| Newsletter Dezember 2026

Den Menschen neu denken: Auf dem Weg zu einer Ethik der Beziehungen

Toni Lohs Plädoyers für einen kritischen Posthumanismus, der den Menschen nicht länger ins Zentrum stellt

Von Dr. Daniel Meier

Was wäre, wenn nicht der Mensch, sondern die Beziehungen zwischen allen Lebewesen und Dingen im Mittelpunkt unseres ethischen Denkens stünden? Mit dieser Perspektivverschiebung beschäftigte sich Prof. Dr. Toni Loh bei ihrem Vortrag „Zur Ethik des kritischen Posthumanismus“ am 30. Oktober 2026 an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Hohenheim. Der öffentliche Abendvortrag fand im Rahmen der Tagung „Performativ, situiert, verflochten: Theologie im relational turn“ statt und wurde auch online übertragen.

Zu Beginn räumte Prof. Dr. Michael Schüßler, Praktischer Theologe an der Universität Tübingen und Mitveranstalter der Tagung, mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Posthumanismus bedeute nicht zwangsläufig, den Menschen durch Technik überwinden oder gar abschaffen zu wollen. Vielmehr gebe es unterschiedliche Strömungen. Während der technologische Posthumanismus auf eine technische Weiterentwicklung oder Überwindung des Menschen ziele, hinterfrage der kritische Posthumanismus das traditionelle menschliche Selbst- und Weltverständnis.

Das Menschenbild des klassischen Humanismus

Genau hier setzte Toni Loh an. Die Professorin für Angewandte Ethik, insbesondere Ethik und Transformation, an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg stellte die Frage, welches Menschenbild dem klassischen Humanismus zugrunde liegt. Ihre These: Der Humanismus erhebe zwar den Anspruch, für alle Menschen zu gelten, sei historisch jedoch eng mit patriarchalen Herrschaftsstrukturen und einem anthropozentrischen Weltbild verbunden. Tatsächlich seien bestimmte Gruppen – insbesondere weiße, heterosexuelle und gesunde Männer aus dem globalen Norden – privilegiert worden. Andere Menschen sowie nichtmenschliche Lebewesen seien dagegen abgewertet oder ausgeschlossen worden.

Der kritische Posthumanismus wolle diese Denkmuster aufbrechen. Dazu gehöre, vermeintlich selbstverständliche Gegensätze wie Mensch und Tier, Natur und Kultur oder Subjekt und Objekt zu hinterfragen. Auch Technik müsse dabei nicht als Bedrohung verstanden werden, sondern könne helfen, überkommene Kategorien zu überwinden.

Nicht einzelne Akteure, sondern ihre Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten sollten im Zentrum stehen

Im zweiten Teil ihres Vortrags wandte sich Loh der Frage zu, was eine solche Perspektive für die Ethik bedeutet. Traditionelle Ethikansätze wie die Tugendethik, die Pflichtethik oder der Utilitarismus gingen häufig von einzelnen handelnden Subjekten aus und formulierten allgemeingültige moralische Prinzipien. Der kritisch-posthumanistische Ansatz verschiebe dagegen den Blick: Nicht die einzelnen Akteure oder Gegenstände, sondern ihre Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten sollten im Zentrum stehen.

Loh bezeichnete dies als eine Ethik der Relationen. Menschen, Tiere, Pflanzen und technische Systeme seien nicht unabhängig voneinander zu verstehen, sondern entstünden und existierten in vielfältigen Verflechtungen. Daraus ergebe sich auch ein anderes Verständnis von Verantwortung und Sorge. Allerdings, so Loh, seien nicht alle Beziehungen automatisch gut. Auch gewaltvolle und diskriminierende Verhältnisse müssten kritisch beurteilt werden.

Neuer Denk- und Fragehorizont

Der Vortrag mündete damit nicht in ein fertiges ethisches Regelwerk, sondern eröffnete einen neuen Denk- und Fragehorizont. Loh machte deutlich, dass auch ihr eigener Ansatz vor Herausforderungen steht und keine Patentlösung für sämtliche ethischen Probleme bietet. Sie arbeitet derzeit an zwei Publikationen, die sowohl die theoretischen Grundlagen als auch die praktischen Konsequenzen einer kritisch-posthumanistischen Ethik entfalten sollen.

Die anschließende Diskussion zeigte, wie sehr die vorgestellten Überlegungen auch theologische Fragen berühren: Wie lässt sich Verantwortung denken, wenn der Mensch nicht mehr als alleiniger Mittelpunkt gilt? Und wie kann ein gutes Zusammenleben gestaltet werden, das die Verflechtungen mit der gesamten Mitwelt ernst nimmt? Damit setzte der Abend einen anregenden Impuls für eine Theologie, die den Menschen konsequent in seinen Beziehungen zur Welt begreift.