| Newsletter Dezember 2026

Gemeinsam in Deutschland 2026: Was uns trennt. Was uns trägt.

Engagierte mit Migrationsgeschichten aus 13 Ländern treffen sich in Bad Urach

Von Dr. Daniel Meier

Wie wirken globale Konflikte auf das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland? Und welche Handlungsmöglichkeiten haben Menschen aus Exil- und Diasporagruppen, um Frieden, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Engagierte mit Migrationsgeschichten aus 13 Ländern des östlichen Europas und darüber hinaus im Rahmen des Workshops „Gemeinsam in Deutschland 2026: Was uns trennt. Was uns trägt.“ vom 23. bis 25. Oktober im Tagungszentrum Haus auf der Alb in Bad Urach.

Internationale Konflikte, geopolitische Verschiebungen und autoritäre Entwicklungen bleiben nicht auf die Außenpolitik beschränkt. Sie prägen auch gesellschaftliche Debatten in Deutschland und beeinflussen, wie Menschen einander begegnen, Zugehörigkeit erleben und politische Positionen entwickeln. Besonders deutlich wird dies bei Menschen mit Migrations- und Exilerfahrung, deren Lebensgeschichten und Beziehungen häufig unmittelbar von Konflikten in ihren Herkunftsländern geprägt sind.

Demokratie und Autoritarismus

Prof. Dr. Andreas Heinemann-Grüder von der Universität Bonn beleuchtete das Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Autoritarismus. Demokratie erschöpfe sich nicht in freien Wahlen, sondern brauche auch Gewaltenteilung, unabhängige Gerichte, Minderheitenschutz, soziale Gerechtigkeit und politische Teilhabe. Weltweit sei eine autoritäre Regression zu beobachten, die zunehmend auch etablierte Demokratien erfasse. Als Ursachen nannte er unter anderem soziale Ungleichheit, fehlende Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, die Politisierung von Religion, gesellschaftliche Unsicherheiten und die Folgen der Globalisierung. Hoffnung gebe, dass Menschen grundsätzlich weiterhin die Freiheit demokratischer Mitbestimmung und die Möglichkeit, politische Führung abzuwählen, schätzten.

Zivilgesellschaft in der Ukraine

Markus Lux, Leiter des Sondebereichs Ukraine bei der Robert Bosch Stiftung, richtete den Blick auf die Ukraine und die Rolle ihrer Zivilgesellschaft. Diese übernehme seit Jahren angesichts des russischen Angriffskriegs wichtige gesellschaftliche Aufgaben und verbinde Widerstandsfähigkeit, Wiederaufbau und die Auseinandersetzung mit den Kriegserfahrungen. Internationale Unterstützer müssten dabei vor allem Vertrauen in die ukrainischen Partner:innen setzen und ihnen die Entscheidungshoheit über Projekte überlassen. Auch die ukrainische Diaspora könne wichtige Brücken bauen und gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren. Sie dürfe jedoch nicht als alleiniger Vermittler oder Lösung für sämtliche Herausforderungen betrachtet werden.

Friedensarbeit in Georgien

Dr. Sebastian Relitz, Direktor und Gründer der von Tbilisi operierenden NGO  Corridors zeigte am Beispiel Georgiens, wie Friedensarbeit auch dort möglich ist, wo offizielle politische Friedensprozesse fehlen. Entscheidend seien der Aufbau zivilgesellschaftlicher Kompetenzen und die Schaffung von Begegnungsräumen über Konfliktlinien hinweg. In Workshops und gemeinsamen Projekten kommen Menschen aus unterschiedlichen Konfliktregionen des Südkaukasus zusammen. Selbst gemeinschaftliche Aktivitäten wie das Pflanzen von Bäumen können dabei zu Zeichen der Kooperation und des Vertrauens werden.

Ukrainische Geflüchtete und russischsprachige Menschen in Deutschland

Wie Zusammenleben trotz unterschiedlicher Erfahrungen und politischer Prägungen gelingen kann, erläuterte Dr. Christian Fröhlich vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Seine Forschung zeigt, dass Verständigung dort möglich wird, wo Menschen zunächst bereit sind, einander als Individuen und als Teil einer gemeinsamen Lebenswirklichkeit anzuerkennen. So können auch ukrainische Geflüchtete und russischsprachige Menschen in Deutschland miteinander ins Gespräch kommen, sofern eine Unterstützung des russischen Regimes nicht gegeben ist. Zugleich beeinflusst die deutsche Mehrheitsgesellschaft das Miteinander entscheidend: Pauschale Zuschreibungen und Ermüdungserscheinungen im Umgang mit dem Krieg können auf beiden Seiten Entfremdung verstärken.

Die Beiträge machten deutlich: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht von selbst. Er braucht Vertrauen, gegenseitige Anerkennung und Räume, in denen Begegnung auch unter schwierigen Bedingungen möglich ist. Exil- und Diasporagruppen können dabei wichtige Akteure sein – als Brückenbauer, Impulsgeber und Partner transnationaler Zusammenarbeit. Entscheidend ist, ihre Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten ernst zu nehmen und gemeinsames Engagement langfristig zu stärken.