Die Studienwoche zeigte, wie anspruchsvoll und zugleich bereichernd interreligiöser Dialog sein kann – zwischen Theologie, Gesellschaft und persönlicher Begegnung. Mit dem Thema „Interreligiöse Beziehungen im europäischen Kontext“ befassten sich 28 Studierende und Promovierende aus Deutschland und Österreich vom 28. September bis 03. Oktober 2025 im Rahmen der Studienwoche, welche von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Eugen Biser Stiftung jährlich veranstaltet wird. Die geladenen Referent*innen aus verschiedenen Fachbereichen der Theologien gaben dabei Einblicke in ihre Konzepte. Dabei ging es darum, wie man Dialog fördern und insbesondere religiöse Ressourcen in gesellschaftliche Dynamiken einbringen kann. Ein Schwerpunkt lag auf Konfliktdynamiken, auf Ressourcen und Theologien des Zusammenlebens; ein Novum war der Einbezug jüdischer Perspektiven.
Konzepte des Zusammenlebens
Professor Dr. Heinz-Günther Schöttler und Rabbiner Edward van Voolen machten zum Auftakt am aktuellen Beispiel des Kriegs in Israel und Gaza seit 2023 deutlich, wie wichtig es ist, für Frieden und Gerechtigkeit einzustehen. Dabei erklärten sie, wie diese Begriffe aus jüdischer und christlicher Perspektive zu verstehen sind. Die persönliche, langjährige Freundschaft der beiden war dabei eindrückliches Beispiel dafür, wie bereichernd interreligiöse Freundschaften im Dialog sein können.
PD Dr. Claudia Hoffmann (Universität Basel) stellte christlich-theologische Perspektiven auf religiöse Vielfalt vor und hob die Bedeutung gesellschaftlicher Strukturen für gelingende Integration hervor. Eine Erkenntnis aus der Diskussion war, dass Missverständnisse häufig weniger aus theologischer Unkenntnis als aus fehlenden Begegnungsmöglichkeiten entstehen.
Ana Gjeci, wissenschaftliche Referentin in der Fachstelle Bayern von Ufuq, beleuchtete den Umgang mit sozialen Konflikten aus islamisch-sozialethischer Perspektive: Wie gelingt es, Konflikte konstruktiv und gesellschaftstreibend zu führen? An konkreten Beispielen haben die Teilnehmenden in Gruppen zu verschiedenen alltagsnahen Szenarien diskutiert und diese im Plenum besprochen – dabei ging es u.a. um islamische Feiertage im Kalender, um Gebetsräume und Glaubenssymbole in öffentlichen Einrichtungen wie Schule und Universität, und um die Arbeit interreligöser NGOs in globalen Konflikten.
Vielfalt als theologisches und gesellschaftliches Prinzip
Dr. Mahmoud Abdallah (Universität Tübingen) diskutierte sein Konzept einer „Theologie des Zusammenlebens“. Ausgangspunkt sind dabei auch religiöse Bezugspunkte, wie etwa die koranische positive Bewertung von Vielfalt: Sie sei eine Gottesgabe und Unterschiedlichkeit werde nicht als Problem verstanden, sondern als grundlegendes Element des Menschseins. Zusammenleben geschehe auf verschiedenen Ebenen, bei denen religiös-dogmatische, soziale, wirtschaftliche und politische Faktoren eine Rolle spielten. Oft hängen, so Abdallah, „der Erfolg oder Misserfolg einer Zusammenarbeit und ihre tatsächlichen Auswirkungen mehr von den Einstellungen und Verhaltensweisen als von den theologischen Grundlagen ab.“ Mit Blick auf die aktuellen weltpolitischen Spannungen - die im Hintergrund der gesamten Studienwoche spürbar waren - gewann diese Perspektive zusätzlich an Bedeutung, ebenso wie das Plädoyer für praktische Verantwortung, den anderen nicht nur zu dulden, sondern aktiv wahrzunehmen
Religiöse Vielfalt leben
Prof. Dr. Harald Suermann (Universität Bonn) machte in seinem Beitrag zur Rolle der katholischen Ostkirchen im interreligiösen Diskurs deutlich, wie sehr sich historische Erfahrungen von Phasen friedlicher Koexistenz bis hin zu politisch-religiösen Konflikten in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Suermann machte deutlich, dass die Herausforderungen, aber auch die Chancen eines „Dialogs des Lebens“ weit über institutionelle Gremien hinausgehen und im Alltag verankert sind. Eine entscheidende Rolle könnten Persönlichkeiten und Institutionen spielen, die eine Vorreiterrolle einnehmen, wie Louis Massignon oder Dialoginitiativen im Nahen Osten, die zugleich verdeutlichten, wie vielfältig und zugleich fragil interreligiöse Beziehungen sein können.
