| Newsletter Oktober 2026

„Mit allen Sinnen – leben, sterben, begleiten“

27. Süddeutsche Hospiztage

Von Senta Böker

Den Menschen ganzheitlich wahrnehmen – mit all seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten aber auch mit all seinen Leidenssymptomen, Sorgen und Ängsten, die in der letzten Lebensphase eines schwerstkranken und sterbenden Menschen aufkommen – das ist es, worauf eine hospizliche Begleitung und Palliativversorgung abzielen. Wie wichtig dabei die Wahrnehmung von Sinnesreizen ist und welche Rolle biologische und medizinische Gesichtspunkte, ebenso wie Atmosphäre, Nähe und Distanz spielen, um eine „sinnstiftende Begleitung“ der Sterbenden und ihrer An- und Zugehörigen zu ermöglichen, war Thema der diesjährigen 27. Süddeutschen Hospiztage in Bad Boll.

Der Mensch als Sinnenwesen

Ein Thema, das den rund 180 teilnehmenden haupt- und ehrenamtlichen Hospizmitarbeitenden gleichermaßen zugutekam, wie den von ihnen begleiteten Menschen. Prof. Dr. Jürgen Herbers, Hausarzt und Palliativmediziner, beleuchtete im ersten Vortrag der dreitägigen Tagung den „Menschen als Sinneswesen, auch im Sterben“. Er machte deutlich, dass vor allem am Lebensende, wenn die Kraft und Kontrolle schwinden, die Sprache weniger und die Autonomie fragiler werden, „alle Sinne, die wir haben, Brücken zur Welt und zu anderen Menschen“ darstellen. So betonte Herbers, dass Haupt- und Ehrenamtliche in der Hospizarbeit nicht nur Körper begleiten, sondern leibliche Menschen, auch wenn diese Menschen sich nicht mehr richtig äußern können: „auch wenn die Antwortfähigkeit schwindet, heißt das nicht, dass keine Kommunikation da ist. Die Ansprechbarkeit kann bleiben, auch wenn die Antwort fehlt“ - ein Blick, die Reaktion auf Stimmen oder Berührungen, geweckte Erinnerungen durch vertraute Düfte oder Musik, all diese (biografischen) Sinneserfahrungen am Lebensende schaffen Verbindung. Schlussendlich appellierte Prof. Dr. Herbers auch an die eigene sinnliche Selbstwahrnehmung, denn nur wer sich selbst wahrnimmt und gut für sich sorgt, könne auch andere achtsam wahrnehmen und für sie da sein.

Sind wir schon ganz bei Sinnen?

Diesem Tenor folgte auch Susanne Kränzle, Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands und Gesamtleitung des Hospiz Esslingen, in ihrem Vortrag „Sind wir schon ganz bei Sinnen? – was hilfreich sein kann in der Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen“. Neben den körperlichen Sinnen, welche uns in die Lage versetzen, unsere Umwelt und uns selbst wahrzunehmen (Sinneswahrnehmungen), legte Kränzle den Fokus vor allem auf den Lebenssinn – das, was dem Leben Bedeutung gibt, was uns motiviert zu leben, zu lieben, zu arbeiten, uns zu engagieren, trotz erfahrener Tiefschläge oder Schicksalsschläge. Dass diese Sinnhaftigkeit oft und unerwartet ins Wanken geraten kann, verdeutlichte sie anhand des Beispiels der zunehmenden Long COVID-Erkrankungen und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom). Eine postinfektiöse Erkrankung, die mit totaler Kraftlosigkeit und Erschöpfung einhergeht, die zunehmend und immer öfter auch bei jungen Menschen wahrzunehmen sei. Nicht selten, so beschreibt sie weiter, empfinden die Betroffenen ihr Leben als völlig „sinnentleert“. Zu geeigneten Therapiemaßnahmen wird noch geforscht. Bedenklich sei vor allem die Beobachtung, dass viele betroffene Menschen einen möglichen Ausweg in der Mitgliedschaft einer Sterbehilfeorganisation sehen. Bei aller Fürsorgepflicht anderen gegenüber, dürfe der Mensch sich selbst als Sinnenwesen nicht vergessen. Susanne Kränzle ermutigte die Anwesenden, gut für sich selbst zu sorgen, wohlwissend, dass sich Hospizarbeit in einer Grenzsituation zwischen der eigenen Fürsorgepflicht und der Sorge um einen sterbenden Menschen, dem alle Zugewandtheit zusteht, bewegt. Ein wichtiges Stichwort sei hier die „professionelle Nähe“: „wenn ich da bin, dann bin ich ganz da, mit allem, was mir zur Verfügung steht. Wenn ich nicht da bin, dann sind andere da – es kommt auf mich an, aber es kommt nicht nur auf mich an“. Und so gab sie Impulse, achtsam und bewusst durchs Leben zu gehen, dessen Sinnlichkeit wahrzunehmen und regelmäßig die eigenen Sinne und Sinnhaftigkeit zu reflektieren, um auf diese Weise auch dem „Gemeinsinn“, dem sechsten sozialen Sinn, gerecht werden und Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen zu können.

