Von Linda Huber
Die einen sprechen von „Gender-Ideologie“ und „Trans*-Terror“, die anderen von Selbstbestimmung und Verwirklichung der Menschenrechte: Geschlechtervielfalt und Transidentität werden in Kirche und Gesellschaft kontrovers diskutiert. Polarisierungen, Stereotype und Missverständnisse prägen eine Debatte, die der Lebensrealität von trans* Personen kaum gerecht wird. Doch was ist unter Transidentität eigentlich zu verstehen, und welche Haltung nimmt die katholische Kirche ein?
Darüber spricht Linda Huber, Referentin im Projekt „Dialogräume schaffen – Teilhabe stärken“, mit Dr. Ursula Wollasch. Die Theologin und Sozialethikerin war im Jahr 2023 in der Diözese Rottenburg-Stuttgart als „Unabhängige Ansprechpartnerin“ tätig für transidente Menschen und alle, die sich der queeren Community zugehörig fühlen. Ihr Buch „Trans und katholisch. Für eine Kirche, in der Transmenschen dazugehören“ (Patmos-Verlag 2024) lädt zu einer differenzierten Betrachtung des Themas ein. Im Interview hier zeigt sich: In der katholischen Kirche gehören trans* Personen längst dazu, und trotzdem ist es noch ein weiter Weg, bis die Kirche zu einem Ort geworden ist, in dem alle Menschen Offenheit und Zugehörigkeit erleben können.
„Mann“ oder „Frau“, „Junge“ oder „Mädchen“? Schon bei der Geburt wird den Eltern und allen Interessierten aufgrund der erkennbaren Geschlechtsmerkmale mitgeteilt, was das Kind denn nun sei. Aufgrund des äußeren Erscheinungsbilds gehen wir auch später automatisch davon aus, dass wir wissen, welches Geschlecht jemand hat. Kleidung, Frisur und die Art, wie sich die Person bewegt, spielen dabei eine Rolle. Diese Kategorisierungen könne man auf transidente Menschen jedoch nicht so leicht anwenden, erklärt Wollasch: „Sie können uns als Mann oder als Frau begegnen und von sich selbst aber sagen, ich habe die Gewissheit, eine Frau oder ein Mann zu sein, auch wenn mein biologisches Geschlecht etwas anderes aussagt.“ Die Nicht-Übereinstimmung des bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts und der Geschlechtsidentität nenne man in der Fachsprache „Geschlechtsinkongruenz“.
Bereits im frühen Kindesalter könne diese sich bemerkbar machen. Das Spiel mit den Geschlechterrollen gehöre zwar zum Kindsein, doch bei einigen Kindern und Jugendlichen verfestige sich mit der Pubertät das Wissen, eben kein Junge, sondern ein Mädchen zu sein oder andersherum. Es sei wichtig, diese Äußerungen ernstzunehmen und zu begleiten, ohne sie vorschnell zu bewerten, zu verneinen oder zu bestätigen, sagt Wollasch. Darüber hinaus sei Transidentität in jedem Lebensalter ein Thema: „Es gibt Erwachsene, die diese Inkongruenz vor sich selbst und anderen viele Jahre verborgen haben. Aber in einem bestimmten Alter, wenn es um Partnerwahl und Familiengründung geht, kommen sie nicht mehr daran vorbei, zu sagen: ,Ich muss hier jetzt auch für mich Konsequenzen ziehen‘.“
Anders als noch vor einigen Jahrzehnten entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, ihre Transidentität offen zu zeigen und zu leben. Die Transition, sagt Wollasch, sei häufig ein schwieriger Weg, der mit einem Namenswechsel bis zu einer Angleichung der biologischen Geschlechtsmerkmale durch operative Eingriffe einhergehen könne.
Transidentität sei sowohl für die Betroffenen als auch für deren Umfeld immer noch sehr herausfordernd, doch dank des Engagements der LSBTIQ -Bewegung gebe es heute mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz für geschlechtliche Vielfalt. Das könne Betroffene dazu ermutigen, den Schritt der Transition zu gehen. Gleichzeitig löse das Thema Transidentität aber bei vielen Menschen starke Ängste und Unsicherheiten aus. Ursula Wollasch kommt zu dem Schluss, in den Lebensgeschichten von Transmenschen verdichte sich der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte. Einige erleben das als Befreiung, andere als Bedrohung. Letztere befürchten, dass die traditionellen Geschlechterbeziehungen zunehmend in Frage gestellt werden.
