| Newsletter Juni 2026

Friedensethik zwischen Abschreckung und Versöhnung

Akademien im Dialog mit Bundeswehr und Diplomatie auf dem Katholikentag

Von Dr. Daniel Meier

Es war eine „Debatte im großen Raum“ auf dem Katholikentag. Zur Frage „Wie erreichen wir den Frieden, nach dem wir uns sehnen?“ diskutierten Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer und Botschafter a.D. Christoph Heusgen gemeinsam mit Akademiedirektorin Prof. Dr. Ursula Münch (Tutzing) und Akademiedirektor Prof. Dr. Johannes J. Frühbauer, zugleich Vertreter der Deutschen Kommission von Justitia et Pax über Herausforderungen einer Friedensethik zwischen Abschreckung, Diplomatie und Versöhnung.

Reale Bedrohung durch Russland

Carsten Breuer betonte, dass die sicherheitspolitische Bedrohung durch Russland konkret und nah sei. Die häufig genannte Jahreszahl 2029 versteht er nicht als festes Angriffsdatum, sondern als möglichen Zeitpunkt, zu dem Russland militärisch in der Lage sein könnte, einen großangelegten Krieg gegen den Westen zu führen. Der Generalinspekteur unterstrich, dass Deutschland seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 seine Anstrengungen verstärkt habe. Gleichzeitig kritisierte er die bisherige Haltung, Sicherheit „auszulagern“, etwa an Verbündete wie die USA. Dies sei heute nicht mehr tragfähig. Krieg betreffe alle gesellschaftlichen Bereiche, was sich bereits durch Spionage, Cyberangriffe und Einflussversuche zeige. Ziel solcher Aktivitäten sei es, den Westen zu spalten. Neben militärischer Stärke fordert Breuer daher eine widerstandsfähige Gesellschaft. Bürgerinnen und Bürger müssten verstehen, was auf dem Spiel steht, und aktiv zur Resilienz beitragen. Es gehe nicht um Bewaffnung der Bevölkerung, sondern um Zusammenhalt, Wertebewusstsein und die Bereitschaft, diese zu verteidigen. Abschreckung müsse umfassend gedacht werden – militärisch, gesellschaftlich und diplomatisch.

Für Prof. Dr. Johannes Frühbauer sei die derzeitige Vielzahl paralleler Konflikte kein neues Phänomen. Studien wie Konfliktbarometer oder Friedensgutachten zeigen seit Jahren zahlreiche bewaffnete Konflikte weltweit. Neu sei vielmehr die verstärkte Aufmerksamkeit in Europa, insbesondere durch den russischen Angriff auf die Ukraine, während viele andere Konflikte – etwa in Subsahara-Afrika oder Fernost – kaum wahrgenommen werden. Frieden ist für den Akademiedirektor kein statischer Zustand, sondern ein Prozess mit klaren Zielvorstellungen, etwa dem Schutz von Menschenwürde, der Wahrung von Menschenrechten sowie der Sicherung von Freiheit und Demokratie. Dabei könne es auch Zwischenstufen geben, in denen ein „ungerechter Frieden“ als notwendiger Schritt auf dem Weg zu einem gerechten Frieden akzeptiert werden müsse.

Bereitschaft zur Verteidigung und Versöhnung

Frühbauer erklärte, dass angesichts der aktuellen sicherheitspolitischen Lage die militärische Verteidigungsbereitschaft unverzichtbar sei, um Freiheit und Sicherheit zu gewährleisten. Einzelne könnten sich zu einem konsequent gewaltfreien Handeln verpflichten, auf gesellschaftlicher Ebene stelle sich die Lage indes komplexer dar, da Staaten Verantwortung für den Schutz ihrer Bevölkerung tragen. Der gewaltfreie Widerstand ist für Frühbauer eine wichtige ergänzende Option im Umgang mit Konflikten. Entscheidend sei jedoch stets die Frage nach seiner Wirksamkeit: „Welche Ziele lassen sich damit erreichen, und wie wirkt er auf den jeweiligen Gegner? Neben militärischen und politischen Maßnahmen müsse stärker in Dialog, Verständigung und diplomatische Prozesse investiert werden. Versöhnung sei ein zentraler Bestandteil nachhaltiger Friedensstrategien und sollte frühzeitig mitgedacht werden.

Die Abschreckung kann laut Frühbauer nur wirken, wenn sie glaubwürdig sei – das heißt, ein potenzieller Gegner müsse überzeugt sein, dass ein Angriff mit zu hohen Kosten verbunden wäre. Dafür sei entscheidend, sich in die Perspektive des Gegners hineinzuversetzen und zu verstehen, was ihn tatsächlich abschreckt. Gleichzeitig stehe insbesondere die nukleare Abschreckung in einem moralischen Spannungsverhältnis. Aus Sicht der katholischen Kirche werde sie grundsätzlich abgelehnt, faktisch jedoch angesichts der bestehenden globalen Sicherheitslage toleriert. Ziel müsse es langfristig sein, durch Diplomatie und internationale Abrüstungsabkommen solche Instrumente überflüssig zu machen. Allerdings warnt Frühbauer davor, vorschnell über Alternativen zur Abschreckung zu sprechen, wenn dies deren gegenwärtige Wirksamkeit untergraben könnte.

