Mit seiner Antrittsenzyklika schärft Leo XIV. die Konturen seines Pontifikats und legt sein Regierungsprogramm vor. Ein erster Leseeindruck.
Von Fabian Jaskolla
Auf den Tag genau 135. Jahre nach der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum unterzeichnete Papst Leo XIV. seine erste Sozialenzyklika Magnifica humanitas. Mit der Wahl des Zeitpunktes als auch seines Namens stellt er sich somit einmal mehr erkennbar in die Tradition des Begründers der Katholischen Soziallehre, Papst Leo XIII.. Während dieser Ende des 19. Jahrhunderts auf die Folgen der Industrialisierung reagierte, stellt sein Nachfolger die Enzyklika unter neue Vorzeichen. Bereits mit seinen ersten Worten „Der Friede sei mit euch allen“[1] auf der Loggia des Petersdoms nach seiner Wahl, setzte Leo XIV. den Frieden als Leitmotiv seines Pontifikates in Aussicht. Auf der Suche nach den Zeichen der Zeit (GS 4) und angesichts einer Weltordnung im Umbruch und „Kaskaden globaler Interdependenzkrisen“[2] zeigte der neue Papst Feingefühl. Mit seiner ersten Ansprache vor dem Kardinalskollegium setzte er zudem das Thema Künstliche Intelligenz[3], das bereits unter Papst Franziskus in der Note Antiqua et nova der Dikaterien für Glaubenslehre sowie für Kultur und Bildung behandelt wurde.[4] Beide Themen spielen in der neuen Enzyklika eine Rolle – KI als Leitthema, doch auch der Frieden und die internationale Politik werden behandelt.
Der Mensch an einer Weggabelung: neuer Turmbau zu Babel oder Wiederaufbau Jerusalems?
In der Auseinandersetzung mit den ‚neuen Ding‘ unserer Zeit sieht Leo XIV. den Menschen an einem Scheideweg: auf der einen Seite der Turmbau zu Babel (vgl. Gen 11,1-9) als „ein Werk, das ohne Bezug zu Gott konzipiert worden ist“ (MH 7), auf der anderen Seite der Wiederaufbau Jerusalems (vgl. Neh 2-6) als „Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht“ (MH 8). Auf diesen Kontrast zwischen einer Verabsolutierung des Menschen (Turmbau zu Babel) und seiner Verletzlichkeit, wie sie auch im babylonischen Exil deutlich wurde, spielt der Titel Magnificas humanitas mit dem Leo XIV. daran appelliert menschlich zu bleiben. Der ‚Großartigkeit der Menschheit‘ meint nicht Omnipotenz und Schaffenskraft, sondern wird in seiner Geschöpflichkeit und damit verbundenen ontologischen Würde sichtbar: „Das ist die Würde, die einem Menschen allein aufgrund der Tatsache zusteht, dass er existiert, dass er von Gott gewollt, geschaffen und geliebt ist […] (MH 52).
Aufbau der Sozialenzyklika
Nach einer Rückschau auf die bisherige Sozialverkündigung (MH 17-45) und die Vergegenwärtigung der Sozialprinzipien (MH 46-89), setzt Leo XIV. in den drei Folgekapiteln unterschiedliche Schwerpunkte: III. Technik und Herrschaft. Die Größe der menschlichen Person angesichts der Versprechen der KI (MH 90-130), IV. Das Menschliche in Zeiten des Wandels bewahren. Wahrheit, Arbeit, Freiheit (MH 131-181) und V. Die Kultur der Macht und der Zivilisation der Liebe (MH 182-228). Er schließt die Enzyklika mit dem Magnifikat (MH 243-245).
