| Newsletter Januar 2025
Alfons-Auer-Ethik-Preis

Menschlichkeit – ein Ideal als Aufgabe

Der israelische Philosoph Omri Boehm wird mit dem Alfons-Auer-Ethik-Preis geehrt und versucht, die Menschenwürde gegenüber jeder Politik zu retten.

Eine Zusammenfassung von Prof. Dr. Andreas Holzem, Tübingen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt das Grundgesetz. Auch die Charta der Grundrechte der Europäischen Union, die Allgemeine Erklärung der Vereinten Nationen und die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung berufen sich auf die Menschenwürde und die daraus folgenden unveräußerlichen Rechte. Aber welchen Grund können wir für deren unbedingte Geltung angeben, um sie vor Missachtung zu schützen?

Der israelische Philosoph Prof. Dr. Omri Boehm lehrt an der New School for Social Research in New York. Am Dienstag, 26. November 2024, nahm er in der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen den „Alfons-Auer-Ethik-Preis“ entgegen. Er nutzte dies zu einer klaren, ja flammenden Argumentation für einen „radikalen Universalismus“.

Der universalen Würde des Menschen geht es nicht gut derzeit. Auf der einen Seite wächst der Macht- und Gewaltstaat, der Recht und Gerechtigkeit für Schwachheit hält. Auf der anderen Seite – an den Universitäten und in den Feuilletons – wird das Ideal der universalen Menschenwürde als eine Ideologie europäisch-nordamerikanischer weißer Männer, Sklavenhalter gar, denunziert: benutzt, um zu kolonisieren, zu besetzen, zu enteignen, zu vertreiben und zu versklaven.

Rechtsstaatlichkeit gründet nicht in Macht und Krieg

Thomas Hobbes hielt den „Krieg aller gegen alle“ für den Naturzustand des Menschen. Der Staat, der Leviathan, überwindet die Furcht vor dem Ermordetwerden durch die Mitmenschen dadurch, dass er Macht und Gewalt an sich reißt. Immanuel Kant hielt diese Vorstellung für barbarisch: ein Gesetz für ‚Wilde‘. Kant argumentierte für eine in Freiheit gründende Würde, in der Menschen sich selbst vernünftige Ziele setzen, statt sich von ihrer Furcht und ihren Vorurteilen regieren zu lassen. Jede Rechtsstaatlichkeit, die diesen Namen verdient, gründet nicht in Macht und Krieg, sondern in Würde und Gerechtigkeit. Der Befehl verkörpert Gewalt, das Gesetz verströmt Autorität.

Das nach-metaphysische Denken versucht, die Menschenwürde naturalistisch zu begründen. Aber wenn „Natur“ nicht einen moralischen Zweck beschreibt, sondern bloß die Tatsachen der modernen Wissenschaft, dann ist es eine leere Behauptung, der Mensch könne seine Würde darauf gründen. Die Evolution stattet kluge Tiere wie uns mit Wünschen, Kräften und Trieben aus, nicht aber mit Menschenrechten oder Menschenwürde. Es wird nicht besser, sagt Omri Boehm, wenn wir uns zur Begründung der Menschenrechte auf die Erfahrung der Geschichte berufen: Es ist unser eigenes „Wir“, das wir beschreiben, wenn wir die „unantastbare“ Menschenwürde nur als notwendige Schlussfolgerung der Nazi-Barbarei betrachten. Wie schnell ein solches Wissen, „wer wir sind“, an seine Grenzen kommen kann, ist in westlichen Gesellschaften derzeit zu besichtigen. Und nicht nur die „Maga“-Bewegung in Amerika, sondern sowohl die Israelis als auch die Palästinenser begründen ihre unvereinbaren Ansprüche auf eben ein solches historisches „Wir“. Das historische Argument schränkt den Geltungsbereich der Menschenwürde ein. Dass sich eine Gesellschaft darauf verständigt, begründet nicht, warum das für alle Menschen gelten soll. Und es sichert nicht dagegen ab, dass man sich unter anderen historischen Umständen doch wieder für die Missachtung entscheidet.

