| Newsletter Feb 2026

Ist Nostra Aetate für das Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen heute noch aktuell?

Eine jüdische Perspektive von Edward van Voolen

60 Jahre nach dem Erscheinen von Nostra Aetate wirft Rabbiner Edward van Voolen (Berlin) einen kritischen Blick auf die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils aus dem Jahr 1965. So würden die seinerzeit gewählten Bibelzitate mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Vor allem aber fehle ein Bezug auf die Schoa. Dagegen seien interreligiös geteilte Werte wie Frieden, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit eine tragfähige und unverzichtbare Grundlage – insbesondere auch für das friedliche Zusammenleben in Israel/Palästina.

Die Kirche betont in Nostra Aetate ihr gemeinsames Erbe mit den Juden und verwirft alle „Hass-Ausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus im Namen des Evangeliums, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.” Wichtig für Juden ist, dass Nostra Aetate schreibt, dass man „die Ereignisse seines (d.i. Jesu) Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen kann.”

Nostra Aetate zitiert Lukas (19,44), der den Juden vorwirft, dass sie Jesus nicht als ihren König anerkennen. Das ist sicherlich ärgerlich für das Christentum, genauso wie es auch für den Islam ärgerlich ist, dass die Juden Muhammad nicht als Prophet anerkennen. Die Frage für mich ist, ob Juden, die „in Unglauben bleiben“, wirklich genährt werden von „der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Sprösslinge eingepfropft sind” (vgl. Römer 11,17-24). Juden glauben nicht, wie es die Kirche glaubt, „dass Christus Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat“ (Eph. 2,14-16).

Mit Nostra Aetate erkennt die Kirche also die geistige Verbundenheit des Volkes des Neuen Bundes mit dem Stamm Abrahams an, denn es ist das jüdische Volk, dem Gott den Bund, die Gesetzgebung und die Verheißungen gegeben hat. Neben dieser geistigen Verbundenheit gibt es auch eine leibliche Verbundenheit. Hier zitiert Nostra Aetate die Worte des Apostels Paulus, der sagt, dass den Juden „die Sohnschaft und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören, wie auch die Väter, und dass aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt“. Nostra Aetate bejaht, dass aus dem jüdischen Volk Bund und Gesetz sind, dass daraus die Verheißungen, Jesus und die Apostel hervorgegangen sind, so Röm 9,4-5.

Ambivalente Aussage des Römerbriefes

In einer doch etwas ambivalenten Aussage scheint es, als würde die Kirche trotzdem auf die Enterbung der Juden zurückkommen: „Obwohl die Kirche das neue Volk Gottes ist, dürfen die Juden dennoch nicht als von Gott verworfen oder verflucht dargestellt werden. Trotz der Tatsache, dass ein großer Teil der Juden das Evangelium nicht angenommen und sich sogar seiner Verbreitung widersetzt hat, bleiben die Juden dennoch wegen ihrer Vorfahren Gott besonders lieb, der weder seine Gaben noch seine Berufung bereut” (Röm 11,28-29). Mit der Wahl eines Zitats aus dem Brief an die Römer entscheidet sich die Kirche für die Einbeziehung der Juden statt für ihren Ausschluss, das ist positiv zu bewerten.

Der Text aus Römer 11 lässt jedoch mehrere Interpretationen zu. Das „Versagen der Juden” bedeutet, so Paulus, eine „reiche Gabe für die Heiden”. „Wie viel reicher wird dann die Gabe sein, wenn sie alle sich bekehren?” (Röm 11,12), „wenn sie nicht in ihrem Unglauben verharren” (Röm 11,21)? Aber was bedeutet dieser Unglaube, und wohin sollen sie sich bekehren? Ist ihre Ablehnung Christi ein Zeichen des Unglaubens, oder ist es ihr Beharren auf der Behauptung, dass sie auserwählt sind, weil sie das Gesetz befolgen (Röm 11,6)? Oder ist es ihre Überzeugung, dass nicht nur die Juden, sondern auch die Heiden das Gesetz befolgen müssen?

