| Newsletter November 2026

Herausragende Essays zum interreligiösen Dialog ausgezeichnet

Erträge der interreligiösen Studienwoche

Von Dr. Daniel Meier

Vier herausragende Essays der interreligiösen Studienwoche des letzten Jahres sind am Montagabend (5.10.) im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim prämiert worden. Die Studienwoche wird von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Kooperation mit der Eugen-Biser-Stiftung veranstaltet, den Essaypreis vergibt die Georges-Anawati-Stiftung.

Unter dem Motto „Sichtbar werden, verstehen, voneinander lernen“ setzen sich die ausgezeichneten Beiträge mit zentralen Fragen des interreligiösen Dialogs auseinander: Wie kann Kunst Begegnung ermöglichen? Welche Rolle spielen Vorurteile und Verdachtslogiken in unserer Gesellschaft? Und wie findet das Göttliche jenseits von Dogmen und Schriften seinen Ausdruck? Die Jury zeigte sich beeindruckt von der Tiefe der Analysen, der Verbindung persönlicher Erfahrungen mit wissenschaftlicher Reflexion und dem Mut, brisante Themen auf innovative Weise zu behandeln.

„Sehen und gesehen werden im interreligiösen Kontext“

Mit dem ersten Platz wurde die Theologin Laura Schäfer für ihren Essay „Sehen und gesehen werden im interreligiösen Kontext – Wie trägt Kunst zum Sichtbarwerden der Akteur:innen in interreligiösen Dialogräumen bei?“ ausgezeichnet. Schäfer geht von Paul Klees berühmter Aussage aus, dass Kunst nicht das Sichtbare wiedergebe, sondern sichtbar mache. Schäfer argumentiert dabei, dass Kunst nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch Verantwortung schaffe: Sie mache Machtverhältnisse sichtbar und frage, wo das eigene Zeigen andere unsichtbar macht. Die Jury lobte die „poetische Präzision“ und die „theologische Weitsicht“ des Beitrags, der Kunst als Medium der Begegnung und Reflexion stärke.

„Zwischen Zugehörigkeit und Verdachtskultur“

Den zweiten Platz belegte Şevval Bilgin mit ihrem Essay „Zwischen Zugehörigkeit und Verdachtskultur: Religion im Schatten der offenen Gesellschaft“. Bilgin untersucht darin, wie der gesellschaftliche Radikalisierungsdiskurs die Wahrnehmung sichtbarer Religiosität präge – und selbst zum Problem werde. Ausgehend von einer persönlichen Erfahrung analysiert sie, wie Präventionslogiken jede Form vertiefter Religiosität als potenzielles Risiko deuteten. Dies führe zu einer Spirale aus Misstrauen, Distanz und Selbstbehauptung, die Gläubige zu Beobachtungsobjekten mache. Dialog, so Bilgin mit Verweis auf Martin Buber, gelinge indes nur als „Ich-Du-Begegnung“, die Menschen wahrnehme, statt sie zu beobachten. Die Jury würdigte die „mutige Gesellschaftsdiagnose“, die „Zwischenräume der Wahrnehmung“ fordere.

„Homosexualität. Die Aushandlung eines geteilten Problemfeldes“

Zwei dritte Plätze wurden vergeben: Pascal Radtke-Levi überzeugte mit seinem Essay „Homosexualität. Die Aushandlung eines geteilten Problemfeldes und seine potenzielle Bedeutung für den interreligiösen Dialog zwischen Christinnen und Musliminnen“. Radtke-Levi zeigt auf, wie in Christentum und Islam Homosexualität oft auf einzelne Handlungen reduziert wird und plädiert für eine historisch-kritische Neubewertung, die wissenschaftliche Erkenntnisse integriert. Er argumentiert, dass beide Religionen voneinander lernen können: der Islam durch seine positive Sexualitätsauffassung und sein differenziertes Normen-Instrumentarium, das Christentum durch seine Erfahrungen mit historisch-kritischer Exegese.

„Das göttliche Schweigen der Olivenbäume: Erfahrung statt Dogma“

Ebenfalls mit dem dritten Platz ausgezeichnet wurde Monzer Haider für seinen Essay „Das göttliche Schweigen der Olivenbäume: Erfahrung statt Dogma“. Haider verbindet darin autobiografische Erzählung, Religionsgeschichte und philosophische Reflexion. Im Mittelpunkt steht seine analphabetische, kurdische Großmutter aus Afrin, deren Glaube ohne Texte auskam, „weil sie das Leben gelesen habe“ Haider plädiert für einen „stillen Dialog“, der Wahrheitsansprüche nicht aufhebe, sondern unterlaufe: Nicht das Ringen um Begriffe, sondern das Teilen einer Sehnsucht verbinde Menschen. Die Jury lobte die „literarische Qualität“ und die „radikale Offenheit“ des Beitrags, der „das Göttliche im Alltäglichen sucht“.

Vielfalt als Chance

In seinem Festvortrag anlässlich der Verleihung des Essaypreises 2026 erläuterte Dr. Ferdinand Mirbach, Senior Expert bei der Robert Bosch Stiftung, anhand des „Vielfaltsbarometer 2025“ die sinkende Akzeptanz gesellschaftlicher Vielfalt – etwa in Bezug auf ethnische Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung. Mirbach widerspricht jedoch der Annahme, dass Vielfalt automatisch den Zusammenhalt schwäche. Vielmehr sieht er in ihr eine Chance – vorausgesetzt, sie werde aktiv gestaltet.

Dafür formulierte der Festredner sechs zentrale Empfehlungen: So müssten Begegnung und Dialog  gefördert werden, um Vorurteile abzubauen und ein Wir-Gefühl zu stärken. Demokratische Werte gelte  es konsequent zu verteidigen, während Diskriminierung und Intoleranz klar benannt und bekämpft werden müssten. Individuelle Lebensleistungen sollten laut Mirbach stärker gewürdigt werden, um Abstiegsängste und Neiddebatten zu entschärfen. Politik und Medien hätten eine besondere Verantwortung, durch differenzierte und deeskalierende Kommunikation Spaltungen entgegenzuwirken. Zudem brauche es mehr Vertrauen in die Politik, das durch Transparenz und Bürgerbeteiligung gestärkt werden könne. Schließlich müsse die Religion als gesellschaftlicher Faktor ernst genommen werden – sowohl in ihrer sinnstiftenden Funktion als auch in ihrer Ambivalenz zwischen Integration und Ausgrenzung, erklärte Mirbach.

Die Georges-Anawati-Stiftung fördert den Dialog zwischen Christentum und Islam durch Wissenschaft, Bildung und Kultur. Der jährliche Essay-Wettbewerb richtet sich an Nachwuchswissenschaftler:innen und Praktiker:innen, die innovative Perspektiven auf interreligiöse Fragen entwickeln. Die Studienwoche ist ein Disziplinen und Weltanschauungen übergreifendes Format für ausgewählte Studierende und wird jährlich von der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Eugen-Biser-Stiftung veranstaltet.