Politisch lässt sich mittlerweile weltweit ein Rechtsruck beobachten. Dabei knüpft die extreme Rechte auch gezielt an religiöse Traditionen an. Mit dieser Entwicklung hat sich am 05. und 06. März 2026 ein Workshop am Tübinger „Campus der Theologien“ auseinandergesetzt.
Von Carolin Hochstuhl
Die Neue Rechte macht zunehmend nicht nur religiöse Ressourcen für eigene Zwecke nutzbar, sondern wird gar aus den Religionen heraus betrieben und ist in ihnen selbst wirksam. Dabei rückten, wie Dr. Hans-Ulrich Probst (ev.-theologische Fakultät Tübingen) deutlich machte, konfessionelle Grenzziehungen in den Hintergrund, sodass man sich in einer „Ökumene des Hasses auf den gemeinsamen Feind“ zusammenfände. Die zugrundeliegenden Brückennarrative müssten daher interreligiös und interdisziplinär bearbeitet werden. Monzer Haider (Zentrum für Islamische Theologie Tübingen) betonte, dass an dieser Stelle – angesichts der terminlichen Nähe zu den Landtagswahlen – zwar kein wissenschaftlicher Aktivismus betrieben werden solle, doch hinsichtlich der Menschenwürde bestehe keine Werteneutralität. Die Tagung sollte auch Auftakt einer breiten wissenschaftlichen Vernetzung sein, die Dr. Simone Hiller (kath.-theologische Fakultät Tübingen) bereits für das Kollektiv der Tagungsverantwortlichen hervorhob.
Freiheit und Souveränität: Auf der Suche nach vulneranten Theologien
Das dezisionistische Freiheitsverständnis der extremen Rechten, das die Macht zur Entscheidung mit absoluter Willkürfreiheit und Tatkraft verbinde, so Prof. Dr. Saskia Wendel (Fundamentaltheologie, kath. Fakultät Tübingen), findet vielfach auch Anknüpfungspunkte in Theologie. Auf ihrer Suche nach solchen „vulneranten Theologien“ (Ute Leimgruber) machte Wendel klar, dass das Gottesverständnis des klassischen Theismus selbst einer Hermeneutik des Verdachts zu unterstellen sei – näherhin das göttliche Prädikat der Allmacht. Dr. Sebastian Pittl differenzierte das dezisionistische Souveränitätsdenken in eine libertäre, populistische und neointegralistische Prägung und formulierte ein vorsichtiges Plädoyer für eine schwache Souveränität auf diskurstheoretischer Basis. Dr. Abdelghafar Salim erweiterte die Diskussion um eine muslimische Perspektive auf die salafistische Lesart des Umma-Begriffs, der häufig als identitätsstiftender und homogener Gegenentwurf zu einer säkularen, fragmentierten und als defizitär erlebten Umwelt diene – obwohl er sich in Koran und Tradition auch plural und inklusiv darstelle. Allerdings, so war man sich einig, solle mit diesen Antworten keine neue Normativität generiert werden, sondern es gelte Ambiguität und Ambivalenz auszuhalten.
Entzweiung, Dekadenz und Apokalypse: Die Krisenerzählungen der extremen Rechten
In extrem rechter Geschichtstheologie und ihren zyklischen Narrativen wird die Menschheit immer wieder am Scheideweg vorgestellt. Dr. Felix Schilk machte aus soziologischer Perspektive drei zentrale Krisennarrative aus, die ursprünglich religiöse Motive säkularisiert und politisiert aufgriffen: die Erzählung einer Entzweiung, eines Dekadenzprozesses und eines apokalyptischen Zusammenbruchs. Lucas Bohnenkamp nahm exemplarisch einige Publikationen von Karlheinz Weißmann unter die Lupe – einem der wichtigsten Ideengeber der Neuen Rechten, evangelischer Theologe, Historiker und Lehrer –, der diese Semantiken gezielt in Bildungsmedien einspeist. Dass diese verfangen und funktionieren können, so das Fazit, liege auch daran, dass theologische Deutungskompetenz in säkularen Gesellschaften zunehmend schwindet.