Die Wirksamkeit von Diplomatie und ihre Grenzen

Anhand historischer Beispiele zeigte Christoph Heusgen die Wirksamkeit von Diplomatie: Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach mehreren Kriegen, maßgeblich vorangetrieben von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, sowie die Entstehung der Europäischen Union hätten eine beispiellose Friedensperiode in Europa ermöglicht. Auch die friedliche Lösung des Konflikts zwischen Serbien und Montenegro Anfang der 2000er Jahre belege den Erfolg diplomatischer Strategien, erklärte der frühere Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz und außenpolitische Berater Angela Merkels. Rückblickend benannte Heusgen mehrere Fehler des Westens: die zu große Abhängigkeit von russischer Energie, unzureichende Investitionen in die Verteidigung sowie die Unterschätzung russischer Ambitionen. Trotz des Scheiterns diplomatischer Lösungen bleibt für ihn entscheidend, weiterhin auf Diplomatie zu setzen und aus vergangenen Fehlern zu lernen, um zukünftige Konflikte besser zu verhindern.

Gleichzeitig unterstrich Heusgen die weiterhin zentrale Bedeutung der NATO als Sicherheitsbündnis. Dennoch müsse Europa innerhalb dieses Rahmens stärker eigenständig handlungsfähig werden. Ziel müsse es sein, im Notfall die eigene Sicherheit auch ohne umfassende Unterstützung der USA gewährleisten zu können. Die dafür notwendigen militärischen und strategischen Fähigkeiten seien derzeit jedoch noch nicht vollständig vorhanden.

Für ein gemeinsames Grundverständnis der aktuellen Bedrohungslage in der Bevölkerung

Prof. Dr. Ursula Münch hob hervor, dass eine zentrale Herausforderung darin liege, in der Bevölkerung zumindest ein gemeinsames Grundverständnis der aktuellen Bedrohungslage zu erreichen – auch wenn es unterschiedliche Meinungen zu Ursachen und Lösungen gibt. Dieses gemeinsame Realitätsverständnis fehle jedoch zunehmend. Ein wesentlicher Grund dafür sei das veränderte Informationsverhalten: Die Gesellschaft zerfalle in unterschiedliche „Teilöffentlichkeiten“, in denen Menschen jeweils eigene Wahrnehmungen und Deutungen entwickeln und sich teilweise vollständig von anderen Sichtweisen abkoppeln. Dies erschwere den gesellschaftlichen Zusammenhalt erheblich. Besonders verunsicherte Menschen, die neben sicherheitspolitischen Sorgen auch wirtschaftliche Zukunftsängste haben, neigten dazu, ihre Unzufriedenheit pauschal gegen etablierte politische Kräfte zu richten. Dabei würden oft alternative politische Angebote unterstützt, ohne deren tatsächliche Lösungsfähigkeit oder Vereinbarkeit mit grundlegenden demokratischen Werten – etwa denen des Grundgesetzes – kritisch zu prüfen. Als zentrale Aufgabe beschreibt Münch daher den Aufbau von Brücken zwischen diesen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen.

Quellen der Hoffnung

Was macht den vier Teilnehmenden des Podiums Hoffnung? Für Carsten Breuer ist es die Fähigkeit, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen – vorausgesetzt, dies geschieht schnell und konsequent genug. Christoph Heusgen hob besonders den Einsatz junger Menschen hervor. Trotz häufiger Klischees erlebe er eine engagierte, idealistische Generation, die sich für internationale Zusammenarbeit, Europa und politische Prozesse interessiert. Auch Johannes Frühbauer sieht in der jungen Generation großes Potenzial. Er betonte die heute vorhandenen Freiheitsräume und Möglichkeiten: Reisen, Bildung und internationale Begegnungen eröffneten Chancen, die aktiv genutzt werden können. Trotz bestehender Krisen biete sich jungen Menschen ein gestaltbarer Zukunftsraum, der Mut und Engagement erfordert. Für Ursula Münch entstehe Hoffnung auch durch den Blick zurück. Während oft nur zukünftige Probleme im Fokus stehen, werde zu selten wahrgenommen, welche Fortschritte bereits erreicht wurden. Dieser „Blick in den Rückspiegel“ könne helfen, Zuversicht zu entwickeln und kommende Herausforderungen mit mehr Vertrauen anzugehen.

Sehen Sie hier die Aufzeichnung des Podiums.