Für manche Kinder ist es schon ein kleines Ritual, andere durften wir in diesem Jahr zum ersten Mal begrüßen: Kurz bevor die Sommerferien zu Ende gehen, ist Schlaufuchs-Zeit - und das Tagungszentrum Hohenheim wird zum Gastgeber für 22 Kinder zwischen 7 und 12 Jahren, die ein spannendes Programm erleben und denen wir besondere Einblicke ermöglichen wollen. Jeder der fünf Tage steht unter einem eigenen Motto: vom Helfer- über den Religions-, den Demokratie- und den Naturtag bis zum großen Theaterfinale.
Menschen und Tiere als Helfer
Nicht selten braucht es neben einem Plan auch ein wenig Glück, und das hatten wir gleich am Montag, den 2. September: Begleitet von Sonnenschein und Vorfreude führte die erste Exkursion uns zur neu eröffneten Feuer- und Rettungswache 5 Filder, in der gut 100 Berufsfeuerwehrleute in drei Wachabteilungen ihren Dienst versehen. Dass die 9.000 Quadratmeter große Nutzfläche unter anderem auch die Heimat einer Höhenrettungsgruppe und von Einheiten des Bevölkerungsschutzes ist, konnten wir bei einer interessanten Führung ebenso bestaunen wie Einsatzfahrzeuge, Schutzkleidung, Büro- und Schlafräume und das hauseigene Fitness-Center. Am intensivsten in Erinnerung bleiben wird aber vermutlich das außergewöhnliche Erlebnis, mit dem Korb des Drehleiterfahrzeugs in die Höhe zu fahren – eine Möglichkeit, die sich zuvor kaum jemandem von uns geboten hatte.
Am Nachmittag des „Helfertags“ freute sich die Gruppe über wuscheligen Besuch: Mia, einer der beiden Schulhunde der Bodelschwinghschule Stuttgart, streckte ihr Köpfchen aus der Transportbox und lausche mit uns zusammen den Erfahrungen ihrer Besitzerin Frau Schreiber, die als Lehrkraft an dem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung arbeitet und mit Mia eine anderthalbjährige Ausbildung zum Schulhund-Mensch-Team absolviert hat. Schön war es, die Ruhe zu spüren, die von Mias bloßer Anwesenheit ausging und die, so Frau Schreiber, auch vielen ihrer Schüler:innen an langen Tagen und bei Unruhe oder Konflikten guttut. Viel Spaß bereite auch die gemeinsame Gassi-Runde im Botanischen Garten und das (heimliche) Füttern unzähliger Leckerlis.
Kirche als Ort der Geschichte, der Musik und des Glaubens
Beim Aufschreiben der Kinderwünsche, die wir am Ende der letztjährigen Schlaufuchs-Woche notiert hatten, fand sich neben dem Besuch der damals noch im Bau befindlichen Feuerwache 5 die Beschäftigung mit dem katholischen Glauben am „Religionstag“. Als wir dem Stuttgarter Stadtdekan Monsignore Dr. Hermes davon berichteten, erklärte er sich sofort bereit, unsere Gruppe zu empfangen und durch die Domkirche St. Eberhard zu führen. Und so stand, nach einer spielerischen Einführung durch die Akademie-Fachbereichsleiterin Christina Reich zu den unterschiedlichen Wirkungsbereichen der katholischen Kirche, am Dienstag ein spannender Besuch der Citykirche auf dem Programm. Neben der besonderen Baugeschichte – Anfang des 19. Jahrhunderts war das Kirchengebäude aus einer auf der Solitude abgebauten und auf der Königstraße wieder aufgebauten Reithalle entstanden – standen ihre heutige Bedeutung als katholische Hauptkirche des Stadtdekanats Stuttgart und die goldenen Schätze der Sakristei im Fokus.
Freudig genutzt wurde auch das großzügige Angebot des Domorganisten Prof. Johannes Mayr, den verschiedenen Klängen der Hauptorgel nicht nur zu lauschen, sondern das Instrument eigenhändig auszuprobieren. Mit einer Traumreise, die die Kinder in die Welt der spezifischen Düfte, Klänge und Bilder zu Jesus Lebzeiten versetzte, lies die Religionspädagogin Eva Ruf den Tag entspannt ausklingen.
Teilhabe und Kinderrechte als wichtige Bausteine der Demokratie
Dass sich gesellschaftliches und politisches Denken nicht erst im Jugendalter entwickelt, sondern bereits für Kinder im Grundschulalter ein elementares Thema sein kann, das mit großem Interesse verfolgt und kompetent diskutiert wird, durften wir am Mittwoch, dem „Demokratietag“, erleben.
