Von Daniel Meier
Nachhaltigkeit – ein Begriff, der wie kaum ein anderer zum Leitbild auch für eine Kirche geworden ist, die sich zukunftsfähig aufstellen will. Doch wie zeigt sich Nachhaltigkeit konkret? Eine „Nachhaltigkeitsexkursion“, organisiert vom Diözesanausschuss für Nachhaltige Entwicklung und der Akademie der Diözese, führt seit vielen Jahren an beispielhafte Orte und Räume in der Diözese. Für und mit Menschen, die in Kirchengemeinden und Einrichtungen dafür Sorge tragen, der Schöpfungsverantwortung gerecht zu werden.
Wie aus einer Idee ein lebendiger Treffpunkt für das ganze Dorf wird und zugleich dem kirchlichen Leben einer Gemeinde nachhaltige Räume verschafft, schildert Ortsvorsteher Georg Mack beim Vor-Ort-Termin zur „Neuen Dorfmitte“ in Ringingen im Alb-Donau-Kreis. Das Projekt sei aus einer gemeinsamen Herausforderung entstanden: Die Kirchengemeinde habe ihre Räume im Pfarrhaus verloren, zugleich hätten Feuerwehr, Ortsverwaltung und weitere Einrichtungen Bedarf an geeigneten Räumlichkeiten gehabt.
Die „neue Dorfmitte“ in Ringingen: Ein Haus für Kirche und Kommune
Ziel war ein Haus, das möglichst vielen dient. Neben der Ortsverwaltung und einem eigenen Raum für die Kirchengemeinde sollten auch Gewerbeflächen für Metzger, Bäcker und Sparkasse entstehen. Herzstück des Gebäudes seien jedoch die großzügigen Gemeinschaftsräume. „Das ist das Wesentliche in dem Haus“, sagt Mack. Foyer und Obergeschoss seien bewusst als gemeinsame Treffpunkte geplant worden. Heute werde das Gebäude an der Stelle der einstigen Dorfwirtschaft täglich genutzt – von kirchlichen Gruppen ebenso wie von Vereinen und der Bürgerschaft.
Bis dahin war allerdings Überzeugungsarbeit nötig. Vor allem innerhalb der Kirchengemeinde habe es anfangs Bedenken gegeben, mit dem Verweis auf das kirchliche Geld, das nun der Kommune zu Gute komme. Hilfreich sei die Freundschaft von Pfarrer und Bürgermeister gewesen – und als Ortsvorsteher und Christ „könne er eh mit beiden Seiten“, erklärt Mack. Ein Architektenwettbewerb, dessen Entwürfe rund 250 Bürgerinnen und Bürger besichtigten, brachte schließlich die passende Lösung hervor.
Die Baukosten von rund 2,5 Millionen Euro seien dank der finanziellen Beteiligung privater Partner, der Kirchengemeinde und der Stadt tragbar gewesen. Die Kirche investierte 450 000,- Euro, die Stadt knapp 700.000 Euro. Für Mack sei dadurch gemeinsam mit vergleichsweise geringem Mitteleinsatz ein dauerhaftes Zentrum für das Dorf entstanden- 2011 wurde die „Neue Dorfmitte“ eingeweiht. Das Haus sei heute eine „große Wohnstube“ für das Dorf, so der Ortsvorsteher, und es wurde wenige Jahre nach der Eröffnung sogar mit einem Architekturpreis für den ländlichen Raum ausgezeichnet. Heute wird das Haus etwa zu zwei Dritteln von der Kirchengemeinde genutzt – die Kirche vor Ort hat damit nachhaltig von der Idee profitiert.
Photovoltaik-Anlage am denkmalgeschütztzen Ensemble
Eine besonders wirksame Maßnahme auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gebäudebewirtschaftung ist sicherlich die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Doch auch dabei gilt es, Widerstände zu überwinden und sich nicht entmutigen zu lassen: Im benachbarten Erbach kamen diese vor allem vom Denkmalschutz, berichtet Diözesanratsmitglied Josef Denzel am nächsten Ort der Nachhaltigkeitsexkursion. Die große, barocke Pfarrkirche bildet gemeinsam mit Schloss und Pfarrhaus ein denkmalgeschütztes Ensemble über der Donau und ihrer dortigen Seenlandschaft. Erste Simulationen aus der Vogelperspektive führten dazu, dass eine Genehmigung seitens der Behörden aussichtslos erschien. Denzel und die Projektverantwortlichen änderten daraufhin ihre Argumentation. Statt theoretischer Ansichten zeigten sie anhand eigener Fotografien, wie das geplante Dach tatsächlich aus der Perspektive eines Menschen wahrgenommen werde. Und die umfangreichen Bilddokumentationen belegten, dass die Module von den meisten Standorten im Ort überhaupt nicht sichtbar sind.
