| Newsletter März 2026

Ein gemeinsamer Dialog über Geschlechtergerechtigkeit

Über soziale Ungleichheiten, tradierte Rollenbilder und die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit

Von Thomas König

Geschlechtergerechtigkeit bleibt eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Soziale Ungleichheiten, tradierte Rollenbilder und die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit prägen den Alltag vieler Menschen – und erschweren die freie Entfaltung aller Geschlechter. Umso wichtiger war es, gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen und konkrete Schritte in Richtung Gleichstellung ins Auge zu fassen.

„Das ist eine historische Veranstaltung“ so einer der 54 Teilnehmenden am Fachtag „Geschlechtergerechtigkeit gemeinsam gestalten – Strategien für eine Zukunft im Dialog“ am 9. Februar im Sitzungssaal des Rathauses in Stuttgart. Denn erstmalig seit über Gleichstellung und Chancengleichheit der Geschlechter debattiert wird, war es eine Initiative von Männern aus Baden-Württemberg, die zu dieser Fachveranstaltung führte, wie auch Heike Fiestas Cueto, Vorstandmitglied im Landesfrauenrat, in ihrem Statement anmerkte. Tatsächlich waren unter den Teilnehmenden mehr Frauen als Männer, auch vier Stadträtinnen aus Stuttgart nahmen teil. Simon Hameister von der Abteilung für Chancengleichheit der Stadt Stuttgart moderierte die Veranstaltung und führte durch den Tag.

Beatrice Olgun-Lichtenberg, stellvertretende Abteilungsleiterin des Amts für Chancengleichheit und der Koordinierungsstelle LSBTIQ+ der Stadt Stuttgart freute sich in ihrem Grußwort über die Möglichkeit mit diesem Fachtag Dialogräume zu öffnen. Ziel sei es, die Geschlechtergerechtigkeit nicht nur zu verhandeln, sondern sie auch lebbar zu machen. Sie betonte die Wertigkeit Jungen und Männer als Akteure für Gleichstellung und Chancengerechtigkeit zu gewinnen und dankte den Kooperationspartner:innen, dass sie diese Absicht in den Fokus nehmen. Neben männer-bw., dem Forum für Männer und Väter in Baden-Württemberg, waren dies die Stadt Stuttgart – Abteilung für Chancengleichheit, die Landeszentrale für politische Bildung und der Volkshochschulverband Baden-Württemberg. Die Akademie der Diözese war als Teil von männer-bw dabei und der Landesfrauenrat beteiligte sich ebenfalls.

Was ist mein Job als Mann?

„Geschlechtergerechtigkeit: Was ist mein Job als Mann?“, so der Titel des Vortrags von Thomas Altgeld, Vorsitzender des Bundesforums Männer, dem Interessenverband für Jungen, Männer und Väter. Er machte deutlich, dass zwar 86% der Männer deutliche Gleichstellungsdefizite sähen, gab allerdings auch zu bedenken, dass die Vielfalt unter den Männern groß sein und Unterschiede in den Einstellungen zwischen Männern manchmal größer seien als die zum anderen Geschlecht. Andererseits profitieren Männer in Geschlechterfragen weiterhin vom status quo, so dass hier wenig Veränderungswille zu erwarten sei. Letztendlich ginge es im Verhältnis der Geschlechter immer auch um Machtfragen und die ‚Männerproblemzonen‘ seien bekannt: die Carearbeit für die Kinder, die unterschiedlichen Teilzeitquoten, die vielen Formen häuslicher Gewalt und nicht zuletzt die Kosten, die manches männliches Verhalten für die Gesellschaft bedeuten.

Und doch bestünden hoffungsvolle Möglichkeiten, Männer als Verbündete und Akteure mit eigenen Gleichstellungsthemen zu sehen, denn Männer hätten durch das Thema viel zu gewinnen, etwa mehr Kontakt zu sich selbst und anderen. Der männerpädagogische Dreiklang nach Markus Theunert „Öffnen – begrenzen – unterstützen“ wäre dafür individuell und politisch hilfreich. Thomas Altgeld äußerte als Wünsche an die Gesellschaft mehr in Bildung zu investieren. Gerade das dreigliedrige Schulsystem sei nicht mehr zeitgemäß, auch wegen der negativen Folgen für die Jungen. Geschlechtergerechtigkeit hieße alle für dieses Ziel zu gewinnen. Männer sollten nicht Zuschauer oder Gegner sein, sondern Mitgestalter. Denn Gleichstellungsfragen seien immer auch Demokratiefragen.