Kommunikation ohne Worte

Marlis Lamers, die „Gefühlsdolmetscherin“, wie sie sich selbst nennt, führte mit der südafrikanischen Grußformel „Sawubona“ den roten Faden des Tagungsthemas gekonnt fort. „Sawubona“ bedeutet so viel wie „ich sehe dich, mit deinen Gefühlen, Wünschen und Hoffnungen“ und so betonte Lamers, dass Pflege und Begleitung immer bedeuten, den Menschen in seiner Ganzheit wahrzunehmen, auch mit dessen Mimik und Gestik. Als Expertin für Mikromimik und nonverbale Kommunikation brachte sie den Teilnehmenden Möglichkeiten nahe, um den Umgang mit verbal eingeschränkten Menschen zu vereinfachen.

Die Fähigkeit, nonverbale Signale präzise zu lesen, nehme heutzutage immer mehr ab. Jeder zweite Gesichtsausdruck werde falsch interpretiert oder sogar übersehen. Umso wichtiger sei es, die Körpersprache des Gegenübers wahrzunehmen und richtig zu entschlüsseln. Dass dies Übung braucht, wurde den Teilnehmenden in Selbstversuchen schnell deutlich. Der Tipp von Marlis Lamers: Filme eine Zeit lang ohne Ton anschauen.

Musik macht Sinn

Dagegen nahm Martina Baumann, Dipl. Musik - und Psychotherapeutin sowie Körpermusikerin, den Saal mit vielen Tönen und Musik auf eine abschließende Körpermusikreise. Neben den praktischen Sinneserfahrungen durch zuhören, summen, singen und tanzen zeigte Baumann auch ganz theoretisch auf, wie und warum Musik beim leben, sterben und begleiten Sinn macht und welche Auswirkungen auf Körper, Geist, Seele und Spiritualität spürbar werden können. Lieder, so betonte sie, seien die „Insel der Heimat“, sie können Orientierung geben, Erinnerungen und Lebensfreude wecken aber auch der Trauer Raum geben. Musik erzeugt Gemeinsinn, Körpersinn, Feinsinn, Gemeinschaftssinn und einen Tiefsinn, denn sie schafft Atmosphäre – etwas, das bis zuletzt wahrgenommen werden kann. In acht verschiedenen Workshops wurde die Aktivierung der Sinne auf unterschiedliche Weise vertieft, sodass die Teilnehmenden eigene Sinneserfahrungen aber auch viele Impulse zur „sinnhaften Begleitung“ der ihnen anvertrauten Menschen aus der Tagung mitnehmen konnten. Die 27. Süddeutschen Hospiztage fanden vom 01. Juli bis 03. Juli 2026 in der Akademie Bad Boll als Kooperationsveranstaltung der Evangelischen Akademie Bad Boll, Akademie der Diözese Rottenburg- Stuttgart, Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., Hospiz- und PalliativVerband Baden-Württemberg e.V. und dem Diakonischen Werk Württemberg statt.