Seit über drei Jahren ist die Ausstellung „Betroffene zeigen Gesicht“, die Ilonka Czerny kuratiert hat, in Deutschland unterwegs, kürzlich war sie im Bistum Paderborn zu sehen. Die promovierte Kunsthistorikerin und Theologin leitet seit 2001 den Fachbereich Kunst an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Ausstellung zeigt Fotos von Kindern, die im kirchlichen Kontext sexuell missbraucht wurden und wird durch autobiographische Texte ergänzt. Im Interview erzählt Czerny über die Entstehung des Projektes, schildert Reaktionen und erläutert, wie sie selbst als vom Missbrauch Betroffene Teil der Ausstellung wurde.
Wie entstand die Idee, durch eine Fotoausstellung von Missbrauch betroffenen Menschen ein Gesicht zu geben?
Czerny: Die umfangreiche MHG-Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche wurde im Herbst 2018 veröffentlicht und im Sommer 2019 hatten wir an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine Tagung dazu. Dort wurden sehr viele Statistiken vorgestellt und unglaublich viele Zahlen präsentiert. Als Vertreterin des Fachbereiches Kunst bin ich persönlich überhaupt kein Zahlenmensch, mir sagen Bilder wesentlich mehr. So überlegte ich mir, wie im Rahmen der Studie eine andere Form der Darstellung gefunden werden kann. Vor allem durch Bilder, denn die sagen ja oft mehr als 1000 Worte.
Und neben den Bildern entstanden autobiographische Texte – wie findet beides zusammen?
Die eingesandten Fotos, oft aufgenommen im kirchlichen Kontext, zum Beispiel bei der Kommunion, sollten verdeutlichen, dass es sich tatsächlich um Kinder handelte, die hauptsächlich missbraucht worden sind. Als Erwachsene durften sie jetzt in Texten formulieren, was der Missbrauch aus ihnen und ihrem Leben gemacht hat.
Welche künstlerischen Mittel haben Sie eingesetzt?
Es sind keine klassischen künstlerischen Mittel, weil es sich ja um eine dokumentarische Ausstellung handelt. Mit verschiedenen methodischen Mitteln habe ich versucht, den Betrachtern die gezeigten Personen näher zu bringen. So zieht sich zum Beispiel ein rotes Passepartout wie ein roter Faden durch diese Ausstellung. Dazwischen gehängte, erklärende Texte wirken wie Pausenzeichen. Es gibt Bilder, da ist überhaupt keine Person zu sehen und kein Text zu lesen. Diese ‚Leerstellen‘ stehen letztlich für all die Betroffenen, die noch nicht sprachfähig geworden sind. Und am Ende der Ausstellung ist eine Spiegelfolie angebracht, in der man sich persönlich als Betrachter wiederfinden kann, um zu reflektieren: Was wäre, wenn ich jetzt einer dieser Betroffenen wäre? Oder wenn es mein Sohn, meine Tochter oder vielleicht mein Enkel wäre?
Gibt es eine Geschichte, die sie besonders bewegt hat?
Die Ausstellung ist ja eine Wanderausstellung und zudem erweiterbar. Kürzlich hat mir eine Frau ihre Geschichte anvertraut, die einfach nur abscheulich ist. Da hatte ein Priester nach dem Firmunterricht ein Mädchen derart schwer vergewaltigt, dass er zunächst mit dem Brieföffner in sie hineingestochen und dann penetriert hat. Diese Frau musste mehrfach operiert werden und konnte keine Kinder kriegen.
Wie sind die Reaktionen der Besuchenden?
Die Reaktionen sind oft sehr emotional. Was die meisten Menschen erschüttert, sind die schrecklichen Brüche in den vielfältigsten Biografien, die deutlich werden. Es gibt Personen, die rückmelden: Endlich sehe ich, dass es tatsächlich Kinder waren, denen das widerfahren ist und keine anonymen Zahlen. Oder es melden sich kirchliche Mitarbeitende, die sich noch intensiver dafür engagieren, dass so etwas nie mehr passiert.
Wie geht es mit der Ausstellung weiter?
Derzeit bin ich im Gespräch mit Verantwortlichen in der Evangelischen Kirche in Deutschland, um auch Betroffenen aus der Evangelischen Kirche die Möglichkeit zu geben, sich zu beteiligen. Zudem ist geplant, die Ausstellung auf dem Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf 2027 zu zeigen. Parallel dazu tourt die derzeitige Ausstellung weiter durch die verschiedenen Bistümer.
Auch Sie wurden als Kind von einem Priester missbraucht. Inwiefern ist Ihre eigene Erfahrung in die Ausstellung mit eingeflossen?
Eigentlich wollte ich meine eigene Geschichte nicht mit hineinnehmen. Ich hatte zunächst gehofft, dass sich genügend Betroffene bei mir melden, nachdem ich über die Interventions- und Präventionsbeauftragten der katholischen Kirche deutschlandweit für das Projekt geworben hatte. Doch leider wollten nicht viele Betroffene einer katholischen Institution, die ja die Täterinstitution ist, Bild- und Textmaterial zur Verfügung stellen. Erst, als ich den Betroffenen mitteilte, dass es mir gleichermaßen ergangen ist, fanden sich Menschen, die sich beteiligten und sich mir gegenüber öffneten. Und auch von mir ist ein Foto in der Ausstellung zu sehen, als junge Messdienerin.
Was hat Ihnen selber geholfen, mit dieser furchtbaren Erfahrung umzugehen?
Es ist jetzt 13 Jahre her, dass ich eine Therapeutin aufgesucht habe, weil ich Probleme hatte, eine Paarbeziehung einzugehen. Angesichts dieses ganz starken Wunsches empfahl sie, mir einen Hund als lebendiges Wesen zuzulegen. Seit fast 13 Jahren habe ich nun die süße Arte, und wir sind ein Dreamteam geworden.
Interviewer: Dr. Daniel Meier
Sehen Sie hier das Interview in einer leicht gekürzten Fassung als Video.
Lesen Sie hier ein weiteres Interview mit Dr. Ilonka Czerny auf katholisch.de.
Lesen Sie hier einen Bericht zur Eröffnung der Ausstellung in Stuttgart-Hohenheim im Jahr 2022.