Moral und Recht sind nicht länger voneinander zu trennen

Alledem stellt Omri Boehm – als „radikalen Universalismus“ – das „Ideal“ der Menschenwürde gegenüber. Aber um der unbedingten Geltung willen verlangt er, dass dieses Ideal „real“ sein muss. Man darf Moral und Recht nicht länger trennen. Man muss bereit sein, die Menschenwürde in das Zentrum einer konstitutionellen Weltgesellschaft zu stellen. Nur so lässt sich die Souveränität von Regierungen in Frage stellen, die Gesetze erlassen, welche die Menschenwürde untergraben. Für Immanuel Kant ist die Menschlichkeit des Menschen nicht eine Tatsache, sondern eine Aufgabe: Sie ergibt sich nicht aus unseren Eigenschaften als der Evolution entsprungenen Naturwesen. Menschlichkeit ist ein „praktisches Ideal“: Sie ergibt sich nicht aus dem, was wir sind oder tun, sondern aus dem, was wir tun sollen. Es ist genau das, was uns von Tieren unterscheidet, und seien sie noch so intelligent. Freiheit bedeutet, dass Gründe uns leiten, nicht Ursachen, Würde, nicht Natur.

Dieser Fassung der Menschenwürde wird um derer willen, die bislang keine Stimme hatten und nicht gehört wurden, vorgeworfen, abstrakt zu sein und die allgegenwärtige Diskriminierung unberücksichtigt zu lassen: die Erfahrung, aufgrund von Geschlecht, Rasse, Klasse benachteiligt zu werden, die Geschichte(n) von Unrecht und Verfolgung, Gewalt und Krieg. Aber es geht hier nicht um Abstraktion, sondern es geht mit Kant um ein Ideal im Sinne Platons: Menschenwürde ist real, weil ihre universale Geltung allen späteren Unterscheidungen vorausliegt. Sie wurde von weißen, rassistischen, kolonialen Männern formuliert. Aber sie wird nicht dadurch falsch oder  außer Geltung gesetzt dadurch, dass eben diese sie faktisch untergraben haben.

Selbst Gott steht nicht über Recht und Gerechtigkeit

Was wir tun sollen, hängt von dem ab, was wir tun können. Dieses „sollen setzt können voraus“ wird in der Regel pragmatisch interpretiert: Der Rahmen dessen, was wir ‚können‘, wird bestimmt von mächtigen und kleinlichen Interessen, von Angst und Begehren. Kant hingegen betrachtet es als absolut verwerflich, das Sollen bloß nach dem zu bestimmen, was faktisch geschieht und für realistisch erreichbar gehalten wird. Dieses Denken und Verhalten ist nicht der Vorrang des Praktischen, sondern bloß des Pragmatischen. Wer hat die Macht zu bestimmen, was – von Gruppenegoismus geleitet – als machbar ausgegeben wird?

Stattdessen ist es das Bewusstsein der Freiheit, das uns die Fähigkeit gibt zu bestimmen, was zu tun ist. Man darf – um der Menschenwürde willen – die konkreten Bedingungen politischen und sozialen Handelns nicht zur Grundlage dessen machen, was Recht und Gerechtigkeit sein soll. Das macht die Bedeutung der Philosophie Omri Boehms für die Theologie aus: Selbst Gott steht nicht über Recht und Gerechtigkeit, weder im Christentum noch im Judentum oder im Islam. Biblische Erzählungen, wie Boehm sie liest, unterwerfen auch Gott dem Ideal der Gerechtigkeit. Genau darum ist die Menschenwürde nicht abstrakt, sondern praktisch. Sie bestimmt – so bitter es ist das wahrzunehmen – nicht das, was wir derzeit tun, aber das, was wir tun zu können uns vornehmen sollen. Anders als der Vorsokratiker Heraklit behauptete, sind Gewalt und Krieg nicht „der Vater aller Dinge“. Denn Gewalt und Krieg vermögen nicht Ursprung der Menschenwürde zu sein.

Der Alfons-Auer-Ethik-Preis wird alle zwei Jahre von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart vergeben. Stifter des Preises ist der Industrielle Siegfried Weishaupt, Schwendi. Vorsitzende des Kuratorium ist die Rektorin der Universität, Prof.in Dr. Dr. h.c. Karla Pollmann. Die Laudatio auf den Preisträger hielt Dr. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

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Wie wird Menschenwürde unantastbar?

Die Pressemitteilung der Akademie, von Paul Kreiner

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es als erster Satz über dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. „Es ist sehr schön“, sagt Omri Boehm dazu, „dass sich zum Beispiel die Deutschen dafür entschieden haben, sich der Idee der Menschenwürde zu unterwerfen. Wie wir wissen, können sie sich auch anders entscheiden.“ Es müsse aber klar sein, worin das „unantastbar“ gründe. „Ein Wille oder die Entscheidung von irgendjemandem – von Gott, dem Souverän, dem Volk“ reiche dafür nicht länger aus. Eine derart begründete Menschenwürde wird anderen mal zugesprochen, mal abgesprochen – wenn sie nicht überhaupt, wie Omri Boehm mit Hinweis auf seine Studierenden beobachtet hat, als eine „Idee des Kolonialismus“, in ihrem angeblichen aufklärerischen Universalismus definiert von den üblichen alten weißen Männern, betrachtet und in Frage gestellt wird.

