| Newsletter Mai 2025

Ezidentum in Deutschland

Veranstaltung von Akademie, Stiftung Weltethos und der Ezidischen Sonne

Von Christian Ströbele und Daniel Meier

Die Veranstaltung zum Ezidentum in Deutschland, durchgeführt in Kooperation zwischen der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Stiftung Weltethos und dem Verein Ezidische Sonne Stuttgart, widmete sich einer kleinen, friedfertigen Religionsgemeinschaft, die sehr viel Leid erfahren hat: So war der Genozid in den Jahren 2014 bereits der 74. Völkermord in ihrer tausendjährigen Geschichte. „Heute ist unsere Religion vom Aussterben bedroht, da wir in den ursprünglichen Siedlungsgebieten nicht sicher leben können, berichtete Maher Abdu vom Verein „Ezidische Sonne Stuttgart e.V.“ über die existenzielle Bedrohung seiner Religionsgemeinschaft. Die Siedlungsgebiete der Eziden sind zu 80% zerstört, viele ehemalige IS-Kämpfer sind zurückgekehrt. Dies führt zu massiver Abwanderung.

Der Vorwurf der „Teufelsanbetung“

Im Eröffnungsvortrags klärte Sefik Tagay (Professor für Psychologie, TH Köln, und im Vorstand der Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen) über weit verbreitete Vorurteile auf.

Noch im Jahre 2010 wurde die Teilnahme der Eziden bei einem Friedensfest in Hameln von zwei türkisch-islamischen Gemeinden abgelehnt, weil Eziden angeblich „Anbeter des Bösen“ seien. Nichts könnte falscher sein: Der im Ezidentum verehrte Pfauenengel „Taus Melek ist nicht das Böse und auch kein in Ungnade gefallener Engel. Er ist vielmehr der Mittler auf der Erde, der Gottes Plan und Werk ausführt“, klärte Tagay auf. „Nach ezidischem Verständnis gibt es nicht mal die Existenz des Bösen. Denn es macht keinen Sinn, dass man das Böse gegen das Gute, die Schöpfungskraft stellt. Dann würde man ja die Legitimation der Schöpfungskraft in Frage stellen.“

Auch wenn immer wieder von den „Jesiden“ die Rede ist – die Religionsgemeinschaft verzichtet in der Selbstbeschreibung eher auf das „J“ und nennt sich nur „Eziden“. Das hilft, sich von falschen Zuschreibungen abzugrenzen: Die Eziden sind nämlich keine Anhänger des Kalifen Yezid oder Yazid, der im Nahen Osten um das Jahr 680 zur Zeit der Umayyaden herrschte und in der islamischen Welt negativ gesehen wird.

Anders als bei den großen Buchreligionen gibt es im Ezidentum keine kanonische heilige Schrift. Die mündliche Tradition spiegelt sich auch in den Gebeten wider. Tagay zitierte den kurdischen Schriftsteller Yaşar Kemal: „Ihre Gebete sind nicht wie unsere einstudiert. Jeder stellt sich vor die Sonne und erzählt ihr das, was in diesem Augenblick sein Herz spricht. Vielleicht sind dies die schönsten Gebete, die die Menschheit je hervorgebracht hat. Eine Besonderheit ist das seit etwa 800 Jahren bestehende Kastensystem mit drei Gruppen: Murids (88%, Laien), Pirs (5%, Priesterkaste) und Scheichs (7%). In der Diasporasituation, unter neuen sozialen Kontextbedingungen, wird dieses System ebenso wie das Gebot der Heirat nur innerhalb der Kaste und des Ezidentums, vielfach in Frage gestellt.

Verfolgung, Trauma und Menschenrechte

Jan Ilhan Kizilhan (Professor für Soziale Arbeit und Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung, Stuttgart) beleuchtete die historische Dimension der Verfolgung. Religiöse Fatwas hätten seit dem 18. Jahrhundert immer wieder die Versklavung und Ermordung der als „ungläubig“ bezeichneten Eziden legitimiert. Nach der physischen Vernichtung 2014 durch den IS folgte der Identitätsverlust in Flüchtlingscamps, in denen fast 300.000 Eziden seit zehn Jahren unter prekären Bedingungen leben. Besonders alarmierend sei die steigende Zahl der Suizide seit 2021.

Neben Kizilhan berichtete Dr. Michael Blume (Beauftragter der Landesregierung Baden-Württembergs gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben) von der Rettungsaktion 2015, als Baden-Württemberg ein Sonderkontingent von 1.100 besonders schutzbedürftige Ezidinnen auflegte. Beide Experten berichteten von schwierigen Entscheidungen: „Nimmst du jetzt eine Frau auf, die zwei Kinder verloren hat, oder eine, die ein Kind verloren hat, aber die dabei zusehen musste?“, beschrieb Blume die quälenden Abwägungen.

