Von Paul Kreiner
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ So programmatisch fängt Gaudium et spes an. Vor fast 60 Jahren, am 7. Dezember 1965, hat das Zweite Vatikanische Konzil seine letzte große Erklärung verabschiedet: Gaudium et spes. Als „Pastorale Konstitution“, einer damals neuartigen Form kirchlicher Verkündigung, sollte sie Lehre und Seelsorge, Theorie und Leben verbinden, das dogmatisch „Unwandelbare“ mit gesellschaftlicher Dynamik. Was ist daraus geworden? Steckt gar die vom Konzil gewünschte Beziehung zwischen Theorie und Praxis, Dogma und Pastoral in der Krise?
Darüber diskutierten etwa hundert Theologinnen und Theologen, ehrenamtlich und hauptberuflich in der Pastoral Tätige sowie eine große Gruppe Studierender, drei Tage lang an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Tagung in Hohenheim setzte ein ähnliches Format fort, das ebenfalls unter der Leitung von Barbara Janz-Spaeth (Akademie Hohenheim), Maria Purkathofer, Bernd Hillebrand (beide Universität Graz) und Michael Quisinsky (PH Karlsruhe) im Herbst in Salzburg durchgeführt wurde. Klar wurde, dass das Konzil damals mit einer Autorität gesprochen hat, „die die Kirche heute nicht mehr hat“, und zu Menschen, die noch mehr von Religion und Glauben wussten als die heute. Jan Loffeld, Professor für Praktische Theologie (Utrecht), zitierte Studierende, die in der Kathedrale von Utrecht über zwei Heiligenstatuen sprachen: „Das eine ist der Mohammed, den anderen kenne ich nicht.“ Diakon Peter Maile, Betriebsseelsorger bei einer anderen Großbaustelle, bei Stuttgart 21, kommt mit einer Lüsterklemme herein: „Da stecken links der Strom- und rechts der Neutralleiter drin und in der Mitte die Erdung.“ Mit ,Dogma‘ und ,Pastoral‘, sagt Maile, „können die Arbeiter nix anfangen. Wir müssen schauen, dass sie uns begreifen. Wir brauchen Menschen, die das alles erden.“ Wie steht es also um die „Beziehung“ zwischen Dogma und Pastoral, zwischen theologischer Theorie und kirchlicher Praxis?
Kirche als "Lernlaboratorium"
Konkrete „Praxisorte“ und theologische Reflexion wollte die Tagung zusammenbringen, denn – wie Martin Breul (Technische Universität Dortmund) einen alten Borussia-Fußballerspruch zitierte: „Grau ist alle Theorie; entscheidend ist auf dem Platz.“ Deshalb gingen Dogmatiker und Pastoraltheologen, die Pastoral vor Ort mit der theologischen Forschung ins Gespräch. Insgesamt ging der Trend der Tagung in eine Richtung, die Annette Langner-Pitschmann (Uni Frankfurt) so formulierte: „Pastoral im Horizont der Säkularität ist nicht Dogmatik für Dummies, kein Übersetzungsbüro, sondern ein Proben- und Übungsraum.“ Die Kirche könne ein „Lernlaboratorium“ sein – für alle Beteiligten zwischen Dogma und Pastoral, Theorie und Praxis.
Da ist zum Beispiel die Entwicklungszusammenarbeit, in Zeiten von „Gaudium et spes“ noch als „Entwicklungshilfe“ dringend gefordert. Doch der Begriff der materiellen „Hilfe“ von damals sei heute diskreditiert, weil er ein „Gefälle“ markiere zwischen Leuten mit Geld und ohne, zwischen Norden und Süden, zwischen Menschen, die immer alles besser wüssten, und solchen, die sich sagen lassen müssten, was sie zu leisten hätten. Das wäre „eine neue Form des Kolonialismus“, sagt Heike Teufel, die für Misereor gearbeitet und lange Jahre in den Anden gelebt hat. Nötig seien der Dialog auf Augenhöhe und eine „Haltung, die eigene Vorstellungen, Denkweisen und auch emotionale Gewohnheiten durchbricht.“
Diesen Gedanken entfalteten Katharina Karl (Uni Eichstätt), Sebastian Pittl (Uni Tübingen), Birgit Weiler (Uni Lima/Peru) und machten deutlich, wie Befreiungstheologie die Europazentrierte Theologie und Pastoral verändern kann.
Die Rolle sozialer Arbeit
Ganz ähnlich, aber für den lokalen Raum, führte das Frank Barrois von der Caritas in Freiburg aus. „Was willst DU, dass ich dir tue“, frage sich heutige Caritas, wie Jesus seinerzeit den Gelähmten am Brunnen gefragt habe. Und Barrois hinterfragt sogar den Aufruf von Papst Franziskus, „an die Peripherien“ zu gehen: „Wo ist der Rand? Das setzt voraus, dass ich mich als Nabel der Welt betrachte.“ Ganz bei Franziskus ist Barrois dann wieder, wenn es um die Rolle sozialer Arbeit in der Kirche geht. Der Papst warnt ja häufig, eine allzu geschäftige Kirche könnte zur bloßen „Nichtregierungsorganisation wie so viele andere auch“ verkommen. Barrois sagt es ganz eindeutig: Bei der Caritas seien Dogma und Pastoral verbunden und müssten es sein: „Handeln ohne Fundament führt zu Aktionismus, da fehlt die Reflexionsebene. Handeln und Haltung – man braucht beides, sonst funktioniert auch die andere Seite der Beziehung nicht mehr.“
Franziskus kam bei der Tagung sonst nur am Spielfeldrand vor, und das war schade, denn ab und zu wurde durchaus ein unterschwelliger Konsens dahingehend formuliert, dass er etliche nachkonziliare Verengungen der kirchlichen Lehre aufgebrochen habe. So bestätigte das auch Prof. Bernd Hillebrand (Uni Graz). Genau das Konzept jedoch, mit dem Papst Franziskus das Konzil in dessen Sinne weiterentwickeln möchte: die „synodale Kirche“, also die Kirche auf „Augenhöhe“, die in vielen Tagungsbeiträgen gewünscht wurde, ist voraussetzungsreicher, als es viele synodale Formate bislang im Blick haben.
