Von Daniel Meier
Auftakt zum Akademiejubiläum 2026: Vor großem Publikum hat der amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit dem katholischen Bischof Dr. Klaus Krämer (Rottenburg) und dem evangelischen Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl (Stuttgart) im Tagungszentrum Hohenheim über eine zukunftsfähige Kirche diskutiert. Einleitend hielt der renommierte Dogmatik-Professor und Leibniz-Preisträger Michael Seewald einen Vortrag. Unter dem Titel „Anschluss verloren? Wie die Zukunft der Kirchen in Gesellschaften der Zukunft gelingt“ bildete das ökumenische Spitzengespräch den Auftakt zum 75-jährigen Akademiejubiläum im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim statt.
Video der gesamten Veranstaltung
Eigentlich müssten sich die Kirchen am Wenigsten Sorgen um die Zukunft machen, erklärte Kretschmann vor dem Horizont der fundamentalen christlichen Zukunftshoffnung und sagte: „Solange Christen Salz der Erde und Licht der Welt sind, werden sie wirksam bleiben“. Die großen biblischen Metaphern von der Vertreibung aus dem Paradies oder der Arche Noah seien immer noch kulturprägend und die bundesdeutsche Verfassung sei „durch und durch christlich imprägniert“. Gerade in Zeiten fundamentaler Umbrüche könnten die Kirchen ihre Stärke dadurch zeigen, dass sie einen „klaren Kompass an Grundwerten und Grundüberzeugungen“ und eine „Relevanz in existenziellen Situationen“ bieten. Und auch „religiös unmusikalische Menschen“ im Sinne des jüngst verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas könnten „das offene Ohr und die stützende Hand der Seelsorge“ erfahren.
Kritik an der „Verwechslung von Hierarchie und Monarchie“
Kritik äußerte der Katholik Kretschmann an einer schleppenden Resonanz des Synodalen Weges im Vatikan und bemängelte eine Haltung von „mehr Dekret als Dialog“ und eine „Verwechslung von Hierarchie und Monarchie“. Eindrücklich plädierte der Ministerpräsident für eine „sehr ernsthafte Art des Miteinander-Sprechens im Sinne des Dialogs als Durch-Sprechen“. Fazit Kretschmanns: „In Zeiten großer Umbrüche und Verunsicherung braucht es Kirchen, die die Menschen in dieser säkularen Gesellschaft als Impulsgeber begleiten: Mit einem klaren Wertekompass, als Anwälte für Freiheit, Gleichheit und Rechte, für Toleranz und Frieden. Und mit einer Haltung, die Respekt und Vertrauen auch selber lebt. Als Raum der Nähe und Begegnung werden Kirchen für unsere Gesellschaft, unsere Demokratie und die Politik bedeutsam und bewahren sich so eine gute Zukunft.“
Der katholische Bischof Klaus Krämer unterstrich die Notwendigkeit, bei den anstehenden strukturellen Veränderungen stets auch neue Akzente zu setzen und sich dabei stets zu fragen: „Wo fokussieren wir unseren Dienst als Kirche?“ Für eine zukunftsfähige Kirche seien das gelebte Christentum mit einem starken ehrenamtlichen Engagement und die praktizierte Spiritualität zentral. Der evangelische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl räumte ein, dass viele Gemeinden derzeit unter Reformprozessen ermüden würden und stattdessen „endlich mal wieder inhaltlich arbeiten wollen“. Derzeit sei vor allem eine „Selbstvergewisserung“ erforderlich und die Vergegenwärtigung der zentralen Maxime von „Hoffnung statt Zukunftsangst“. Beide Bischöfe zeigten sich beeindruckt vom Engagement der Kirchen vor Ort für Notleidende, zum Beispiel in Gestalt der Vesperkirche.
Für „produktives Streiten“ und Binnenpluralität
Kretschmann empfahl den Kirchen, „richtig und zivilisiert“ zu streiten, im Sinne eines „produktiven Streites“ und hob die notwendige Binnenpluralität von konservativen und liberalen Kräften hervor. „Der Bischof muss dann im Grunde genommen auch Streitmanager sein, so wie der Politiker“, sagte der amtierende Ministerpräsident. Auch Landesbischof Gohl unterstrich die Chance einer Volkskirche, in sich progressive und konservative Kräfte zu bündeln. Dabei bezeichnete er es als „eine Weisheit des Heiligen Geistes, dass es unterschiedliche Konfessionen gibt, so wie die Evangelien in unterschiedlicher Perspektive über Jesus Christus sprechen.“ Wie Gohl betonte auch Bischof Krämer die Notwendigkeit des Dialogs und zeigte sich zugleich zuversichtlich, dass die Kirche auch in kleinerer Gestalt der Gesellschaft dienen werde.
Mehr Mut, grundsätzlich über sich selbst nachzudenken, empfahl der Theologe Michael Seewald den Kirchen. Als zentrale Anliegen des christlichen Glaubens bezeichnete er die „Thematisierung der Nicht-Selbstverständlichkeit der Welt“ und die „Hoffnungsförmigkeit“ – nicht im Sinne einer „Vertröstung, die in fügsame Passivität“ hineinführt“, aber im Sinne des „Wachhaltens, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein könnte“. Seewald warnte vor einer „Instrumentalisierung der Sakramente“ im Sinne einer Klerikalisierung, vielmehr ständen die Sakramente als „Werkzeug und Zeichen“ stets auch für den Dienst an der Gesellschaft. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil plädierte der Theologe für eine „pilgernde Kirche“, für die das „Suchen und Nachsinnen“ konstitutiv seien.
„Paradox von beklagenswerter Schwäche und besorgniserregender Stärke“
In politischer Hinsicht konstatierte Seewald die „paradoxale Gleichzeitigkeit von beklagenswerter Schwäche und besorgniserregender Stärke“. So begünstige eine schwächer werdende religiöse Bindung und Bildung die Radikalisierung christlicher Kräfte jenseits der Großkirchen. Deutliches Beispiel für diese Entwicklung sei die Wirksamkeit einzelner „Versatzstücke“ des Christentums durch die MAGA-Bewegung in den USA, einem Land, das weltweit auf Platz 11 der am wenigsten religiösen Länder stehe.
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