Von Daniel Meier
Mit einer Zahl von mittlerweile 4,7 Millionen bilden sie die größte Gruppe an Zugewanderten in Deutschland: Die Menschen aus der früheren Sowjetunion. Begonnen hatte der Zuzug in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre mit den so genannten Russlanddeutschen, ebbte dann ab und stieg mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und der daraus resultierenden Zuwanderung überwiegend ukrainischer Frauen und Kinder wieder stark an. Doch was verbindet die Menschen aus den einstigen Teilrepubliken zwischen Moldawien und Armenien innerhalb Deutschlands? Was hat sich durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verändert? Und nicht zuletzt: Wie ist das Zusammenleben zwischen den Generationen ehemaliger Sowjetbürger:innen und ihren Nachfahren?
Ein gemeinsames Projekt der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg, der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und des Ukrainischen Ateliers für Kultur und Sport hat es sich zum Ziel gesetzt, Raum zu schaffen für den Dialog und die Verständigung, für Exil- und Diasporagruppen. Ein erster Workshop im Herbst 2024 brachte 30 ausgewählte, in Vereinen Engagierte, mit Migrationsbiografien aus Armenien, Belarus, Georgien, Kasachstan, Lettland, Russland und der Ukraine zusammen. „Zunächst war es ein vorsichtiges Herantasten an die Frage, ob und wie ein Dialog überhaupt möglich ist“ erinnern sich Tengiz Dalalishvili von der Landeszentrale und Konstanze Jüngling von der Akademie seitens der Leitung. Ein nicht unerhebliche Common Sense war, dass es sich allesamt um unabhängige Staaten handelt: „Natürlich gibt es eine gemeinsame Geschichte, es gibt aber auch unterschiedlichen Blicke auf die Gegenwart und die nationale Zukunft des jeweiligen Landes“, erklärt Afina Albrecht vom Ukrainischen Atelier für Kultur und Sport“, zugleich Stuttgarter Stadtratsmitglied und Dritte im Leitungsteam.
Vom orthodoxen Religionsunterricht zum Podcast für Frauen mit Fluchterfahrung
Nun fand das zweite Treffen in Bad Urach statt. Das Spektrum der Teilnehmenden hatte sich noch einmal ausdifferenziert und reichte von der russisch-stämmigen Lehrerin aus Litauen, die in Baden-Württemberg orthodoxen Religionsunterricht erteilt über die Belarussin, die einen Podcast speziell mit und für Frauen mit Fluchterfahrung anbietet und die ukrainischen TV-Journalistin, die in Stuttgart eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht, bis zur Aussiedlerin aus Kasachstan und zur Georgierin, die sich im Bereich der Flüchtlingshilfe für die Caritas engagieren. Fast alles Frauen, fast alle gesellschaftlich sehr aktiv. Sebastian Altemüller, Referatsleiter im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes Baden-Württemberg schätzt dieses Engagement als herausragend ein und äußerte in Bad Urach zugleich den Wunsch: „Es wäre schön, wenn noch mehr Frauen sagen: ‚Ich bin jetzt in diesem Land, will mich engagieren und dabei auch politisch etwas bewegen.“
Auch das oft ehrenamtlich ausgeübte Engagement vieler Deutscher in Vereinen fand bei allen Teilnehmenden eine große Wertschätzung. Das sei in ihrer Heimat eher fremd, berichteten sie übereinstimmend – wobei freilich die zeitlichen Ressourcen auch geringer ausfallen, wenn zum Beispiel eine Lehrkraft in Kyjiw aufgrund der relativ geringen Vergütung noch Nachhilfestunden geben muss, um ihre Familie über Wasser halten zu können. Dankbar zeigten sich die Ukrainerinnen über die finanzielle Unterstützung durch in Deutschland. Und zugleich wird es geschätzt, dass Aufstiegsmöglichkeiten auch ohne eine reiche Familie im Hintergrund möglich sind – „ich kann in Deutschland auch ohne viel Geld etwas erreichen; entscheidend ist, was ich kann und was in meinem Kopf ist“, meint zum Beispiel Afina Albrecht.
Von den Mühen der Identitätsfindung in der Fremde
Und die schwierigen Erfahrungen? Natürlich die Bürokratie samt ihrer teils schwer verständlichen Formulare, die zunächst oft vorherrschende Unwissenheit bezüglich dessen, „was es alles für Möglichkeiten gibt“ oder die Relativierung der Diktatur und des Krieges Wladimir Putins aus manchen rechten wie linken Kreisen. Schwierigkeiten bereiteten nicht zuletzt die große Informationsvielfalt und die Frage der individuellen „Medienzugehörigkeit‘“: Von woher schöpfe ich meine Nachrichten? Was ist für mich wahr oder nicht? Wem vertraue ich? Mühsam sei aber vor allem die Mühsal mit der eigenen Identitätsfindung in der Fremde. Zudem haben manche bereits im Heimatland eine schwere Identitätskrise durchgemacht. „Das, was mir die Lehrer gesagt haben, stimmte auf einmal nicht mehr“, erinnert sich eine Ukrainerin. „Und mir ist klar geworden: Meine Identität, die wurde mir aufgezwungen“.
