Mit der Online-Vorstellung des Bandes „Jüdisches Leben in Schwaben. Kultur und Geschichte in der Frühen Neuzeit“ wurde nicht nur eine Neuerscheinung gefeiert, sondern auch ein lebendiges Netzwerk aus Wissenschaft, Erinnerungskultur und Zivilgesellschaft sichtbar gemacht. Entstanden ist der Sammelband aus einer Tagung des Arbeitskreises Jüdisches Schwaben im Jahr 2021 – der ersten größeren Präsenzveranstaltung nach dem pandemiebedingten Lockdown.
Die Herausgeberinnen Benigna Schönhagen und Linda Huber vereinen in dem Band Beiträge aus Forschung und Praxis. Ziel ist es, jüdische Geschichte in Schwaben nicht allein als Verfolgungsgeschichte zu erzählen, sondern ihre Vielfalt, Dauer und gesellschaftliche Wirksamkeit sichtbar zu machen. Der Fokus auf die Frühe Neuzeit ist dabei bewusst gewählt: Nach den Vertreibungen aus den Reichsstädten verlagerte sich jüdisches Leben über Jahrhunderte hinweg in Dörfer, Märkte und kleine Städte. Diese Phase prägte die jüdische Siedlungslandschaft Süddeutschlands nachhaltig – ein Befund, der bis heute in der Lage von Gedenkstätten und Erinnerungsorten ablesbar ist.
Erzwungene Mobilität
Die Beiträge des Bandes zeigen Schwaben als einen Raum religiöser Kontinuität, sozialer Aushandlung und kultureller Produktivität. Sie beleuchten politische Handlungsspielräume jüdischer Gemeinden ebenso wie materielle Zeugnisse jüdischen Alltags: Handschriften, Kunstwerke und Friedhöfe eröffnen neue Perspektiven auf Wertewandel, Netzwerke und Lebenswelten. Zugleich wird deutlich, wie sehr jüdische Geschichte von Mobilität geprägt war – einer Mobilität, die erzwungen war, aber auch neue Zentren und Beziehungen hervorbrachte.
Ein zweiter Schwerpunkt des Buches liegt auf der Gegenwart der Erinnerung. Vertreterinnen und Vertreter von Gedenkstätten und jüdischen Museen berichten von ihrer Arbeit, von ehrenamtlichem Engagement, Nachwuchssorgen und dem Wunsch nach stärkerer Vernetzung mit der Forschung. Damit schlägt der Band eine Brücke zwischen historischer Analyse und aktueller Bildungsarbeit.
Regionen, Zeiten und Erinnerungskulturen
Mit der Präsentation des druckfrischen Sammelbandes eröffnete Verlegerin Nora Pester nicht nur ein Gespräch über historische Forschung, sondern spannte zugleich einen weiten Bogen zwischen Regionen, Zeiten und Erinnerungskulturen. Aus Leipzig zugeschaltet, verwies sie auf das von ihrem Verlag betriebene Capa-Haus, das auch an die Fotografin Gerda Taro erinnert – eine gebürtige Stuttgarterin. Diese biografische Verbindung stand sinnbildlich für den Abend: jüdische Geschichte als verflochtene, grenzüberschreitende Geschichte.
Im Zentrum des Podiums standen drei Perspektiven: Landespolitik, historische Forschung und Gedenkstättenarbeit. Der Historiker Stefan Lang erläuterte, wie die extreme territoriale Zersplitterung Schwabens im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit die Entstehung des Landjudentums begünstigte. Während Juden aus vielen Reichsstädten vertrieben wurden, fanden sie in kleinen Herrschaften, insbesondere bei der Reichsritterschaft, neue Siedlungsräume. Diese boten zwar keine Sicherheit, aber Verhandlungsspielräume. Schutz, Abgaben und wirtschaftliche Möglichkeiten wurden immer wieder neu ausgehandelt – ein dynamischer Prozess, der zur Ausbildung jüdischer Zentren in Dörfern und Kleinstädten führte. Lang betonte, dass diese Strukturen über Jahrhunderte nachwirkten und selbst nach 1806, im Zeitalter der neuen Königreiche, Ressentiments und rechtliche Einschränkungen fortbestanden.