Anhand der Arbeit an grundlegenden Begriffen für den christlich-islamischen Austausch, die Stefan Zinsmeister (Eugen-Biser-Stiftung) anhand des Lexikons des Dialogs gestaltete, wurde deutlich, wie wichtig präzise Sprache ist: Begriffe wie Dschihad, Scharia oder Gerechtigkeit entfalten, je nach religiösem und kulturellem Kontext, sehr unterschiedliche Bedeutungen. Differenzierungen können Missverständnissen vorbeugen und einen respektvollen Dialog erst ermöglichen.
Simulation eines Konflikts - und die Erkenntnisse daraus
Wie anspruchsvoll Kommunikation gerade mit Bezug auf Religion sein kann, zeigte das Planspiel mit Dr. Ertuğrul Şahin (Universität Heidelberg). In einer simulierten Verhandlungssituation wurden verschiedene Rollen eingenommen und Dynamiken erfahren, die auch in realen gesellschaftlichen und religiösen Konflikten auftreten könnten. Überraschend war, wie schnell Emotionen eine größere Rolle spielen als Argumente und wie komplex die Dynamiken werden, sobald persönliche Betroffenheit ins Spiel kommt. Diese Übung führte vor Augen, dass Dialogfähigkeit keineswegs selbstverständlich ist. Sie muss erlernt, eingeübt und immer wieder kritisch reflektiert werden. Das Planspiel war damit nicht nur eine Methode, sondern ein Spiegel: Es zeigte, wie wir kommunizieren, wo wir Grenzen setzen und wie leicht Gruppendynamiken Konflikte entweder entschärfen oder verstärken können.
Die unterschiedlichen Konkretionen zeigten sehr plastisch, dass interreligiöse Verständigung nicht allein ein akademisches Thema ist. Sie betrifft direkte Lebensrealitäten und kann Konfliktlinien offenlegen, die oft emotional weit tiefer reichen, als man auf den ersten Blick erkennt.
Die fachlichen Impulse lieferten vor allem eines: Anlass, in Dialog und Diskurs zu treten. Darin lag der Kern der Studienwoche. Die Referent*innen haben Raum gegeben, miteinander ins Gespräch zu kommen, in Gruppenarbeiten, Plenumsrunden oder einem konstruierten Planspiel. Gleichzeitig wurde deutlich, wie viel Bedarf an Austausch besteht.
Komplexität und Bereicherung
Rückblickend hat die Studienwoche gezeigt, wie komplex, aber auch wie bereichernd interreligiöse Beziehungen sein können. Die Vielfalt der theologischen Ansätze, die Offenheit der Gespräche und die Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Traditionen haben nachhaltig geprägt. Besonders wertvoll war, dass auch schwierige Themen, wie Antisemitismus, Säkularisierung, Konflikte im Nahen Osten, Diskriminierungserfahrungen oder radikale Strömungen, nicht ausgespart wurden.
Die Woche in Lindenberg war eine intensive Lernerfahrung: fachlich fordernd, menschlich bereichernd und politisch hochaktuell. Sie hat gezeigt, wie wichtig es ist, interreligiös nicht nur über andere zu sprechen, sondern mit ihnen – und dabei zuzuhören, auszuhalten und zu lernen.
Sehen Sie hier die Berichterstattug über die Preisverleihung der Georges-Anawati-Stiftung an Nachwuchswissenschaftler:innen für herausragende Essays zum christlich-islamischen Dialog, im Rahmen der Studienwoche.








