allerdings erst im Jahr 2002 eingebaut. Bereits zu Beginn der Veranstaltung stimmte Alfons Scheierle, Organist der Gemeinde, die Teilnehmenden mit musikalischen Improvisationen auf dem Instrument ein. Diese klangliche Kostprobe war eine wunderbare Bereicherung und ein gelungener Auftakt für die anschließende Auseinandersetzung mit dem Kirchenraum.
Auch das Untergeschoss der Kirche hielt eine besondere Entdeckung bereit: Dort befindet sich ein großflächiger Kreuzweg aus Natursteinmosaik, den der Künstler Otto Habel Anfang der 1990er-Jahre gestaltete. Nach dem Vortrag von Kerstin Renz hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, sowohl die Empore als auch das Untergeschoss eigenständig zu erkunden. Den Baukörper nicht nur von außen und anhand von Bildern zu betrachten, sondern ihn tatsächlich zu durchschreiten und seine besondere Raumatmosphäre unmittelbar zu erleben, machte den Reiz dieser Tagung aus.
Im Anschluss an den Kirchenbesuch bot das Gemeindezentrum Raum für einen intensiven Austausch. Getränke und Gebäck standen bereit und bereicherten die Gesprächsatmosphäre. Unser großer Dank gilt Alfons Scheierle, der uns während der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung tatkräftig unterstützte und für unsere Fragen ein offenes Ohr hatte. Dank auch den tatkräftigen Damen aus der Kirchengemeinde, die uns freundlich bewirteten.
Das Fazit der Teilnehmenden fiel eindeutig aus: Die Premiere von „Schaulust. Exkursion zur kirchlichen Baukultur“ ist gelungen. Die Veranstaltung hat gezeigt, wie spannend es sein kann, kirchliche Architektur im Zusammenspiel von Baugeschichte, gesellschaftlichem Kontext, Liturgie und unmittelbarer Raumerfahrung zu entdecken. Die Reihe soll deshalb fortgesetzt werden – die Vorfreude auf weitere architektonische Entdeckungen ist geweckt.






