Von Fabian Jaskolla
Sie ist in aller Munde: KI prägt Diskurse und Wahlkämpfe. Ob mit Deepfakes von Friedrich Merz, die von demokratischen Mitbewerbern unbedacht geteilt werden, gefälschten „Swifties for Trump“, die Taylor Swift dazu veranlasst haben, sich im US-Wahlkampf eindeutig für die andere Kandidatin – also Kamala Harris – zu positionieren, oder täuschend echten Videos von Nachrichtensendungen, die in Wahrheit von KI generiert wurden. Selten war die Sorge zu Beginn eines Jahres, in dem zahlreiche Wahlen und andere politische Weichenstellungen stattfanden, so groß. Der „Global Risks Report“ des Weltwirtschaftsforums 2024 bezeichnete Desinformation gar als „größtes globales Risiko“[1]. Doch womit haben wir es eigentlich zu tun?
Eine technisch rasante Entwicklung
Im Rahmen Ihres Impulsvortrags schilderte Maria Pawelec, Mitarbeiterin am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) in Tübingen, wie sich der Diskurs in den vergangenen Jahren verschoben hat. Standen vor einiger Zeit noch algorithmische Entscheidungssysteme im Zentrum der Aufmerksamkeit, ist es nun die generative KI. Zu dieser gehören auch die sogenannten Deepfakes, mit denen sich Pawelec im Rahmen ihrer Forschung befasst. Hierbei handelt es sich um „manipulierte oder synthetisch generierte audio-visuelle Medien menschlicher Gesichter, Körper oder Stimmen, die zumeist mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) erstellt werden“[2]. Der technische Fortschritt war hierbei in den vergangenen Jahren rasant: vom KI-generierten Papst im weißen Parka hin zu Videos realer Personen, die kaum als Deepfakes zu erkennen sind.
Deepfakes: Chance oder Risiko?
Als Negativbeispiel und tatsächlich auch als Beginn der Verbreitung von Deepfakes kann die Pornographie gelten. Hierbei werden die Gesichter von Pornodarstellerinnen durch die von Prominenten, beispielsweise Schauspielerinnen, ersetzt. Betroffen sind zu einem überwältigenden Teil Frauen, was gravierende Folgen hat: von psychischen Leiden bis hin zur gesamtgesellschaftlichen Bedrohung der Gleichstellung von Frauen.
Auch politisch ist ein Wahrheitsverfall zu beobachten: Medien geraten unter Druck, weil zur Authentifizierung von Video- und Bildmaterial ein hoher Aufwand notwendig wird; das Vertrauen in gemeinsame „Fakten“ wird durch verschwimmende Grenzen geschwächt, oder echte Videos werden in ihrer Authentizität angezweifelt (z.B. bei der Tötung von George Floyd). Als positive Beispiele können in der politischen Bildung Deepfakes eingesetzt werden, welche historische Persönlichkeiten wieder zum Leben erwecken und zum Sprechen bringen, etwa in Museen – und hoffentlich mit ihren eigenen, authentischen Worten.
Desinformation: Kein ganz neues Phänomen
Dr. Christopher Nehring, Gastdozent des Medienprogramms Südosteuropa der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sofia, widmete sich in seinem Impulsvortrag in besonderer Weise der Desinformation und ihrem Einfluss auf Wahlen. Dabei ist festzuhalten, dass es sich bei Desinformation keineswegs um ein neues Phänomen handelt, viel eher ist sie durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz „nur“ erweitert worden. So definiert die EU-Kommission Desinformation als „falsche, ungenaue oder irreführende Informationen, die erfunden, präsentiert und verbreitet werden, um Gewinne zu erzielen oder bewusst öffentlichen Schaden anzurichten“[3]. Anknüpfend an die großen Sorgen, die auch durch das Weltwirtschaftsforum geäußert wurden, hielt Nehring zunächst fest, Desinformation habe 2024 keine Wahl gekippt. Gleichwohl betonte er, der Einfluss von Desinformation sei empirisch kaum zu erfassen. Ihr Ziel sei es zu verschleiern, zu spalten, Angst zu verbreiten und zu verwirren. Nicht jede Desinformation ist dabei gleich eine Form der Wahlbeeinflussung, gleichzeitig kann Desinformation Wahlen beeinflussen.
Von der „stolen election“ bis hin zur „German Angst“
Als zentrale Narrative der Desinformation beobachtet Nehring den Vorwurf der Wahlmanipulation oder der „gestohlenen“ Wahl, wie beispielsweise 2020 in den USA. Untergangsszenarien durch politische Bedrohungslagen in Fragen von Migration, Wirtschaft, Energie oder Kriminalität oder die Angst, in einen internationalen Konflikt, wie zum Beispiel den Ukrainekrieg, hineingezogen zu werden. In diesen Narrativen, Bedrohungsszenarien und Feindbildern erkennt der Experte für Sicherheitsjournalismus auch Formen der Wahlbeeinflussung wie aus dem Handbuch des einstigen KGB. Auch wenn Desinformation bislang noch kein wahlentscheidender Faktor war, erkennt Nehring langfristige Effekte: von der gesellschaftlichen Spaltung durch Erosion bisher geteilter Grundüberzeugungen und „gesicherter“ Fakten bis hin zum damit verbundenen Vertrauensverlust.
Kein Grund zur Zuversicht? Oder doch?
Wie kann man in Anbetracht solcher Dynamiken die Zuversicht bewahren? Maria Pawelec verwies darauf, dass beim Aufkommen jeder neuen Technologie, insbesondere von Medientechnologien, erst mal Besorgnis vorherrschte: vom Buchdruck bis zum Radio. Nehring hingegen zieht seinen Optimismus aus der Tatsache, dass die Probleme die Welt für sich bislang nicht entschieden haben. Der Mensch sei in seiner Entscheidungsfindung doch komplexer. Gleichwohl verwiesen beide auf die Notwendigkeit, konkrete Maßnahmen zu ergreifen: Regulierung durch die Politik – wie bereits auf EU-Ebene vorgenommen –, Investitionen in Infrastruktur und Stärkung der Bildung im Bereich Medienkompetenz. Die Menschen müssen lernen, Informationen voneinander zu unterscheiden, Quellen zu beurteilen und entsprechend auch der Verbreitung potenzieller Deepfakes kritisch ins Auge zu blicken. Große Herausforderungen sind das, und das bei einer rasant voranschreitender Entwicklung. Doch bleibt die Hoffnung, dass die Zukunft offen ist. Es liegt an uns Menschen, dieser zu begegnen und sie zu gestalten.