Ein Wendepunkt für viele traumatisierte Frauen sei der Besuch im ezidischen Heiligtum Lalish gewesen, wo der religiöse Führer Baba Scheich jede Frau segnete. Eine 13-jährige, die nach den Traumata verstummt war, habe nach dieser Segnung wieder zu sprechen begonnen, berichtete Blume sichtlich bewegt. Nach dem Genozid 2014 habe ein beachtlicher Paradigmenwechsel stattgefunden: „Heute sind nicht irgendwelche Männer die Stimme der Eziden. Es sind die Frauen“, betonte Kizilhan.

Dr. Blume kritisierte scharf die Diskrepanz zwischen der Anerkennung des Völkermords durch den Bundestag und dem fehlenden dauerhaften Schutz für Eziden in Deutschland. Er habe es deswegen mehrfach abgelehnt, das Bundesverdienstkreuz anzunehmen.

Bildungserfolge und Strukturaufbau

Ilyas Yanc vom Landesverband der Eziden in Niedersachsen betonte die Bildungserfolge: „Die Eziden haben ganz schnell für sich die Bildungswege hier in Deutschland erkannt.“ Dieser Bildungsaufstieg sei bereits in der zweiten Generation erfolgt - „was normalerweise bei Migrantengruppen erst in der dritten, vierten Generation möglich war“. Nach Schätzung von Prof. Kizilhan studieren heute „zwischen 8000 und 10.000 Ezidinnen an deutschen Universitäten“ – das sei besonders beachtlich, wenn man bedenkt, dass in der ersten Generation „bei den Frauen fast 90% Analphabeten, bei den Männern 60% Analphabeten“ waren.

Yildiz Deniz, Koordinatorin für Teilhabe und Antidiskriminierung bei der Hansestadt Lüneburg, erklärte diesen Bildungserfolg: „Minderheiten haben eine größere Affinität zu Bildung. Das hat damit zu tun, dass Bildung hier für den Einzelnen individuell auch Wertschätzung bedeutet, Anerkennung seiner eigenen Identität.“

Ein wichtiger Aspekt der Beheimatung war der Aufbau eigener Strukturen: „Ende der 90er Jahre haben die Eziden schnell angefangen, in Deutschland Gemeindehäuser zu errichten, wo sie Trauerfeiern halten konnten, Versammlungen abhalten, Feiertage zelebrieren, ihre Sprache pflegen und künstlerisch-kreative Angebote machen konnten.“

Zwischen Anpassung und Identitätsbewahrung

Eine zentrale Herausforderung ist die Balance zwischen Anpassung und Identitätsbewahrung. Prof. Kizilhan beobachtete einen paradoxen Effekt: „Nach dem Genozid 2014 erlebe ich eher einen gewissen Rückschritt, was die Errungenschaften der ersten und zweiten Generation der Eziden aus Armenien und der Türkei betrifft.“ Die neu angekommenen Eziden seien „eher noch konservativ und versuchen zu verteidigen und zu schützen, weil Diaspora einfach sehr konservativ macht - die Angst, Dinge zu verlieren, die sie mitgebracht haben.“

Eine der drängendsten Fragen ist die nach notwendigen Reformen - etwa bei den Heiratsregeln. Yanc sieht die Zukunft des Ezidentums klar in Deutschland: „Der religiöse Rat der Eziden im Irak geht kaum über die Region hinaus“ und wisse nicht genau, „was in 50, 60 Jahren die Eziden in Deutschland auf den Weg gebracht haben.“ Er plädierte für die Ausbildung eigener theologischer Strukturen in Deutschland: „Es ist schon wichtig, Theologen aus den Reihen der Eziden in Deutschland auszubilden, nicht aus dem Irak, sondern die hier in Deutschland aufwachsen und auch als Seelsorger und Mediatoren fungieren.“ Kizilhan betonte die Notwendigkeit, dennoch mit den traditionellen Autoritäten im Gespräch zu bleiben.

Ein heikles Thema sind die endogamen Heiratsregeln. Auf die Frage, ob eine ezidische Frau, die einen Nicht-Eziden heiratet, von der Familie verstoßen wird, antwortete Kizilhan differenziert: Es gebe Familien, die damit leben können, andere „akzeptieren es, um ihre Kinder nicht zu verlieren und einige wenige sind auch bereit, Gewalt gegen diese Kinder anzuwenden.“

Frauen zwischen Trauma und Selbstermächtigung

Die 21-jährige Jihan Alomar, die selbst zehn Monate in IS-Gefangenschaft war, hat ihre Erlebnisse in einem Buch mit dem Titel „Dankbarkeit“ verarbeitet. „Ich weiß, dass mein Papa sehr stolz Ezide war und er niemals sagen könnte, dass er zum Islam konvertiert, damit er am Leben bleibt. Und das ist auch einer der Gründe, warum ich so stolz auf meine Religion bin.“ Ein zentrales Thema war die veränderte Rolle der Frauen. Alomar berichtete: „Im Irak ist es so, dass der Mann für die Familie sorgt. Aber hier in Deutschland ist es natürlich anders. Vor allem hat es sich geändert seit dem Genozid an den Ezidinnen. Seit 2014 sind immer mehr Frauen in die Öffentlichkeit gegangen.“