Das Erbacher Vorhaben entstand im Rahmen der Initiative „Schöpfung bewahren“. Denzel, der beruflich aus der Luft- und Raumfahrt kommt und Mitglied im Diözesanausschuss „Nachhaltige Entwicklung“ ist, wirbt eindringlich dafür, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Genau dieser Blickwinkel sei auch beim Projekt in Erbach entscheidend gewesen. Auch wurde die Photovoltaikanlage gemeinsam mit einer ohnehin geplanten Fassadensanierung installiert - „wenn schon das Gerüst steht, machen wir die PV gleich mit“, schilderte Denzel den pragmatischen Ansatz. Obwohl das Projekt zwischenzeitlich mündlich bereits abgelehnt worden war, gelang nach zahlreichen Gespräche, E-Mails und den erwähnten Fotos schließlich die Wende: Im Mai 2023 gab das Landesdenkmalamt schließlich grünes Licht.
Auch wirtschaftliche rechnet sich die Investition
Heute zieht Denzel eine rundum positive Bilanz. Die Anlage spart jährlich knapp 20 Tonnen CO₂ ein und arbeitet inzwischen seit vier Jahren zuverlässig. Auch wirtschaftlich rechne sich die Investition: Die Amortisationszeit liege bei weniger als siebeneinhalb Jahren und damit sogar unter den ursprünglichen Berechnungen. „Wir haben Halbzeit“, berichtet Denzel. Danach erwirtschafte die Anlage über viele weitere Jahre sauberen Strom – ein Gewinn sowohl für das Klima als auch für die Kirchengemeinde. Und in der Pfarrkirche wurde die Beleuchtung komplett auf LED umgestellt, eine weitere Maßnahme der „fairen Gemeinde“ Erbach. Kleiner Wermuttropfen: Die LED-Leuchten mussten über Amazon bestellt werden, weil sie im heimischen Handel nicht verfügbar waren, dabei hätte man viel lieber die Wirtschaft vor Ort unterstützt.
In Fahrgemeinschaften geht es entlang üppiger Getreidefelder samt Alpenblick vom Edith-Stein-Haus in Erbach zurück nach Untermarchtal. Dort wird das Erlebte eingeordnet in das Nachdenken und Tun der Welt- und Ortskirche auf dem Weg der Bewahrung der Schöpfung. Tagungsleiter Fabian Jaskolla von der Akademie zieht elf Jahre nach der Veröffentlichung der Enzyklika Laudato si’ eine Zwischenbilanz zum ökologischen Erbe von Papst Franziskus. Bereits die Wahl seines Namens habe auf den heiligen Franz von Assisi als Symbol für Armut, Frieden und die Verbundenheit mit der Natur verwiesen. Mit Laudato si’, Querida Amazonia und Laudate Deum habe der Papst eine ökologische Linie entwickelt, die Umweltfragen konsequent mit sozialer Gerechtigkeit verbinde.
Ökologische Umkehr statt technokratisches Paradigma
„Klima ist ein gemeinschaftliches Gut“, zitiert Jaskolla, Leiter des Fachbereiches Ethik-Naturwissenschaft-Theologie, eine Grundüberzeugung der Enzyklika Laudato si‘ (vgl. LS 23). Franziskus verstehe die ökologische Krise nicht allein als technisches oder politisches Problem, sondern als Ausdruck einer tieferliegenden geistigen und gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Das technokratische Paradigma sei daher die eigentliche Wurzel der Krise. Zugleich rufe die Enzyklika zu einer „ökologischen Umkehr“ auf, die persönliches Handeln ebenso wie politische Entscheidungen umfasse.
Jaskolla hebt hervor, dass Franziskus Ökologie und Gerechtigkeit untrennbar miteinander verknüpft habe. Nachhaltigkeit sei zwar bis heute kein eigenes Sozialprinzip der katholischen Soziallehre, dennoch habe sich die Perspektive der Kirche gerade auch durch Laudato si‘ nachhaltig verändert. Klima- und Artenschutz seien inzwischen selbstverständliche kirchliche Themen. Gleichzeitig gebe es weiterhin Entwicklungsbedarf, insbesondere bei der Verankerung einer „Schöpfungssensibilität“ und der Wahrnehmung des engen Zusammenhangs zwischen Armut und Umweltzerstörung.