Antisemitismus: strukturell, externalisiert und unbewusst
Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai (Institut für Rechtsextremismusforschung) machte aus sozialwissenschaftlicher Perspektive deutlich, dass der Antisemitismus in einer individualistischen und vorfallsbezogenen Perspektive als omnipräsentes, strukturelles Phänomen weitgehend ausgeblendet bliebe, was zu seiner Stabilität und Dauerhaftigkeit beitrage, insofern die ihn begründenden psychosozialen Strukturen immer wieder aktivierbar seien. Hans-Ulrich Probst und Tabea Fuchs zeigten mit ihrem Forschungsprojekt zum christlich-charismatischen Israelnetzwerk im deutschsprachigen Raum das Nebeneinander von antijudaistischen Tropen bei gleichzeitiger Israelsolidarität auf, wobei Israel als „floating signifier“ eine Projektionsfläche bleibe und Antisemitismus externalisiert werde. Julia Hofmann verwies mit ihrer Analyse von Schulbuchdarstellungen darauf, dass Judentum dort entweder als historisches Phänomen und antike Hintergrundfolie zum Verständnis Jesu in seiner Zeit diene oder als politisch-historisches Symbol im Hinblick auf Shoah, Staatsgründung und Nahostkonflikt, während es als lebendige religiöse Praxis der Gegenwart nicht in Erscheinung trete – wodurch bei Schüler:innen ein fragmentarisches Wissen entstehe. Diese kulturelle Leerstelle müsste systematisch gefüllt werden, um keine Anknüpfungspunkte für rechte Ideologie zu bieten.
Formierungen des christlichen Antiliberalismus, islamischer Fundamentalismus und Ableismus
Im christlichen Antiliberalismus zeige sich, so Leo Maucher (Institut für Sozialethik, Universität Zürich), die Konzeption einer „verdinglichten Freiheit“, die die individuelle Autonomie überhöhe und jede Beziehung zum Anderen sowie gesellschaftliche Abhängigkeiten leugne. Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse (Theologische Ethik und Sozialethik, kath. Fakultät Tübingen) beleuchtete den Topos des katholischen Neo-Integralismus, der die Herrschaft des Staates der Autorität der katholischen Kirche unterordnen wolle, da diese absolutes Wissen über die ewigen Heilsziele und damit das Gemeinwohl besitze, weshalb sie in letzter Instanz über die Legitimität von staatlicher Ordnung und Recht urteilen solle. Haider machte auf die vielfach unterschätzten „Grauen Wölfe“ aufmerksam, die in Deutschland eine der größten rechtsextremistischen Gruppen darstellten und denen die performative Vereinnahmung von islamischen Symbolen als Mobilisierungsfaktor und zur identitätsstiftenden Abgrenzung diene. Barbara Engelmann zeigte auf, dass rechtsextreme Behindertenfeindlichkeit Anknüpfungspunkte in einem strukturellen Ableismus finde, der im Fokus auf die Leistungsfähigkeit des Normkörpers kulturell-gesellschaftlich tief verankert sei und sich auch im christlichen Kontext finde, beispielsweise in exegetischen Traditionen zu den Heilungswundererzählungen Jesu.
Antifeminismus und Antigenderismus: Scharnierfunktion zwischen extremer Rechten und Religionen
Prof. Dr. Birgit Weyel (Praktische Theologie, ev. Fakultät Tübingen) veranschaulichte, wie durch implizite und performative Geschlechtskonstruktion in Funeralreden heteronormative Stereotype nicht nur reproduziert, sondern gar sakral aufgeladen würden. Dr. Sabine Volk machte aus politikwissenschaftlicher Perspektive deutlich, dass der Antifeminismus ein immer größeres Mobilisierungsthema für die extreme Rechte darstelle, das in den Parteiprogrammen der AfD stark vertreten sei und dabei als Brückennarrativ diene, um sowohl an in Deutschland weit verbreitete antifeministische Einstellungen anzuschließen als auch Allianzen mit Mainstreamakteuren zu bilden. Haider stellte die zentrale Rolle von Frauen im Salafismus heraus, insbesondere in der Verbreitung salafistischer Lehre, die vielen auch aufgrund einer Kritik des westlichen Patriarchats attraktiv erscheine, aus dem der Salafismus zu befreien vorgebe – während freilich gleichzeitig ein anderes Patriarchat rekonstruiert werde.