Esther Saoub, Journalistin beim SWR, beobachtete bei vielen Frauen eine zunehmende Selbstermächtigung: „Dieses Selbstbewusstsein ist immer stärker geworden und einige haben gesagt, wenn wir im Irak geblieben wären, hätten wir vielleicht unsere Stimme nicht so laut erhoben wie in Deutschland.“

Zemfira Dlovani, stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Eziden, betonte die Notwendigkeit, über die „Opferrolle“ hinauszuwachsen: „Wir sind ja nicht nur ein Opfervolk, sondern wir haben Widerstand geleistet. Wir haben sehr viel geschafft, wir haben starke Frauen, die in die Öffentlichkeit gehen.“

Lokale Vereinsarbeit als kulturelle Brücke

Maher Abdu stellte exemplarisch den Verein „Ezidische Sonne Stuttgart“ vor, der 2018 gegründet wurde und etwa 60 offizielle Mitglieder zählt. Bei Festen kommen oft bis zu 1.000 Personen zusammen. Die Arbeit ist vielfältig: Der Verein unterstützt Eziden im Irak durch die Finanzierung eines Schulbusses, Schulmaterial und Heizungen. In Deutschland hilft er bei Bewerbungen, bietet Übersetzungshilfe und unterstützt bei Abschiebungsfällen. Als wünschenswert nannte Abdu eine stärkere landesweite Vernetzung.

Identitätsfragen und Antidiskriminierung

Auf die Frage, ob Eziden auch Kurden seien, verdeutlichte Abdu die Komplexität dieser Identitätsfrage: „Wir haben Eziden, die sagen, wir sind auch ethnisch Eziden und keine Kurden. Und dann gibt es wieder welche wie mich, die sagen, ich bin ethnisch kurdisch, von meiner Religionszugehörigkeit bin ich Ezide.“ Dies unterscheide sich vor allem nach Herkunftskontext, wobei sich Eziden aus Shingal eher nicht als Kurden sähen, wohl auch, nachdem sie Gewalt von anderen Kurden erfahren haben.

Im Panel wurden auch Diskriminierungserfahrungen und noch mangelnde Kenntnisse auch bei möglichen Ansprechpersonen thematisiert. So berichtete eine Teilnehmerin von einer ezidischen Familie, deren Kinder in der Schule auf Lehrkräfte trafen, die kaum etwas über das Ezidentum wussten, und „selbst der Integrationsbeauftragte wusste nicht, dass für Eziden das Schweinefleischverbot überhaupt nicht gilt.“ Abdu führte Diskriminierungen auch auf fehlende Distanzierung vom Völkermord zurück: „Was wir als selbstverständlich einen Völkermord ansehen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das wird in den Herkunftsländern der Eziden leider so nicht gesehen.“

Gemeinsame Gestaltung der Gesellschaft

Die Tagung, die von der Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg und über die AKSB mit Mitteln der Bundeszentrale für Politische Bildung gefördert wurde, hielt nicht nur mehrfach Widersprüche fest wie den Widerspruch zwischen politischer Anerkennung des Genozids an den Eziden und den gleichzeitigen Abschiebungen in Gebiete dieses fortdauernden Genozids. Sie hielt auch fest, dass die Sichtbarmachung und Anerkennung des Ezidentums, die Arbeit gegen Diskriminierung und die Mitgestaltung einer vielfältigen Gesellschaft wichtige Zukunftsaufgaben sind.

Dabei kämpt die ezidische Gemeinschaft in Deutschland nicht nur um Überleben und Anerkennung, sondern bringt sich vielerorts aktiv ein. So betonte Yanc: „Wir verstehen uns nicht als Opfer, sondern als gestaltender Akteur und wollen durch unsere Arbeit zum vielfältigen Bundesland Niedersachsen beitragen.“ Und Prof. Tagay formulierte als Zukunftsperspektive: „Was dieses Ezidentum besonders kennzeichnet: Es ist hoch adaptiv. In allen Zeiten waren sie adaptationsfähig. Das ist eine Besonderheit und eine Stärke.“

Sehen Sie hier den einführenden Vortrag von Prof. Dr. Sefik Tagay.

Sehen Sie hier in der Playlist Interviews mit den Referierenden und die Vorträge. 

Hören Sie hier einen Beitrag vom Deutschlandfunk.

Lesen und hören Sie hier einen Beitrag von Radio Vatikan.

Lesen und hören Sie hier einen weiteren Beitrag von Radio Vatikan