Im Rahmen eines Partizipationsspiels waren die Schlaufüchse aufgefordert, sich in die Rolle von Kinderdirektor:innen des Tagungszentrums hineinzudenken und auf einem Rundgang zu schauen, ob im Haus alles in Ordnung ist, es den Mitarbeitenden gut geht, sie Anregungen oder Wünsche haben. Schnell wurde klar, dass eine für alle gute Leitung keine bloße Machtausübung ist, sondern einen umfassenden Blick benötigt und Verantwortung bedeutet. Selbstverständlich sollten die Beobachtungen der Kinder nicht ungehört bleiben und so endete der Vormittag mit einem Treffen mit dem Tagungshausleiter Christian Bergemann, der sich intensiv mit den Kinderwünschen auseinandersetzte.
Nach einem frühen Mittagsessen stand dann ein weiterer Wochenhöhepunkt an: Unsere Gruppe wurde für den Nachmittag im Landtag von Baden-Württemberg erwartet. Begonnen wurde das von drei Referent:innen geführte Programm mit dem wichtigen Thema Kinderrechte, etwa dem Recht auf freie Meinungsäußerung, den Rechten auf Bildung, Privatsphäre und Freizeit oder dem Recht auf Schutz vor Gewaltanwendung. Auf einer sich anschließenden Hausrallye bot sich die Möglichkeit, eigenständig durch den Landtag zu streifen – ein Privileg, das erwachsene Besuchergruppen nicht erhalten – und dabei sowohl die Historie des Hauses als auch die Bürotüren einzelner Fraktionen und prominenter Politiker:innen zu entdecken. Wie es sich anfühlt, im Plenarsaal auf einem der 154 Abgeordnetenplätze zu sitzen, welche Ämter es gibt und welche Regeln bei Debatten gelten, durften wir im Planspiel zur Wahl des:r Ministerpräsident:in erfahren, die bei uns weiblich besetzt wurde.
Naturwissenschaften sinnlich erfahren
Davon, wie sinnlich und genussvoll Lebensmittelwissenschaften sein können, durften wir uns am Donnerstag, dem „Naturtag“, überzeugen. Geleitet von der Biologin Maria Werner führte uns die morgendliche Exkursion in die Forschungs- und Lehrmolkerei der Uni Hohenheim. Mit frisch gewaschenen Händen und ausgestattet mit Schuhüberziehern und Hauben ging es in die unterschiedlichen Labore, in denen wir von vier Wissenschaftler:innen interessante Details zur Quark- und Käseherstellung, dem Homogenisieren von Milch und der großen Anlage zur Ultrahocherhitzung erfuhren. Wie sehr Käse – je nach persönlicher Vorliebe – stinken oder duften kann, nahmen wir nach diesem Besuch ebenso mit wie den Geschmack des köstlichen „Hohenheim-Käses“, einer eigens im Institut kreierten Trappistenkäsespezialität. Nach der spektakulären Herstellung von Speiseeis mit -172 Grad kaltem flüssigen Stickstoff ging es dann nicht mehr um geschmackliche Differenzen: Hier langten alle begeistert zu.
Bei einer das Vormittagsprogramm abschließenden kleinen Rast vor dem Schloss Hohenheim erfuhren wir durch Maria Werner von der tragischen Gründungsgeschichte der Universität: Nach dem Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien kam es durch die vulkanische Asche 1816 in Teilen der Nordhalbkugel zu einem Jahr ohne Sommer, das auch in Württemberg zu Missernten, extremer Kälte und Hungerkatastrophen für Menschen und Tiere führte. Als Gegenmaßnahme forschten Agrarwissenschaftler an der extra dafür gegründeten Uni nach optimiertem Getreide und Kühen, die besonders viel Milch geben konnten.
Nach der täglichen langen Mittagspause im Botanischen Garten endete der Tag mit Basteln und Malen im Garten des Tagungszentrums, bei dem Käse und Mäuse hergestellt werden konnten.
Zum Abschluss ein eigenes Theaterstück
Nach so vielen unterschiedlichen Erlebnissen, tut es gut, einen ganzen Tag lang die Eindrücke kreativ verarbeiten zu können. Und so schloss auch in diesem Jahr die Schlaufuchs-Woche wieder mit einem „Theatertag“, den die Theaterpädagogin Larissa Probst leitete. Nach ausführlichen Körper- und Stimmübungen ging es – aufgeteilt in vier Gruppen – darum, zu jeweils einem der zurückliegenden Tage ein kleines Stück zu erdenken, die Rollen zu besetzen, die Kostüme und Bühnenbilder zu entwerfen und natürlich intensiv zu proben. Wie harmonisch sich die vier selbstgeschriebenen Szenen dann zu einem Ganzen zusammenfügten und mit wieviel Spaß und Spielfreude die Kinder am Werk waren, davon konnten sich die am späten Nachmittag zum kleinen Abschlussfest angereisten Eltern und Geschwister überzeugen. Sie goutierten die schöne Aufführung mit einem angemessenen Applaus. Bei Currywurst, Eis und Muffins auf der sonnendurchfluteten Terrasse fand die Woche dann einen runden Abschluss – und wir freuen uns schon jetzt auf nächstes Jahr.
Stefanie Jebram