Als hilfreich empfanden viele Teilnehmende das Modell einer „hybriden Identität“, wie es Caren Moirongo von der Bürgerstiftung Stuttgart vorstellte. „Je älter ich bin, desto stärker sehe ich die Vorteile darin, kann ich doch eine gute Brückenfunktion zwischen zwei Nationen einnehmen“, bekundete eine Teilnehmerin – und sie „verrate“ auch nicht mehr ihre ukrainische oder russische Heimat, wenn sie Deutsch spreche. In der Tat erinnern sich Manche an ein selbstauferlegtes Verschweigen der eigenen Sprache und eine Wiederentdeckung erst nach mehreren Jahren im Rahmen einer „Nostalgie-Welle“. Im Podcast „Auf zwei Stühlen“ mit Anna Bakinovskaia beschreibt es Afina Albrecht so: „Integration bedeutet für mich, wenn ich mich als Afina und als Teil der Gesellschaft fühle, und ich muss beide Seiten meiner hybriden Identität pflegen um nicht in einer Bubble zu verharren“.
Emotionale Diskussionen
Erwartungsgemäß brachte die Einschätzung des russische Angriffskrieges gegen die Ukraine die stärksten Emotionen hervor – nicht nur unter den Teilnehmenden. So zeichnete der Tübinger Historiker Klaus Gestwa mit scharfen Worten ein abstoßendes Bild des militarisierten Russlands, seiner hybriden Kriegsführung mittels digitaler Medien und sparte nicht mit deutlicher Kritik auch an den deutschen „Russlandverstehern“ im links- und rechtspopulistischen Spektrum. Das führte zu Diskussionsbedarf unter einzelnen Teilnehmerinnen, die heute noch regelmäßig vor Ort in Russland sind, die ihre eigenen Erfahrungen etwas anders schilderten.
Da tat es gut, beim ausgedehnten Spaziergang in der Mittagspause das Gehörte noch einmal in kleineren Runden besprechen zu können. Ausschnitte: „Ich habe einfach so eine ungeheure Wut auf Russland“ – „Aber deshalb muss doch nicht alles Russische in der Ukraine gelöscht werden: Warum soll es plötzlich keine Puschkin-Straße mehr geben?“ – „Ich weigere mich, das andere Land zu hassen“ – „Heute wissen wir, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine jahrelang geplant hat, aber bis zum Vortrag des Angriffes konnten wir es uns nicht vorstellen“ – „Ja, vielleicht war der Westen unsensibel gegenüber dem russischen Selbstverständnis als einstiger Großmacht – aber das rechtfertig doch nicht diesen furchtbaren Angriffskrieg“ - „Es ist halt nicht so einfach, Widerstand zu leisten“ - „Vermutlich hätte ich es zur Nazi-Zeit auch nicht gemacht“ – „Und ich wäre auch genervt, wenn ich im Ausland ständig mit den Verbrechen des NS-Regimes konfrontiert würde.“
Was heißt „Geschichte aufarbeiten"?
Interessant waren wie oft die Details beim Blick auch auf die russische Gegenwart: So hat mittlerweile jede sechste Lehrkraft an Russlands Schulen ihren Dienst aufgegeben, was dahingehend gelesen werden könnte, dass sie den Auftrag zur ideologischen Bildung und Erziehung verweigerten. Und der unterschiedliche Blick auf die Gegenwart prägt natürlich den individuellen Zugang zur Vergangenheit des jeweiligen Herkunftslandes. Und was heißt eigentlich „Geschichte aufarbeiten“ im Zeitaltert von „Goodbye Lenin“? Der Georgier Lasha Bakradze vom „Sovjet Past Research Labaratory“ in Tbilisi gab einen spannenden Einblick in die Arbeit seines Instituts, das sich – ähnlich wie „Memorial“ in Russland – vor allem den Verbrechen der Stalinzeit widmet. Wurde „Memorial“ mittlerweile verboten, wird auch das georgische Institut seitens Russlands als „extremistisch“ bzw. „terroristisch“ eingestuft und auch die derzeitige russlandfreundliche Regierung des „Georgischen Traums“ (Bakradze: „Georgischer Albtraum“‘) beäugt es äußerst misstrauisch.
Und die Kirche? Die wurde im Zufluchtsland Deutschland häufig als unterstützend wahrgenommen. Zum Beispiel als Vermittlerin von Räumlichkeiten für das ehrenamtliche Engagement. Und auch der persönliche Glaube kommt im Einzelgespräch zur Sprache. „Meine Eltern haben sich und mich gemeinsam taufen lassen und ich musste regelmäßig mit in die Kirche“, erinnert sich eine Ukrainerin. Das habe bei ihr eine gewisse Abwehrhaltung auch zum Glauben bewirkt. Zwar würde sie sich als nicht-religiös bezeichnen, aber sie sei sehr dankbar für ein erfülltes Leben trotz aller Schwierigkeiten – „und man versteht ja oft erst rückschauend, wie einem der Weg geebnet wurde“.










