Von Derya Şahan und Daniel Meier
Rassistische Einstellungen und diskriminierende Handlungen treten in verschiedenen Formen auf. Sie finden sich nicht nur an den extremistischen Rändern, sondern über das gesamte politische Spektrum hinweg. Ein Fachtag unter der Maxime „Gemeinsam gegen Rassismus – Vielfalt stärken. Perspektiven schaffen“ bot am 27.5.2025 Orientierung rund um das Thema Rassismus, zeigte Handlungsspielräume auf und entwickelt Strategien für die praktische Arbeit.
Den thematischen, theorie- und bildungswissenschaftlichen Einstieg bot Prof. Dr. Paul Mecheril von der Universität Bielefeld. Mecheril versteht Rassismus nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als ein gesellschaftliches Strukturprinzip, das tief in unseren staatlichen, sozialen und kulturellen Ordnungen verankert sei. Rassismus ist für den Wissenschaftler der Versuch, den Wert des menschlichen Lebens unterschiedlich zu bestimmen, um Herrschaftsverhältnisse und Hierarchien zu legitimieren. Er sieht darin keineswegs ein anthropologisches Merkmal, sondern ein soziales Konstrukt.
Räume schaffen, in denen wir lernfähig miteinander sprechen
In seinem Vortrag sprach Mecheril von legitimiertem Ausschluss, von gesellschaftlicher Ignoranz– und von der Frage, wie es gelingen kann, Räume zu schaffen, in denen wir lernfähig miteinander sprechen. Mecheril stellte der klar antirassistischen Ausrichtung des Grundgesetzes eine rassistische Praxis in der Gesellschaft gegenüber und kritisierte, dass Wissenschaft, (politische) Bildung, Zivilgesellschaft und Politik nicht ausreichend auf die Herausforderungen des Rassismus reagiert hätten.
Im anschließenden Gespräch mit Maximilian Mayer von der Antidiskriminierungsstelle des Landes Baden-Württemberg (Stuttgart) und Dr. Hussein Hamdan (Tübingen) wurde die Brücke zur Praxis geschlagen. Mayer gab Einblicke in die Arbeit der Antidiskriminierungsstelle, berichtete von Schwellenängsten, den Bemühungen um unterschiedliche sprachliche Zugänge und thematisierte die Rolle von Beratungsstellen sowie das Spannungsfeld von Einzelfallhilfe und struktureller Veränderung. Die Publikumsfragen zeigten eindrucksvoll das Bedürfnis, die Debatte in konkrete Handlung zu überführen.
Konkrete Ansätze und Methoden der Antirassismusarbeit
Zunächst konnten die Teilnehmenden in drei Foren konkrete Ansätze und Methoden der Antirassismusarbeit kennenlernen und praktisch umsetzen. So gaben Julian Hornetz und Lena Reichstetter Einblicke in ihre Arbeit im Bildungs- und Präventionsprojekt „Zusammen1 – Für das, was uns verbindet“ des jüdischen Sportverbands MAKKABI Deutschland, das politische Bildung und sportliche Praxis verknüpft. Unter anderem forderten sie eine stärkere Sensibilität gegenüber Diskriminierung im Sport. „Wenn laut Spielberichtsbogen nur in jedem fünfhundertsten Fußballspiel in Deutschland ein diskriminierender Vorfall gemeldet wird, entspricht das nicht der Realität“, kritisierte Hornetz.
Halszka Śliwa von der Bildungsstelle Plurales Heidelberg, Mosaik Deutschland e.V. informierte, wie diskriminierungskritisches Lernen gefördert werden kann. Das Forum von Stefanie Jebram (AKSB-Projekt RespACT – Vielfalt leben. Haltung zeigen / Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart) un Derya Şahan von der Fachstelle Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum Baden-Württemberg fasste die Essenz eines umfangreichen Workshops zusammen, der eine interaktive Auseinandersetzung mit rassistischen Denk- und Handlungsmustern ermöglicht. Durch praxisnahe Beispiele, Reflexionsübungen und Diskussionen wurde in allen Foren erarbeitet, wie Rassismus im Alltag erkannt, hinterfragt und wirksam begegnet werden kann. Die Teilnehmenden teilten Erfahrungen, entwickelten Ideen und stellten Fragen, die nicht auf einfache Antworten hinausliefen, sondern auf gemeinsame Lernwege.“
Markt der Vielfalt
Der Markt der Vielfalt am Nachmittag führte dann noch einmal vor Augen, wie breit und engagiert die antirassistische Praxis in Baden-Württemberg bereits aufgestellt ist – und wie viele Menschen daran arbeiten, dass Vielfalt nicht nur benannt, sondern gestärkt und geschützt wird. Das Spektrum reichte vom Engagement des Sozialdienstes muslimischer Frauen in Stuttgart, Projekte wie zum Kontern gegen Fake und Hass im Netz über einen Escape Room zum Thema Diskriminierung und die Beratung und Unterstützung für Betroffene von rechter Gewalt bis zur historisch-politischen Bildung in Museen und an historischen Orten und zur Demokratiebildung in der Kita. So geht Luisa Kreiling vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg in ihrer Arbeit unter der Maxime „Rassismus erkennen – gestern & heute“ der Historie von Vorurteilen auf den Grund und schlägt die Brücke zum Alltagsrassismus, besonders dort, wo er am subtilsten ist: in Memes, Chats und Likes. Repräsentativ auch für die anderen Engagierten beim Markt der Vielfalt stellte Stefanie Hofer vom Projekt „Läuft bei Dir“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg fest: „Diskriminierung ist kein Problem der anderen, sondern alle Menschen müssen sich mit Strukturen und mit Narrativen, die diskriminierend sind, auseinandersetzen.“
Zum Abschluss des Fachtags griff das Theater Q-rage mit einem Improvisationstheater das Thema Rassismus künstlerisch auf. Was bleibt am Ende dieses Tages? Vielleicht keine einfachen Lösungen. Aber ein gemeinsames Bewusstsein dafür, dass Antirassismus nicht allein gelingt. Dass es Mut braucht, Empathie, Selbstreflexion – und die Bereitschaft, auch Unbequemes auszuhalten. Rassismuskritik ist eine Praxis. Sie beginnt mit dem Zuhören. Sie zeigt sich im Widerspruch. Und sie braucht Räume wie in Hohenheim, in denen Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen, um Haltung zu zeigen und Handlungsfähigkeit zu finden.
Die Tagung wurde organisiert von Stefanie Jebram und Linda Huber von der Akademie der Rottenburg-Stuttgart, in Kooperation mit Derya Şahan von der Fachstelle Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum Baden-Württemberg, Maren Janetzko von der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg und Jule Franziska Leisner vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg.






