| Newsletter Dez 2025

KunstSinn!? – Zwischen Wahrnehmung, Raum und Resonanz

Betrachter, Räume und Werke in Beziehung zueinander: Wie kann die Kunst wirken – sinnlich, geistig, gesellschaftlich?

Am 16. Oktober 2025 öffnete das Tagungszentrum Hohenheim seine Türen für ein besonderes Kunst-Kaffee der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Unter dem Titel „KunstSinn!? – Zur Intention von Kunst“ lud Dr. Ilonka Czerny, Fachbereichsleiterin für Kunst, zu einer Führung ein, die Betrachter, Räume und Werke in Beziehung setzte. Es ging weniger um kunsthistorische Analyse, sondern um die Erfahrung, wie Kunst wirken kann – sinnlich, geistig, gesellschaftlich.

Von Seyfullah Özdemir

Zu Beginn stehen die Gemälde von Anja Luithle im Mittelpunkt. Entlang der Wände des großen Saales entfalten sie eine fast szenische Spannung: Auf der einen Seite die Wölfe (anonym, mächtig, unnahbar), auf der anderen die Schafe (verletzlich, gläubig, unschuldig). Dazwischen ein unsichtbarer Raum voller Fragen. Die Kontraste zwischen hell und dunkel, Macht und Ohnmacht, provozieren unterschiedliche Lesarten. Manche sehen darin eine Allegorie auf politische und kirchliche Strukturen, andere spüren den Wunsch nach Schutz und Geborgenheit. Mir fällt auf, wie sehr diese Bilder mit dem Raum korrespondieren: Sie sind keine bloßen Dekorationen, sondern Teil einer stillen, aber intensiven Auseinandersetzung mit Verantwortung und Glauben.

Zwischen Mythos und Gegenwart

Von dort führt der Weg in die Kapelle. Das Werk, das die Geschichte von Adam und Eva aufgreift, wird in Form der Eingangstür zur Kapelle symbolisiert, dort positioniert wie ein Tor zwischen Mythos und Gegenwart. Durch die lange Glasfassade entlang der Tür fällt der Blick auf einen draußen stehenden Apfelbaum, während der geschwungene „Schlangenweg“ jenseits der Fassade fast symbolisch den Bruch zwischen Wissen und Unschuld nachzeichnet. Der Baum – Sinnbild des Begehrens, aber auch der Erkenntnis, wurzelt gewissermaßen im Blickfeld des Betrachters, während der Weg sich serpentinenartig davon entfernt, als wollte er den mühsamen Weg der Menschheit nach dem Sündenfall andeuten. Im Zusammenspiel beider Elemente entsteht ein künstlerisch-theologisches Paradox: Der Ort der Versuchung wird zugleich zum Ort der Offenbarung.

So wird die Architektur selbst zur Deutung, sie spiegelt den ewigen Kontrast zwischen Streben und Demut, zwischen göttlicher Ordnung und menschlicher Freiheit. Marmor, Holz und Glas verbinden sich zu einer Atmosphäre, die sowohl andächtig als auch fragend wirkte innerhalb des Gotteshauses. Die Kapelle erscheint als Raum der Sammlung aber auch der Kritik: Sie erinnert daran, dass Religion, sobald sie sich zu sehr verfestigt, Gefahr läuft ihre Offenheit zu verlieren. Kunst kann hier zum Gegenbild werden – sie befragt, was Glaube bedeutet, und schützt ihn gerade dadurch vor Erstarrung.

Ästhetische Klarheit und ethische Tiefe

Im Speisesaal schließlich begegnen wir Iris Wöhr-Reinheimers Werk „Remember Me“. Der farbintensive Fries, an das Abendmahl erinnernd, spannt sich entlang der Wand wie eine Einladung zum Dialog. In kräftigen, warmen Farben schwingt die Idee von Gemeinschaft mit, zugleich aber auch die Mahnung, Verantwortung zu übernehmen. Die Kombination aus ästhetischer Klarheit und ethischer Tiefe verleiht dem Werk eine stille, fast liturgische Präsenz.

Beim anschließenden Kaffee entsteht ein reger Austausch zwischen den Teilnehmenden. Es wird diskutiert, gelacht, über Kunst, Glauben und Lebenswelt philosophiert. Gerade in dieser Mischung aus Ernst und Leichtigkeit zeigt sich, wie sehr Kunst zum sozialen Raum werden kann – zu einem Ort, an dem Wahrnehmung, Zweifel und Erkenntnis nebeneinander existieren dürfen.

Kunst gibt keine endgültigen Antworten

Als ich später die Räume verlasse, bleibt mir ein Gedanke, den Dr. Czerny beiläufig formuliert hatte: Kunst gibt keine endgültigen Antworten. Doch sie stellt Fragen, die uns verändern. Vielleicht liegt genau darin ihr Sinn, dass sie uns erinnert, nicht nur zu sehen, sondern wirklich genau hinzuschauen. Gerade in dieser Führung wurde spürbar, dass Kunst weit über das Ästhetische hinausweist. Sie öffnet einen Raum, in dem religiöse Perspektive und gesellschaftliche Verantwortung sich begegnen. Die Auseinandersetzung mit den Werken führte uns immer wieder zurück zu der Frage, wie wir als glaubende und zugleich demokratisch denkende Menschen moralisch handeln können, in einer Welt, die zwischen Freiheit und Bindung balanciert. Kunst kann in diesem Spannungsfeld eine vermittelnde Sprache sein: Sie macht sichtbar, wo Ethik beginnt, wo sie herausfordert und wo sie menschlich wird. Und vielleicht ist genau das die leise, aber nachhaltige Wirkung solcher Begegnungen – dass sie uns ermutigen, das Denken und das Fühlen, das Glauben und das Handeln wieder miteinander in Einklang zu bringen.