Nicola Wenge, Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg in Ulm, lenkte den Blick auf die Erinnerungskultur. Seit den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden in Schwaben zahlreiche Gedenkstätten und jüdische Museen – zunächst gegen erheblichen Widerstand und Verdrängung. Heute gibt es in Baden-Württemberg mehr als 70 Gedenkorte, davon über 30 mit einem Schwerpunkt auf jüdischer Geschichte. Diese Einrichtungen arbeiten längst nicht mehr nur mit dem Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus, sondern zunehmend in einer Langzeitperspektive. Die frühe Neuzeit und das Landjudentum werden bewusst einbezogen, um Kontinuitäten, Brüche und Handlungsspielräume sichtbar zu machen.
Nachfahren jüdischer Familien auf Spurensuche
Wenge hob hervor, dass jüdische Geschichte weder statisch noch eindimensional war: Sie sei geprägt gewesen von Mobilität, Neubeginn, aber auch von Ausgrenzung und Gewalt. Forschungsergebnisse fließen heute in Ausstellungen, Stadtrundgänge, digitale Angebote und genealogische Recherchen ein – nicht zuletzt für Nachfahren jüdischer Familien, die weltweit nach ihren Wurzeln suchen. Gerade diese Verbindung von wissenschaftlicher Analyse und persönlicher Biografie zeige die gesellschaftliche Relevanz der Forschung.
In seinem Beitrag zur Buchpräsentation betonte Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus, die Bedeutung von Verflechtungsgeschichte, positiver Sichtbarkeit und gemeinsamer Verantwortung. Ausgehend von seiner eigenen deutsch-deutschen Biografie – geprägt von Flucht, Repressionserfahrungen in der DDR und dem Aufwachsen im Westen – machte Blume deutlich, dass Demokratie und pluralistisches Zusammenleben keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern immer wieder aktiv verteidigt werden müstsen.
Nicht nur aus der Perspektive von Verfolgung und Antisemitismus
Blume warb dafür, jüdisches Leben nicht ausschließlich aus der Perspektive von Verfolgung und Antisemitismus zu vermitteln. Eine rein negative Darstellung, so seine zentrale These, verstärke ungewollt stereotype Bilder. Bildungsarbeit müsse daher nicht nur gegen Antisemitismus gerichtet sein, sondern zugleich für jüdisches Leben eintreten – sichtbar, vielfältig und selbstbewusst. Mitleid oder Reduktion auf Opferrollen seien ebenso problematisch wie offene Feindbilder, insbesondere für junge Jüdinnen und Juden.
Besonderes Gewicht legte Blume auf zeitgemäße Vermittlungsformen. Neben Büchern brauche es Podcasts, Filme, soziale Medien und persönliche Begegnungen, um Menschen zu erreichen, die durch klassische Formate kaum angesprochen werden. Erinnerung müsse präsent sein, dürfe aber nicht museal erstarren. Zugleich unterstrich er, dass Antisemitismus niemals ein isoliertes Problem sei: Wo eine Gruppe entrechtet oder verfolgt werde, sei letztlich niemand mehr sicher. Diese Erfahrung ziehe sich durch die Geschichte – vom Nationalsozialismus bis zu heutigen extremistischen Ideologien.
Blume plädierte für ein inklusives „Wir“, das jüdische Geschichte als Teil der gemeinsamen kulturellen Grundlagen begreift. Am Beispiel von Alphabet, Bildungsbegriff und philosophischem Austausch zwischen jüdischem, christlichem und später islamischem Denken zeigte er, wie tief diese Verflechtungen reichen. Der Band „Jüdisches Leben in Schwaben“ stehe exemplarisch für diesen Ansatz: Er verschweige Ausgrenzung und Gewalt nicht, würdige aber zugleich jüdische Präsenz, Handlungsspielräume und Beiträge zur Gesellschaft. Genau darin liege sein besonderer Wert für eine demokratische Erinnerungskultur der Gegenwart.
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