Technik und Herrschaft
Im dritten Kapitel greift Leo XIV. das aus Laudato si‘ bekannte technokratische Paradigma (MH 92) auf, das in Franziskus‘ Enzyklika noch vor allem im ökologischen Kontext behandelt wurde. Er überträgt das Paradigma auf den KI-Diskurs seiner Enzyklika und mahnt, „dass Technik kein bloßes Werkzeug ist und dass sie, wenn sie selbst zum Beurteilungsmaßstab wird, letztendlich bestimmt, was zählt und was aussortiert werden kann.“ (MH 92) Er wendet sich damit gegen ausbeuterische Praktiken und Machtkonzentration, für ihn werden die „großen Prinzipien der Soziallehre zu Maßstäben für die Beurteilung und Einordnung dieser neuen Situation“ (MH 96) – besagte Vergegenwärtigung und Übertragung der Sozialprinzipien auf die res novae unserer Zeit. Auch wendet er sich gegen trans- und posthumanistische Bestrebungen, Optimierung bis hin zur Überwindung des Menschen, und stellt diesen „prometheischen Träumen“ einen christlichen Humanismus entgegen: „Was den Menschen rettet, ist nicht die gesteigerte Selbstständigkeit, sondern eine Beziehung, die befreit, eine Gemeinschaft, die verwandelt.“ (MH 128)
Das Menschliche in Zeiten des Wandels bewahren. Wahrheit, Arbeit, Freiheit
Im vierten Kapitel wendet sich die Enzyklika unterschiedlichen Lebens- und Anwendungsfeldern zu, die durch KI geprägt werden. Eingangs wird die öffentliche und politische Kommunikation behandelt, in deren Zusammenhang Wahrheit als Gemeingut bezeichnet wird (MH 133). Leo XIV. wendet sich damit gegen Desinformation und sieht in der „Suche nach der Wahrheit […] [einen wesentlichen] Bestandteil der Demokratie, die ihrerseits ein Mittel zur Mitwirkung am Gemeinwohl ist.“ (MH 134) In dem Zusammenhang plädiert er für eine Ökologie der Kommunikation, womit auch politische bzw. öffentliche Regulierung einhergeht (MH 137). Hinsichtlich des Wertes der Arbeit erinnert Leo XIV. an Rerum novarum und sieht Arbeit nicht als ein bloßes Mittel, sondern als Ausdruck der Würde unseres Lebens und in die Natur des Menschen eingeschriebenes Bedürfnis (MH 149). Der Wandel der Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz fordert die Gesellschaft heraus und ist mit Umbrüchen verbunden, entsprechend sieht Leo XIV. die Notwendigkeit „den Wandel im Voraus zu gestalten.“ (MH 156) In dem Zusammenhang erinnert er auch an die Grenzen wirtschaftlicher Freiheit und die ihre Verpflichtung zum Gemeinwohl und der Achtung der Würde jedes Menschen (MH 157). Damit einher geht für ihn auch die Überwindung der „derzeitigen Parameter zur Messung des Entwicklungsstands […], die seit über achtzig Jahren am Konzept des Bruttoinlandsprodukts ausgerichtet sind und die nahezu systematisch wesentliche Aspekte für das allgemeine Wohlergehen der Menschen und der Umwelt außer Acht lassen. Gleichzeitig bewerten sie Aktivitäten positiv, die das Leben unseres Planeten kurz- oder langfristig gefährden.“ (MH 159) Auch wendet sich die Enzyklika klar gegen ausbeuterische Strukturen in der Wirtschaft, es gilt die Ketten der neuen Formen der Sklaverei zu sprengen: „Ein Wesentlicher Teil der Funktionsweise der digitalen Wirtschaft beruht auf der stillen Arbeit von Millionen von Menschen, die in wenig sichtbaren, aber unverzichtbaren Tätigkeiten beschäftigt sind: Datenbeschriftung, Moderation von Inhalten – oftmals der schlimmsten Art – und Modelltraining.“ (MH 173) In dem Zusammenhang bekennt Leo XIV. auch die historische Schuld und Verstrickung der Kirche bei der Sklaverei und bittet dafür um Vergebung (MH 176).