Kümmern und Kämpfen

„Geschlechtergerechtigkeit: Kümmern und Kämpfen“, so hatte die, Journalistin und Autorin Anne Waak aus Berlin Ihren Vortrag benannt. Sie schloss Ihre Ausführungen an diejenigen von Thomas Altgeld an und wählte einen weniger strukturellen und mehr persönlichen Zugang zum Thema. Sie machte deutlich, dass die Übernahme von Care-Arbeit v.a. durch Frauen die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft spiegelte. Auch im Finanziellen: die Motherhood-Lifetime-Penalty beliefe sich immerhin auf 450.000 bis 470.000 Euro, das ist die Summe, die eine Mutter im Leben weniger verdiene als Männer. So hätten Väter oft die Möglichkeit sich der Verantwortung für Kinder zu entziehen, das Mutterideal ließe ein solches Gebaren hingegen nicht zu. „Wenn eine Ehe mit Kindern in die Brüche geht, stellt das fast immer die Frau schlechter. Ihr durchschnittliches Einkommen sinkt für meist etwa fünf Jahre um 40 Prozent“, zitierte sie aus Ihrem Buch „Wir nennen es Familie“.

Selbstständige seien hier häufig noch schlechter gestellt als abhängig Beschäftigte. Mutterschutzgesetz und das Familienpflege- und Pflegezeitgesetz gälten nicht für selbstständig Erwerbstätige und auch der Anspruch auf Elterngeld sei schwierig. So zahlten etwa gesetzlich Versicherte während des Bezugs von Elterngeld die vollen Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung. Die Unterhaltvorschüsse, die das Sozialamt für säumige Unterhaltspflichtige Väter pro Jahr aufwenden müsse, beliefen sich auf 3,2 Milliarden Euro. Dabei hätten Männer die Möglichkeiten durch eine solidarische Beziehungspraxis viel zur Geschlechtergerechtigkeit beizutragen: Für Care-Arbeit in Teilzeit arbeiten (aktuell würden mehr als 90% aller Väter in Vollzeit arbeiten), die Kinder zu Feministinnen erziehen, die auch Gefühle zulassen, Männerfreundschaften und Männermacht zum Guten nutzen. Waak appellierte, Männer müssten Männer auffordern ihre Privilegien so zu nutzen, dass sie allen zugutekämen.

Vom Mutterschaftsideal zum Vaterschaftsideal

Die Argumentationskette wurde im Dialog zwischen Thomas Altgeld und Anne Waak fortgesetzt: Warum nicht ein ganzes Jahr der Lebensarbeitszeit der Männer für Frau und Kind geben? Es könnte zu einem Vaterschaftsideal beitragen, das es bisher im Gegensatz zum Mutterschaftsideal nicht gäbe. Doch mit jedem Vater, der seiner Rollenverantwortung gerecht würde, wachse die Hoffnung im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit in der Care-Arbeit. Über diese individuellen Ansätze hinaus bräuchte es gleichermaßen strukturelle Veränderungen. Je mehr Männer in bestimmten Berufen arbeiten würden, desto höher fiele das durchschnittliche Gehalt dort aus. Auch dies wäre eine Chance für typische Care-Berufe. Das Verhältnis von Kapitalismus und Patriachat sei hier noch einmal neu zu diskutieren. Und was hätten Männer nun davon sich für Feminismus zu engagieren, verletzlich anstatt stark zu sein? Ein schöneres und längeres Leben!

Am Nachmittag gab es Statements zunächst von Heike Fiestas Cueto, Mitglied im Vorstand des Landesfrauenrates Baden-Württemberg. „Gleichberechtigung ist keine Frauensache, sondern geht uns alle an“, zitierte sie Rita Süssmuth. Denn das Ziel sei es ja, dass alle die gleichen Rechte, die gleichen Chancen und die gleiche Wertschätzung erhielten. Doch wie Verhalten verändern und wie Strukturen verändern? Das ginge nur durch Gesetze, die in Parlamenten beschlossen würden und da zeige es sich, wie wichtig eine paritätische Besetzung durch alle Geschlechter dortselbst sei. Das Kooperationsprojekt „Wie ein gemeinsam geht“ u.a. zusammen mit männer-bw mache Hoffnung auf eine Zukunft im Dialog. Die Kampagne, die auch auf social media stattfinden soll, arbeitete am Bewusstsein der Menschen, es ginge jedoch vor allem auch darum ins Tun zu kommen.