Dafür leisten Kirchenleute tagtäglich vor Ort, was Professor Breul (Uni Dortmund) theoretisch unternehmen wollte: die tägliche „Paartherapie“ von Dogma und Pastoral, „dialektisch verzahnt“ und ganz praktisch. Carola von Albedyll beispielsweise, Gemeindereferentin in der Diaspora des Kraichgaus (Erzdiözese Freiburg). Ländliche Gegend, eine aus 14 Dörfern zusammengepresste Seelsorgeeinheit, kleine, geradezu aussterbende Gemeinschaften, die gemeinsam ihren Glauben feiern: Die „Ausdünnung des Gottesdienstangebots“ führe nicht dazu, dass Menschen aus dem einen Dorf ins andere zur Messe fahren und die Gemeinde dort vergrößern, sagt von Albedyll. Viele Menschen gingen eben gar nicht mehr zur Kirche: „Auch das Land wird immer säkularer.“ Da hülfen keine Seelsorgspläne und Stellenschlüssel, die ja vor allem in der Stadt und für städtische Kontexte erstellt worden seien. Es brauche auf dem Land eine andere Struktur – eine Kirche der Beziehungen mit „Geh-hin-Struktur“. Diesen Aspekt griff Matthias Henne, Oberbürgermeister von Bad Waldsee, auf und mahnte gemeinsames Positionieren und Handeln von politischer und kirchlicher Gemeinde zum „Wohle der Gesellschaft“ an. Heutige Herausforderungen ließen hier keinen Spielraum für ein Nebeneinander.
Gleichstellung von Frauen?
Unter ausdrücklicher Berufung auf „Gaudium et spes“ („Frauen verlangen die rechtliche und faktische Gleichstellung mit den Männern, wo sie diese noch nicht erlangt haben. Einzelpersonen und Gruppen begehren ein erfülltes und freies Leben, das des Menschen würdig ist.“) schilderte dann die Sießener Franziskanerin Marie-Pasquale Reuver, wie Frauenorden heute zu ungeahntem Selbstbewusstsein finden: Das gerade auch in Kirchenkreisen gepflegte Bild von der „naiven, devoten Schwester“ sei genauso obsolet wie ein „falscher, unhinterfragter Gehorsam“ gegenüber Priestern und Bischöfen; Orden fühlten sich als „Experimentierort für ein neues, weibliches Antlitz der Kirche“. Wenn da, für die Selbstorganisation, nur nicht jene „hemmenden Faktoren“ wären, die derzeit an geweihte und ehelos lebende Männer gebunden sind: Eucharistie, Sakramentenspendung, Leitung von Professfeiern. Und überhaupt: Immer wenn „Gaudium et spes“ bei der Hohenheimer Tagung für die Forderung nach der Gleichstellung von Frauen gelobt wurde, kam im Saal die Frage auf, wie die Kirche von der Welt etwas verlangen könne, was sie im eigenen Bereich nicht verwirkliche.
Ganz neue, ganz weite Horizonte schließlich, die „Gaudium et spes“ nicht vorhersehen konnte, zog der Frankfurter Pastoraltheologe Wolfgang Beck auf: die Digitalisierung der Welt als „dominante Kulturfrage des 21. Jahrhunderts“. Hat die Kirche schon auf normalem Säkularisierungsweg die Autorität verloren, die sie zu Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils noch hatte, so verschieben sich in der digitalen Welt die Autoritäten noch weiter: ins „Netz“ (was oder wer immer das dann ist), oder gleich ins Nichts. Was „Wahrheit“ ist, wird zum Ort freier Debatten; eine Regulation oder eine zentrale Gestaltungsinstanz, sagt Beck, gebe es nicht: „Digitalität bedeutet maximale Dezentralität.“
Die katholische Kirche war das immer anders gewohnt. Sie hatte etwas zu sagen. Und was macht sie jetzt? Lernend wolle sie ja sein, sagt Beck in Rückgriff auf Gaudium et spes. „Ressentiments“ gegen die Entwicklung solle sie nicht kultivieren. Vielleicht sei es ja Zeit für einen mutigen Sprung vorwärts, für „paulinische Kühnheit“ (also für den Aufbruch zu einer neuen, weltweiten Mission gegenüber der petrinisch-zaghaften Beschränkung auf die kleine, damals Jerusalemer Urgemeinde).
Wie auch immer: die „Welt von heute“, in die sich „Gaudium et spes“ vor 60 Jahren so mutig und so zukunftsfroh gestürzt hat, ist eine Welt von gestern. Die Ansprüche der Kirche von damals an sie selbst sind noch lange nicht eingelöst. Aber gerade heute zeigt sich die vom Konzil eröffnete Möglichkeit: Wo Kirche ihren Anspruch an sich selbst zwischen Theorie und Praxis einlöst und dabei auch die „Beziehungskrise“ zwischen Dogma und Pastoral überwindet, stehen die Chancen gut, heute schon mit dem Blick zur Welt und auf das Evangelium die Zukunft von morgen mitzugestalten im Dienst an den Menschen.
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