Und wie hält es Papst Leo XIV. mit der Nachhaltigkeit? „To be continued“ könnte man das Verhältnis zu seinem Vorgänger überschreiben. Während Franziskus die Ökologie als Leitmotiv etabliert habe, setze Leo XIV. neue Akzente insbesondere im Umgang mit Künstlicher Intelligenz und dem Frieden. Das ökologische Erbe von Laudato si’ bleibe damit aber nicht abgeschlossen, sondern bilde einen zentralen Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der katholischen Sozialverkündigung im 21. Jahrhundert.
Maßnahmenkatalog der Diözese
Wie lassen sich die beiden Beispiele aus Oberschwaben einordnen in den Maßnahmenkatalog der Diözese auf dem Weg zur angestrebten Klimaneutralität bis 2040? „Seitdem 2017 das Klimaschutzkonzept verabschiedet wurde, sind viele Dinge auf den Weg gebracht worden“, erklärt Thomas Jüttner vom Bischöflichen Bauamt der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Insbesondere was die Gebäude betrifft befinde sich die Diözese auf einem sehr guten Weg, die CO2-Emissionen zu reduzieren – „zum einen werden Gebäude reduziert, die nicht mehr gebraucht werden und die Gebäude, die noch weiter im Bestand bleiben, werden sukzessive saniert“, erklärt Jüttner. Im Rahmen des Programms „Räume für eine Kirche der Zukunft“ soll die Baulast bis 2035 um 30 % reduziert werden.
Innerhalb der Gebäude sollen insbesondere die Heizungen optimiert und ausgetauscht und regenerative Energien eingesetzt werden, berichtet Jüttner. Und aus den im Nachhaltigkeitsfonds von 2007 bis 2025 bereitgestellten Mitteln in Höhe von 75 Millionen wurden bereits 42 Millionen Euro für konkrete Maßnahmen bewilligt. Erfreulich sei insbesondere die stark gestiegene Nutzung der Solarenergie: So haben derzeit rund 100 Kirchengemeinden PV- Anlagen auf den Dächern, begünstigt durch einen Wandel in der Politik hin zur Maxime „Klimaschutz über Denkmalschutz“, verbunden mit einer entsprechenden Direktive an die untere Denkmalschutzpflege, flexibler zu sein.
Gebäude, Mobilität und Beschaffung
Neben den Gebäuden wird die Nachhaltigkeit in der Diözese vor allem auch im Bereich der Mobilität und der Beschaffung gesucht, berichtet die Klimaschutzmanagerin der Diözese Svenja Stumpf – da fehle aber noch eine Gesamtstrategie. Im Sinne der dreifachen Aufgabe von Suffizienz, Effizienz und Konsistenz gehe es zum Beispiel bei der Mobilität um eine Verringerung der Fahrten (Suffizienz), die Erhöhung umweltfreundlicher Fortbewegung (Effizienz) und eine konsistente Umstellung auf Elektromobilität. Es gibt noch viele weitere Ideen, zum Beispiel die einer Mitfahrplattform für dienstliche Wege. Angesichts des immensen Energie- und auch kühlenden Wasserbedarfs künstlicher Intelligenz sei nicht zuletzt eine energiereduzierte KI-Nutzung ein wichtiges Anliegen des Strebens nach Nachhaltigkeit in der Diözese. Und damit das Thema auch in der Predigt angemessen aufgenommen wird, gibt es dazu über die Diözese hinausgehend Anregungen beim ökumenischen Kooperationsprojekt www.nachhaltig-predigen.de.
„Es war total inspirierend, zu sehen, wie die Akteure vor Ort mit ganz viel Herzblut an den Projekten arbeiten“, fasst Klimaschutzmanagerin Stumpf im Interview an der Donau ihre Eindrücke zusammen. „Danke an alle Engagierten, in der ganzen Diözese. Wir sind so froh und dankbar, dass ihr uns unterstützt bei der Arbeit.“
Die Nachhaltigkeitsexkursion wurde mit veranstaltet vom Diözesanausschuss „Nachhaltige Entwicklung“, dem Verband der Verwaltungszentrumsleiterinnen und -leiter in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dem Umweltbeauftragten der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Im kommenden Jahr ist eine erneute Nachhaltigkeitstagung für den 9. und 10. Juli angedacht.
Weitere Informationen zum Thema Klimaschutz in der Kirchengemeinde unter www.schoepfung-bewahren.drs.de, unter anderem mit dem Anmeldelink zum Newsletter.