Angesichts der Gewalt der Zeit und des Auseinanderbrechens der Gesellschaft in identitär verfasste Gruppen, versucht Omri Boehm, die Menschenwürde in ihrer dem Menschen vorgegebenen Idee und Aufgabe zu retten. Er tut es über Kant, den „Kategorischen Imperativ“, und in dessen Rückgriff auf Platons Ideenlehre. Menschen, leitet Boehm daraus ab, haben in ihrer Würde „einen Wert, der über alle Werte erhaben“ ist, und der in der „Menschlichkeit als Praxis“ seinen unbedingten Ausdruck finden muss – über alle selbstdefinierten Abgrenzungen und Schützengräben hinweg, nicht nur über die im Nahen Osten.

„Humanität als Praxis“

„Humanität als Praxis“ lautete auch der Titel des Vortrags, mit dem Omri Boehm, der israelische, in New York lehrende Philosoph, den ihm zugedachten Ethik-Preis an der Universität Tübingen entgegennahm. Benannt nach dem großen Tübinger Theologen und Erneuerer der katholischen Morallehre, Prof. Alfons Auer (1915-2005), wird er alle zwei Jahre von der Katholisch-Theologischen Fakultät und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart verliehen, deren programmatisch denkender Gründungsdirektor Alfons Auer war. Zur Preisverleihung kamen am Dienstag, 26.11.2024, mehrere hundert Menschen ins Tübinger Theologicum. Des Andrangs wegen wurde die Zeremonie kurzfristig auch noch in einen weiteren Hörsaal übertragen.

In ihrem Grußwort erinnerte Akademie-Direktorin Verena Wodtke-Werner an Alfons Auers denkerische Prinzipien der „schöpferischen Ruhelosigkeit“ und der „verantworteten Zeitgenossenschaft“, die heute noch prägend seien für die Arbeit der Akademie. In deren Geist werde auch der Preis an Omri Boehm verliehen: „Das Haus der Zeitgenossen muss bewohnbar bleiben.“

Meron Mendel, Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, beklagte in seiner Laudatio auf Boehm, in der Gesellschaft von heute sei eine echte, positive „Streitkultur abhanden gekommen.“ Anstatt miteinander zu diskutieren „und sich überzeugen zu lassen“, zögen sich die Menschen in ihre Echokammern zurück. Mit Blick auf den Krieg im Nahen Osten sagte Mendel, Israel werde heute „von Fundamentalisten dominiert“. Die Politik der Regierung in Jerusalem folge der „Siedler-Logik“; Religiosität und Nationalismus hätten sich seit den Gebietsgewinnen im Sechs-Tage-Krieg immer stärker verbunden, die Politik ziele auf Unterwerfung anderer und – in „messianisch-orthodoxer Idee“ – auf die „Errichtung des dritten Tempels“. Dabei sei die zionistische Grundidee doch gewesen, Menschenleben zu retten: „Das waren damals keine streng gläubigen Menschen.“

„Menschenwürde steht über jedem Willen, auch dem des Volkes.“

Auch Omri Boehm sprach in seiner Rede die prekäre Situation im Nahen Osten direkt an: „Versuchen Sie einmal vorzuschlagen, ein uneingeschränktes Bekenntnis zur Menschenwürde und nicht zur nationalen Souveränität solle der Ursprung einer israelischen Verfassung sein. Oder Israel solle sich strikt zur Einhaltung des Völkerrechts zu verpflichten: Die eine Seite betrachtet eine solche Verpflichtung als kolonialistisch und rassistisch, die andere als anti-zionistisch und damit antisemitisch.“

Dabei, so Boehms Grundgedanke, stehe die Idee der universalen Menschenwürde „über jedem Willen, auch dem des Volkes.“

Boehm spricht in diesem Zusammenhang von der „externen Autorität der Wahrheit“, und sagt (so die bisher nichtofizielle Übersetzung seiner Tübinger Rede): „Während die Politik der Bereich ist, in dem Mächte, Willen und positive Gesetze verhandelt werden, sind Ideale, wenn sie wahr oder real sein können, indifferent gegenüber dem Einfluss beider.“ Und er schließt: „Das Ideal der Menschenwürde, wie es in der Praxis begründet ist, ist real. Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge, weil er nicht ihr Ursprung sein kann.“