Prävention durch Demokratiebildung: in der Schule und kirchlich
Aus diesen Problemanalysen heraus plädierte Hiller für eine Thematisierung der extremen Rechten im Religionsunterricht, da dieser nicht nur die personalen Kompetenzen der Schüler:innen stärken solle, sondern auch zu politischer Mündigkeit erziehen. Dafür sollten Schüler:innen sowohl rechte Narrative erkennen und analysieren lernen, als auch theologische Konzepte kennenlernen, die den Ambivalenzen und der Komplexität von Wirklichkeit gerecht werden. Dr. Sarah Köhler (Diözese Rottenburg-Stuttgart) stellte ihre Kampagnenarbeit „Politik auf 13 m2“ vor, mit der Kirche das „unsichtbare Drittel“ der Gesellschaft, das politisch und gemeinschaftlich abgehängt sei, einzubinden suche – wobei Köhler kritisierte, dass auf demokratischer Seite vielfach die planvoll-strukturierte Rückbindung von Taktik an die Analyse fehle, was einen Aktionismus zur Folge habe. Möhring-Hesse und Prof. Dr. Gerald Kretzschmar (Praktische Theologie, ev. Fakultät Tübingen) diskutierten über das – historisch noch junge – demokratiepolitische Engagement der Kirchen, das allerdings die innere Problematik aufweise, dass die Demokratie selbst für die Kirchen keine „schismatische Wahrheit“ darstelle. Möhring-Hesse plädierte für die Religionen als Räume für starke Überzeugungen – was, wenn sie dort gehalten würden, demokratieförderlich sein könne – und kritisierte die inneren Demokratiedefizite beider Kirchen scharf, aus denen heraus sie nach außen demokratiebildend wirken wollten: „Bewusstsein dafür, was Demokratie ist und warum sie wertvoll ist, das sollte erstmal gezielt nach innen hin passieren!“ Kretzschmar rief dazu auf, dass die aktuelle Situation auch als Chance verstanden werden könne, Demokratie im Inneren zu entfalten.
Strategien finden: Haltung zeigen, Räume öffnen – und Glaubwürdigkeit schaffen
Am Ende dieser Tagung wurde deutlich: Die „Allzweckwaffe“ gegen die extreme Rechte gibt es nicht, so Carmen Rivuzumwami (Oberkirchenrätin der ev. Landeskirche in Württemberg). Doch Erkan Binici (ZIT, Uni Münster) rief dazu auf, theologisch fundiert Haltung zu zeigen, die sich in gelebten Taten äußern müsse – gerade auch hinsichtlich problematischer Homogenisierungstendenzen in den Religionsgemeinschaften selbst. Karin Schieszl-Rathgeb (Ordinariatsrätin Diözese Rottenburg-Stuttgart) äußerte die Sorge, dass in der Bearbeitung dieser komplexen Diskurse nur die „eigene Blase“ bespielt werde: „Wir müssen raus aus Räumen wie diesen“. Daher betonte Köhler noch einmal die Relevanz eines proaktiven Strategiedenkens, um auch der emotionalen Komponente des Phänomens gerecht zu werden: „Die Beziehung entscheidet über den Ausgang des Gesprächs“. Dabei war auch ein Streitpunkt, ob überhaupt und inwiefern ein diskursiver Zugang über Bildungsarbeit möglich sei. Wendel gab zum Schluss zu bedenken, dass jede Stellungnahme der Bischöfe gegen rechts dadurch konterkariert werde, „dass es im real existierenden Katholizismus vieles gibt, an das von rechts weiterhin wunderbar angeknüpft werden kann“. Und so bleibt der dringliche Aufruf, dieser fundamentalen Unglaubwürdigkeit binnenstrukturell entgegenzuwirken, um den gesellschaftlichen Einfluss der Religionsgemeinschaften im Hinblick auf Demokratiebildung nicht zu untergraben.