Männergewaltschutz, Vaterschaftsfreistellung und Männergesundheitsförderung

Gunter Neubauer, zweiter Vorsitzender von männer.bw, erläuterte wie sich der Verband für Männer und Väter in Baden-Württemberg für eine gleichstellungsorientierte Männer- und Väterpolitik einsetzt. Es gehe unter anderem darum, Gender-Care-Gap und Erwerbsarbeits-Gap zu vermindern, denn in der Praxis bedeute dieser etwa 300 Arbeitswochen weniger für Männer. Anlässlich der kommenden Landtagswahl habe männer-bw Wahlprüfsteine erarbeitet, zu Männergewaltschutz, Vaterschaftsfreistellung und Männergesundheitsförderung. Männerpolitik bewege sich dabei immer im Dreieck von Privilegien, Kosten von Männlichkeit und Vielfalt von Männlichkeit.

Im Anschluss begannen Fokusgespräche zu Teilaspekten des Tagungsthemas, die Teilnehmenden gingen zum Austausch in moderierte thematische Dialoggruppen: „Familie und Kinder“, im Hinblick auf wie Care-Arbeit rund um Kinderbetreuung verteilt wird, zu (Groß-) Elternschaft und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. - „Familie und Pflege“, zu den Themen der Sorgearbeit für pflegebedürftige Angehörige, zu förderlichen Rahmenbedingungen, sowie hinsichtlich politischer und gesellschaftlicher Anerkennung für Pflegearbeit. - „Care und Self-Care“, zum Umgang mit Mehrfachbelastungen, der Prävention von Überforderung, zu mentaler Gesundheit und wie sich Resilienz stärken lässt. - „Geschlechterrollen und Männer in der Gleichstellungsarbeit – praxisbezogen“, zur Auseinandersetzung mit tradierten Rollenbildern, zur Verantwortung von Männern für partnerschaftliche Gleichstellung und welche neuen Spielräume sich eröffnen können. - „Vielfalt von Männlichkeiten – queere Perspektiven und Solidarität in der Männer*arbeit“, zur Sichtbarkeit und Anerkennung von Vielfalt, zu Sensibilisierung und Solidarität, Schutz vor Ausgrenzung und Diskriminierung und zu inklusiver Gleichstellungspolitik. - „Gleichstellungspolitik und gesellschaftliche Strukturen – politische Forderungen“, zu Ungleichheit und Benachteiligung, den institutionellen Rahmenbedingungen und Machtverhältnissen, und welche politischen Strategien es gibt (u.a. die Gleichstellungsstrategie des Landes).

Neue Gleichstellungsstrategie für Baden-Württemberg

Daran anschließend wurde in einem Impuls die neue Gleichstellungsstrategie für Baden-Württemberg dann auch im Plenum noch einmal aufgegriffen. Die 155 Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern geben Hoffnung für ein gemeinsames Auftreten in der Gleichstellungspolitik, sind jedoch nur der Anfang eines Prozesses. Wenn auch die Veränderungsgeschwindigkeit oft derjenigen tektonischer Plattenverschiebungen auf der Erdoberfläche gleicht, wie Anne Waak es am Vormittag schon formuliert hatte.

männer-bw. hatte sich bereits frühzeitig entschlossen, sich an diesem Prozess zu beteiligen und ihn konstruktiv zu begleiten, wie Gunter Neubauer erläuterte. Neben der Benennung von Themenfeldern werde die Strategie als Einladung zur Weiterentwicklung verstanden. Ziel sei eine inhaltliche Vertiefung. Dabei ginge es insbesondere darum, Männer und Väter ausdrücklich als Akteure und Zielgruppen von Gleichstellungspolitik zu adressieren und einbeziehen, Vaterschaft, Sorgearbeit und Vereinbarkeit stärker als Schlüsselthemen gesellschaftlicher Transformation zu verankern, geschlechtersensible Ansätze in Gesundheit, Bildung und Gewaltprävention weiter auszubauen, klare Zielsetzungen und Indikatoren zu entwickeln, um Wirkungen sichtbar zu machen, und zivilgesellschaftliche Akteure – auch aus der Männer- und Väterarbeit – kontinuierlich in Umsetzung und Weiterentwicklung einzubeziehen.

Komplexität als Chance

Im Zuge der Abschlussdiskussion gab es die Aufforderung, Komplexität im Themengebiet nicht nur als Problem, sondern gleichermaßen auch als Chance für Vielfalt begreifen und Geschlechterperspektiven zusammenzuführen. Und zu fragen: Was kosten all diese Probleme und was ließe sich sparen durch Investitionen in Bildung und Prävention. Und es wurde der Appell von Seiten der Frauen an die Männer formuliert: „Euch wird anders zugehört als uns!“