Für Juden zur Zeit des Paulus – aber auch heute noch – ist Glaube mit Geboten, mit Gehorsam gegenüber der Tora verbunden. Für Paulus ist der Gehorsam gegenüber dem Gesetz verbunden mit einem Gegensatz von zweierlei Wegen zur Rechtfertigung: einem durch das Gesetz und einem ohne das Gesetz. Aber sowohl Juden als auch Christen werden nur auf eine Weise gerechtfertigt: durch den Glauben.

Unklarheit über erlösende Wirkung des Judentums

So werfen die Zitate aus den Römerbriefen in Nostra Aetate mehr Fragen auf als sie Antworten geben. Auch nach mehrmaligem Lesen von Nostra Aetate bleibe ich im Unklaren über die erlösende Wirkung des Judentums für seine Anhänger:innen.

Am Schluss von Absatz 4 über „Die jüdische Religion” lesen wir: „Die Heilige Synode möchte die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist. So ist es die Aufgabe der Predigt und der Lehre der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.“ Sechzig Jahre später frage ich mich: Ist das Gespräch unter diesen Voraussetzungen möglich? Hat sich in der Katechese, in der Lehre, in der Liturgie oder bei der Predigt wirklich etwas geändert?

Ich erwähne hier vier Punkte, die mich stören:

Jüdisches Leben Jesu fehlt

Warum bestätigt erstens Nostra Aetate nicht klar, dass Jesus jüdisch geboren und erzogen wurde und jüdisch gelebt hat? Die Auseinandersetzungen zwischen Jesus und seiner Gefolgschaft mit ihren jüdischen Zeitgenossen, insbesondere den Pharisäern und der Tempelaristokratie, waren nichts anders als die im Judentum noch immer üblichen Diskussionen über die Interpretation der Heiligen Schrift.

Es stimmt zweitens nicht, wenn Nostra Aetate behauptet, dass „die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben“ (vgl. Joh. 19,16) – schon damals wurde darauf hingewiesen, dass die römische Besatzungsmacht und Pontius Pilatus für die Kreuzigung verantwortlich waren. Das Verantwortlichmachen der Juden für den Tod Christi hat zahlreiche Pogrome ausgelöst und damit katastrophale Folgen für die jüdischen Gemeinschaften gehabt.

Insbesondere sind mir, sowie damals schon den jüdischen Zeitgenossen, zwei weitere Punkte negativ aufgefallen:

Schoa und Staat Israel werden nicht erwähnt

Die Schoa, 1965 vor damals 20 Jahren, und die Gründung des Staates Israel, damals vor 17 Jahren werden in Nostra Aetate nicht erwähnt.

Erstaunlich, obwohl genau fünf Jahre früher der Eichmann-Prozess in allen Medien große Aufmerksamkeit bekommen hatte. Zudem hatten Leon Poliakov in Frankreich und Joseph Wulf in Deutschland schon in den 1950er Jahren nachgewiesen, dass religiöser und politischer Antisemitismus eng miteinander zusammenhängen. Und 1963 hatte Rolf Hochhuth in seinem Drama „Der Stellvertreter“ die Haltung des Vatikans und des Papstes zum Holocaust sehr kritisch thematisiert. Das löste deutschlandweit und international Kontroversen und lautstarke Proteste aus. Der Vatikan hat das gewusst.

Aus politischen Gründen besuchte Papst Paul VI. 1964 während des Zweiten Vatikanischen Konzils als erster Papst überhaupt das Heilige Land, und verbrachte 12 Stunden in Israel, ohne den Namen dieses Staates in den Mund zu nehmen. Erst am 30. Dezember 1993 hat der Vatikan als einer der letzten Staaten der Vereinten Nationen den Staat Israel anerkannt. Dass die Gründung des jüdischen Staates zahlreiche politische und religiösen Folgen für die Beziehungen zwischen Juden, Christen und Muslimen hat, ist und bleibt klar – auch in der heutigen Situation.

