Von: Dr. Ilonka Czerny
Am 8. und 9. Juni 2026 trafen sich Vertreter:innen aus Deutschland und der Schweiz zum ersten Präsenztreffen des ökumenischen Kulturnetz-Werks in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Unter dem Titel „Das ist Kunst und soll nicht weg! – Kirche als Safer Space“ widmete sich die Tagung den Herausforderungen und Chancen von Kunst und Kultur im kirchlichen Kontext.
Den ersten inhaltlichen Impuls setzte Dr. Jakob Johannes Koch, Kulturreferent der Deutschen Bischofskonferenz. In seinem pointierten Vortrag zum Thema „Kulturkampf und Kunstfreiheit“ beleuchtete er anhand ausgewählter Kunstskandale – von historischen Beispielen bis in die unmittelbare Gegenwart – das spannungsreiche Verhältnis von Kirche und zeitgenössischer Kunst. Deutlich wurde dabei das Dilemma kirchlicher Kulturarbeit: Einerseits bekennen sich kirchliche Verantwortliche zur Offenheit gegenüber qualitätsvoller Kunst und ihrer Einbindung in den kirchlichen Diskurs. Andererseits stößt Kunst, die provoziert oder öffentliche Kontroversen auslöst, häufig auf Ablehnung. Dieses Spannungsfeld zwischen Offenheit und institutioneller Vorsicht prägte viele Diskussionen der gesamten Tagung.
Auch die Morgenandacht griff das Tagungsthema auf. Kirchenrat Johannes Koch, Kunstbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, verwandelte die Kapelle des Tagungshauses in einen ‚Showroom‘ mit Skandalbildern aus verschiedenen Epochen – vom Barock bis zur Gegenwart. Gemeinsam erschlossen die Teilnehmenden die Hintergründe der Werke und diskutierten, weshalb sie zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit als skandalös galten. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Bewertung von Kunst vom historischen, gesellschaftlichen und religiösen Kontext abhängt.
Einen weiteren Impuls gab Prof. Dr. Stefanie Lieb unter dem Titel „Wie reagieren wir als kirchliche Kunstbeauftragte und Bildungseinrichtungen auf Kritik und Einschränkungen des gesellschaftlichen und religiösen Diskurses?“ Anhand verschiedener Beispiele aus ihrer Praxis zeigte sie auf, wie kirchliche Institutionen mit kontroversen Kunstprojekten umgehen können. Besonders intensiv wurde die Diskussion um die Tanzperformance „Westfalen Side Story“, die im Mai 2025 anlässlich des Festaktes 1.250 Jahre Westfalen im Paderborner Dom aufgeführt worden war. Die Performance des Ensembles Bodytalk, bei der mit in Windeln gewickelten Tiefkühlhähnchen im Altarraum getanzt wurde, hatte erhebliche öffentliche Kritik und sogar eine Strafanzeige ausgelöst. In der Diskussion herrschte mehrheitlich die Auffassung, dass die Verantwortlichen sich im Vorfeld nicht ausreichend mit den Inhalten der Inszenierung auseinandergesetzt hatten. Weniger die künstlerische Freiheit als vielmehr die mangelnde Vorbereitung und Kommunikation wurden als entscheidende Ursachen der Kontroverse bewertet.
In den gemeinsamen Gesprächen wurde immer wieder betont, dass Kunst und Kultur für die Kirche unverzichtbar sind. Sie eröffnen Zugänge zu gesellschaftlichen Debatten, fördern den Dialog und stärken die öffentliche Wahrnehmung kirchlicher Institutionen. Kultur wurde dabei als wesentlicher Bestandteil kirchlicher Bildungsarbeit verstanden. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung einer qualifizierten Kunst- und Kulturvermittlung. Gerade zeitgenössische Kunst bedarf einer guten Einführung und Kontextualisierung, damit Interesse und Verständnis entstehen können und vorschnelle Ablehnung vermieden wird. Zugleich wurde kritisch angemerkt, dass der Verweis auf angeblich verletzte religiöse Gefühle häufig als pauschales Argument gegen Kunst eingesetzt werde. Hier sei eine differenzierte Auseinandersetzung notwendig, die sowohl die Freiheit der Kunst als auch die religiöse Sensibilität ernst nimmt. Einigkeit bestand darüber, dass Kunst keine ausschließlich innerkirchliche Angelegenheit ist. Vielmehr kann sie eine Brücke zwischen Kirche, Kunstschaffenden und Gesellschaft schlagen und dazu beitragen, dass Kirche als Gesprächspartnerin im öffentlichen Kulturdiskurs wahrgenommen wird.
Das erste Präsenztreffen des ökumenischen Kulturnetz-Werks wurde von allen Beteiligten als großer Gewinn bewertet. Der persönliche Austausch ermöglichte neue Perspektiven, stärkte das Netzwerk und führte zu wertvollen Kontakten, aus denen künftig gemeinsame Projekte und Kooperationen entstehen können.
Für die weitere Arbeit wurde angeregt, den gesamtgesellschaftlichen und politischen Kontext von Kulturdebatten künftig noch stärker einzubeziehen. Darüber hinaus bestand der Wunsch, gemeinsame Handlungsempfehlungen für den kirchlichen Umgang mit Kunst und Kultur zu erarbeiten. Es wurde vereinbart ein Kunst- und Kulturmanifests zu entwickeln. Ziel ist es, deutlich zu machen, dass Kirche ein wichtiger Partner und lebendiger Ort des Kulturdiskurses ist – und dass Kunst einen unverzichtbaren Zugang zur Wirklichkeit eröffnet.



