Von Vera Bianchi
Taten sich in der Migration Handlungsspielräume für Frauen auf, die sich „drüben“, am Ziel, wieder verschlossen? Diese Frage stellte Teresa Schröder-Stapper in ihrem Vortrag über Änneke Klostermann, die 1684 als einzige Frau einer Mühlheimer Auswanderergruppe ins gerade gegründete Germantown in Pennsylvania migrierte. Da mehr Briefe, Tagebücher, Abhandlungen und Bücher von ausgewanderten Männern existieren, müssen die Forschenden die Informationen über weibliche Migrantinnen aus diesen heraussuchen. Was die unterschiedlichsten Europäerinnen motiviert hat, ihre Heimat zu verlassen, kann so nur aus den Lücken erschlossen werden.
Wie kann Migration verglichen werden? In ihrer Keynote zur Tagung des Arbeitskreises Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit stellte Antje Flüchter unter anderem das Teilprojekt D03 „Der verglichene Körper: Ordnung in der Vielfalt der Menschen (16.-19. Jahrhundert)“ im Bielefelder Sonderforschungsbereich 1288 „Praktiken des Vergleichens. Die Welt ordnen und verändern“ vor. Sie plädierte für eine intersektionale Vorgehensweise, in der die Wechselwirkungen verschiedener Unterdrückungskategorien untersucht werden. Dabei sollten Forschende darauf achten, gesellschaftliche Asymmetrien nicht durch Kategorisierung festzuschreiben. Ein weiterer Fallstrick bestehe darin, bei der Wahl der Fragestellung und der Vergleichsgruppen zu stabilisieren, statt zu dynamisieren.
Von wegen „sesshaftes Geschlecht”
Wie eine bestimmte Auswahl der Vergleichsgruppen das Ergebnis in eine falsche Richtung lenken kann, zeigte Claudia Opitz-Belakhal in ihrem Beitrag zur Migration aus dem Basler Bürgertum, denn Basler Frauen wurden lange zum „sesshaften Geschlecht” erklärt. Dabei besaßen Frauen und Männer unterschiedliche Migrationsanlässe. Das militärische Feld beispielsweise bot Männern vielfältige Möglichkeiten der Migration, während junge Basler Bürgertöchter in sogenannten „Welschlandaufenthalten” (mehrmonatige bzw. mehrjährige Sprachaufenthalte in der Westschweiz) Französisch lernten und so eine frühe Form der Frauenbildung genossen.
In sieben Vorträgen, der Keynote und einem Round-Table-Gespräch wurden unterschiedliche weibliche Migrationsformen vorgestellt. Die Themen reichten von der migrierten wundarzneilichen Versorgerin, die von ihrer männlichen Konkurrenz aus ihrer Tätigkeit in Frankfurt gedrängt worden war, bis zu den hunderten jungen Frauen, die der französische König als Bräute für die französischen Siedler in die kanadische Kolonie schickte. Auf die zahlenmäßig größte Migration in der Frühen Neuzeit, die Zwangsmigration durch Versklavung von Männern und Frauen aus Afrika, wurde ebenfalls hingewiesen.
Weibliche Migration: die schwierige Quellenlage
Neben den konkreten Inhalten ging es in den Vorträgen und Diskussionen um die Methodik, wie weibliche Migration umfassend erforscht, eingeordnet und analysiert werden kann. Besonders wichtig ist die Konstruktion der Kategorie Geschlecht sowie ihre Relevanz und Dynamik, womit die Handlungsspielräume, die Handlungsmacht und die Netzwerke von Frauen untersucht werden können.
Die vielfältigen Beiträge und die konstruktiven Diskussionen bereicherten die Teilnehmenden mit vielen Anregungen dazu, wie trotz schwieriger Quellenlage emanzipatorische Geschichte zur Migration von Frauen in der Frühen Neuzeit geschrieben werden kann.