Konzept der Abrahamitischen Religionen besser geeignet

Nostra Aetate hat viel ausgelöst, aber der Text ist meiner Meinung nach als Grundlage für das heutige gemeinsame Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen überholt und die Beziehungen zwischen Juden, Christen und Muslimen befinden sich seit dem Gaza-Krieg in einer Krise. Eine bessere Grundlage für einen gemeinsamen Austausch zwischen Juden, Christen und Muslimen wäre das Konzept der Abrahamitischen Religionen: Wir teilen alle drei Werte wie Frieden, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Unsere Religionen und Geschichten sind durchdrungen von der Bedeutung des Rechts (einschließlich des Kriegsrechts und der Menschenrechte), die verhindern sollte, dass sich ein Verbrechen wie die Schoa und weitere Katastrophen vor- und nachher, wiederholen. Gesetze – auch die religiösen – erkennen an, dass es Umstände gibt, unter denen eine militärische Aktion legal und zur Selbstverteidigung notwendig ist. Sie setzen aber auch klare Grenzen und stellen sicher, dass unser Verhalten unsere Menschlichkeit widerspiegelt. Sie gelten für alle, unabhängig vom Verhalten eines Gegners.

Grundlegend für das Judentum ist: „Gott, der Heilige, gepriesen sei Er, prägte die gesamte Menschheit nach dem einzigen Vorbild des ersten Menschen, und doch gleicht kein Mensch dem anderen.“ (Mischna, Sanhedrin 4,5). Menschliche Vielfalt ist Gottes Wille. Alle Bemühungen, menschliche Unterschiede zu nivellieren, führen nur zu Entmenschlichung und Unterdrückung. Keine einzelne Religion oder Ideologie besitzt ein Monopol auf die Wahrheit – das steht gegen eine exklusivistisch verstandene Maxime wie „Extra ecclesiam nulla salus est“, und gegen einen Heilsexklusivismus (wie Joh 14,6 oft verstanden wird: „… Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“).

Frieden existiert nicht ohne Recht und Gerechtigkeit

Die jüdische Mission ist: „Sei ein Segen für alle Geschlechter der Erde“ (der Bund Gottes mit Abraham und seinen Nachkommen, Gen 12,3). Ziel ist es, die Welt zu verändern und zu verbessern (Tikkun Olam). „Lernt Gutes zu tun. … setzt euch für die Rechte der Waisen ein; verteidigt die Sache der Witwen“: Wie Jesaja (1,18) sagt, sind Anstand, Mitgefühl und Gerechtigkeit für die Schwachen die Kernwerte des Judentums, sowie Darkei Schalom, die Wege des Friedens. Dabei gilt ein Standard für alle Mitmenschen: „Einerlei Recht soll bei euch für den Fremden und für den Einheimischen gelten, denn ich bin der Ewige euer Gott“ (Levitikus 24,22). Kein Land, ob Israel oder Palästina, kann in Frieden leben, wenn es andere Menschen unterdrückt oder vertreibt. Frieden existiert nicht ohne Recht und Gerechtigkeit (Mischpat, Zedaka).

Ein Glaube an eine einzige religiöse oder ideologische Wahrheit führt zu Konflikten, Terror und Gewalt: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist“ (Secharja 4,6). Viele Modern-Orthodoxe, Konservative-Massorti und Liberale Rabbiner:innen glauben an verschiedene Wahrheiten, wobei für Juden die Wahrheit der Tora und der rabbinischen Tradition eine zentrale Rolle haben. Pluralismus ist kein Relativismus.

Eine andere Wahrheit ist, dass die Beziehungen zwischen Juden, Christen und Muslimen intensiviert werden sollten. Als Juden, Christen und Muslime, als religiöse Menschen tragen wir eine Verantwortung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft – nicht nur in Bezug auf die Situation im Nahen Osten, auch hier in Europa, in Deutschland ist das eine Herausforderung. Das Gespräch ist dringend notwendig.