„Ich denke, dahinter steht vor allen Dingen ein großes Missverständnis, nämlich die Idee, dass man die Transidentität [selber] wählt und dass man sagen kann: ,Ach, mir gefällt mein Mannsein nicht mehr, ich versuch‘s jetzt mal als Frau‘. Oder, dass man sagt: ,Nee, als Frau habe ich keine guten Perspektiven, also möchte ich gerne ein Mann sein‘.“ Geschlechtsidentität sei aber nichts, wofür man sich beliebig entscheide, zumal die Geschlechtsinkongruenz in der Regel mit hohen psychischen Belastungen verbunden sei.
Dennoch betone die offizielle Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche, das biologische Geschlecht sei anzunehmen, selbst wenn daraus Leidensdruck entstehe, erläutert Wollasch: „Die Haltung ist da eindeutig: Das Lehramt geht von der Bibel aus, vom Buch Genesis. Da steht in Kapitel 1, Vers 27: ,Als Mann und Frau schuf er sie‘. Es gibt zwar inzwischen eine neuere Übersetzung, wonach eigentlich nicht von ,Mann‘ und ,Frau‘, sondern von ,männlich‘ und ,weiblich‘ die Rede ist. Das wird aber ignoriert. Man schließt aus dieser Bibelstelle, dass es tatsächlich nur zwei Geschlechter gibt.“ Transidentität finde da keinen Platz.
Dazu passt, dass das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre geschlechtsangleichende Eingriffe als Verstoß gegen die Menschenwürde wertet (Dignitas infinita, April 2024). Das Papier stellt sie damit in eine Reihe mit Menschenrechtsverstößen wie Gewalt gegen Frauen, Umweltzerstörungen, Krieg oder Menschenhandel. Weltweit hat das Proteste von Betroffenen, Angehörigen und kirchlichen LSBTIQ-Gruppen hervorgerufen. Für Dr. Ursula Wollasch ist klar, dass hier die Menschenwürde theologisch auf den Kopf gestellt wird: „Wer von Menschenwürde spricht, darf den Menschen die Freiheit, sich zu sich und ihrem Geschlecht zu verhalten, nicht vorenthalten. Sonst haben wir eine Menschenwürde, die nur noch ein seelenloses und abstraktes Konstrukt ist.“
Papst Franziskus auf der anderen Seite hat immer wieder betont, dass auch trans* Personen in der Kirche einen Platz haben. In der Praxis wird diese Haltung längst gelebt, wie Wollasch in ihrem Buch eindrücklich aufzeigt: In KITAs, Schulen und Beratungsstellen mit kirchlicher Trägerschaft, darüber hinaus in der katholischen Jugendverbandsarbeit und der Seelsorge erleben trans* Personen Unterstützung und Begleitung. Ein Widerspruch zur restriktiven Lehrmeinung? „Äußerlich gesehen auf jeden Fall“, stimmt Ursula Wollasch zu: „Von innen gesehen geht's hier um einen Spagat: Wir haben auf der einen Seite die Pastoral mit ihrer Zuwendung zum einzelnen Menschen und seinen existenziellen Fragen, dazu die Diakonie mit ihren Beratungs- und Betreuungsleistungen. Und dann auf der anderen Seite haben wir eine Verkündigung, die das Ideal, die überzeitliche, reine Lehre will. Und die Kirche möchte beides. Sie will sozusagen im Hier und Jetzt und trotzdem die Vertreterin der letztverbindlichen Wahrheit sein. Das geht nicht. Das ist eine Zerreißprobe.“
Bis die Kirche zu einem Ort werde, an dem alle Menschen Offenheit und Zugehörigkeit erfahren, gebe es viel zu tun, resümiert Wollasch. Das Lehramt müsse von der Praxis lernen, fordert sie. Es brauche eine „kreative Treue zur Tradition“ und ein Neudenken von Beziehungen: „Wir haben da eine sehr schöne alte Tradition mit der katholischen Soziallehre. Sie hält ein eigenes Menschenbild bereit, das durchaus geschlechtsneutral ist. Dieses Menschenbild setzt bei der Freiheit und der Solidarität an, bei der sozialen Verantwortung, die füreinander einsteht und aus der wir Beziehungen gestalten.“ Man müsse „mehr Jesus wagen“, habe ihr eine Transfrau einmal im Gespräch gesagt. Dieser habe schließlich auch der Liebe Vorrang vor dem Gesetz gegeben.
Hier nochmal der Link zum vollständigen Interview mit Dr. Ursula Wollasch.
Dem Verhältnis zwischen queeren Menschen und den beiden großen christlichen Kirchen widmet sich mit einer theologischen und historischen Bestandsaufnahme unsere Tagung „Queere Menschen und die Kirchen. Fluchtlinien, Möglichkeitsräume, Perspektiven“ (21.-23. November 2024 in Stuttgart-Hohenheim).