Kultur der Macht und die Zivilisation der Liebe
Im fünften Kapitel wendet sich Leo XIV. dem Thema zu, das er zu Beginn seines Pontifikats gesetzt und seitdem nicht aus dem Blick verloren hat: Frieden. Er benennt die Veränderung der Grammatik von Konflikten mit dem technologischen Fortschritt: „Zur sichtbaren Kriegsführung gesellen sich hybride Formen: Cyberangriffe, Informationsmanipulation, Einflusskampagnen und die Automatisierung strategischer Entscheidungen. KI tritt in diese Prozesse als beschleunigender Faktor ein, in einem Kontext, in dem viele Technologien an und für sich ambivalent sind: Was für die Verteidigung geschaffen wurde, kann schnell zum Angreifen umfunktioniert werden, und die Grenze zwischen Schutz und Aggression neigt dazu, zu verschwimmen.“ (MH 183) Wie auch schon Papst Franziskus erkennt Leo XIV. den Multilateralismus in der Krise und plädiert – anknüpfend an Paul VI. - stattdessen für eine Zivilisation der Liebe. Er kritisiert die Normalisierung des Krieges, eine Kultur der Macht und die Entgrenzung von Gewalt und setzt auf eine Kultur der Verhandlung (MH 221) und Dialog als Weg zu einer Gesellschaft in Frieden. Entgegen aller Abschottungstendenzen benennt Leo XIV. die Notwendigkeit von Diplomatie und Multilateralismus und sieht „Internationale Organisationen, insbesondere die Vereinten Nationen, […] [als] unverzichtbare Instrumente zur Förderung einer Zivilisation der Liebe, zur Unterstützung des Dialogs zwischen den Nationen, der friedlichen Konfliktlösung, der ganzheitlichen Entwicklung der Völker, des Schutzes der Schwächsten, der Abrüstung und der Bewahrung der Schöpfung.“ (MH 226)
Der Mensch als Baumeister - KI und Frieden als Zeichen der Zeit. Eine Würdigung der Enzyklika
Mit seiner ersten Sozialenzyklika Magnifica Humanitas behandelt Papst Leo XIV. ein breites thematisches Panorama. Während Franziskus in seinem Pontifikat vor allem mit Laudato si‘ große Aufmerksamkeit erfuhr und das Vorzeichen der Ökologie ins Zentrum stellte, setzt sein Nachfolger nun das Vorzeichen Künstlicher Intelligenz. Er steht dabei ganz in der Tradition der Katholischen Soziallehre, wie seine historische Herleitung zu Beginn deutlich macht. Zugleich handelt es sich um eine Aktualisierung der Sozialprinzipien in gegenwärtige Kontexte. Nicht ohne Grund sprach Prof. Nothelle-Wildfeuer bei ihrer Einordnung der Enzyklika von „Rerum novarum 2.0“[5]. Wie bereits Leo XIII. auf die Industrielle Revolution reagierte und damit die Katholische Sozialverkündigung begründete, so greift Leo XIV. gegenwärtige gesellschaftliche Umbrüche auf. Dabei ist zudem positiv zu benennen, dass er das Motiv des Friedens, mit dem er sein Pontifikat begonnen hat, keineswegs außer Acht lässt. Gerade angesichts vorherrschender Nationalismen, nationaler Alleingänge und eskalierender Konflikte, erinnert Leo an die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und des Dialogs zur Lösung globaler Herausforderungen. Damit bedient er auch eine Sehnsucht vieler Menschen. Mit Magnifica humanitas schlägt Papst Leo XIV. ein neues Kapitel Katholischer Sozialverkündigung auf, das Lust auf die Lektüre macht. Es ist auch die Einladung an die Menschen als Baumeister an der Gestaltung einer gerechten und auf das Gemeinwohl ausgerichteten Gesellschaft mitzuwirken. Dabei bleibt der Mensch in seiner Geschöpflichkeit und damit Würde, aber auch in seiner Fragilität und Fehlbarkeit wichtiger Ausgangspunkt. Gerade darin liegt die Großartigkeit der Menschheit, die Großartigkeit des Menschseins.
Die ganze Enzyklika lesen Sie hier: Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ (15. Mai 2026)
Stimmen aus der Sozialethik zur Enzyklika finden Sie hier: Magnifica Humanitas – Stimmen aus der Christlichen Sozialethik – AG Christliche Sozialethik
