| Newsletter November 2026

Auf die Blumen kommt es an, nicht auf den Zaun

Diskussion zu den theologischen Grundlagen des Zukunftsprozesses der Diözese

Von Inez Szuck und Markus Waggershauser

Vieles ist nicht mehr wie früher. Das Klima verändert sich – auch in der Gesellschaft. Scheinbar Selbstverständliches wird infrage gestellt oder geht verloren. Wozu braucht es in dieser Gesellschaft heute und in Zukunft Kirche? Dieser Frage gingen Kirchenleitung und Ehrenamtliche aus den Kirchengemeinden, Theologieprofessoren und hauptamtliche Pastorale Dienste am Freitag bei einer Tagung der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf den Grund. „Wichtig ist mir, die Veränderungen auch als Chance zu sehen“, sagte Diözesanratssprecher Willy Braun zu Beginn in der diözesanen Akademie in Stuttgart-Hohenheim.

Die Tagung richtete den Blick speziell auf die inhaltliche Ebene des Programms „Seelsorge in neuen Strukturen“. Mit ihm stellt sich die Diözese derzeit im Rahmen der vorhandenen Ressourcen für die Zukunft auf, indem sie die Kräfte in größeren Kirchengemeinden vernetzt und die Seelsorge durch klare Verwaltungsstrukturen entlastet. Die Initiative für das breite theologische Beteiligungsformat in Hohenheim ging von Diözesan- und Priesterräten um den Böblinger Pfarrer Klaus Kempter aus. 370 engagierte und motivierte Teilnehmerende, die abends teilweise auch digital zugeschaltet waren, bestätigten den Bedarf an Vergewisserung und Austausch.

Kirche vor Ort soll Verbundenheit schaffen

Bernd Hillebrand, Priester der Diözese und Professor für Pastoraltheologie in Graz, sowie sein Freiburger Kollege Bernhard Spielberg gaben dabei wichtige Anstöße. Spielberg stellte seinen Beitrag unter das Bild „Die Blumen machen den Garten, nicht der Zaun“. Strukturen seien notwendig, entscheidend sei aber, was innerhalb dieses Rahmens wachsen könne: Gemeinschaften, in denen Menschen eigenverantwortlich in Teams und mit Unterstützung, wo es notwendig ist, Lösungen für ihre Probleme finden. Er plädierte dafür, Strukturfragen möglichst klar zu entscheiden und den motivierten Menschen anschließend Raum zu geben.

Hillebrand rückte in dieser Zeit vielfältiger Verlusterfahrungen und der gesellschaftlichen Polarisierung Kirche als sozialen Ort in den Mittelpunkt, an dem auch künftig Menschen einander begegnen und Beziehungen entstehen können. Wie Gott es riskiert habe, in Jesus Christus Mensch zu werden, so sei es heute Aufgabe der Christ:innen, mehr Liebe zu riskieren, biblisch gesprochen Brot zu teilen, ohne etwas dafür zu erwarten. So für die Menschen da zu sein – im Netzwerk mit gesellschaftlichen Partnern und inspiriert von mobilen „Wanderpredigern“ – schaffe soziale Verbundenheit.

Kirche der Zukunft als Netzwerk

Die Rottenburger Bürgermeisterin Manuela Beck und Georg Link, Sozial- und Rechtsdezernent im Zollernalbkreis, bestätigten für die Außensicht aus kommunaler Perspektive die Notwendigkeit dieses Netzwerks. Kirche sei als moderierende Partnerin für gesellschaftlichen Zusammenhalt und für Begegnung vor Ort ohne Leistungsdruck weiterhin wichtig. Rückläufige Ressourcen auf beiden Seiten könnten Anlass sein, Kooperationen neu zu denken.

In 19 Arbeitsgruppen entwickelten die Teilnehmenden diese Gedanken im Blick auf die Seelsorge weiter. Die künftigen Strukturen sollen Nähe und Beziehung, Verantwortung und Freiräume ermöglichen. Bisherige Kirchengemeinden, Klöster, diakonische und andere Einrichtungen sollen als sogenannte Kirchorte eigene Profile entwickeln und miteinander kooperieren können. Zugleich müsse die Berufung aller Getauften mit ihren Charismen und Fähigkeiten stärker in den Blick kommen. Verantwortung soll geteilt werden. Kirche soll dort präsent sein und bleiben, wo Menschen leben und bereits – ohne dieses Etikett – Seelsorgende in einem ganzheitlichen Sinn tätig sind, etwa in Quartieren, Schulen und Kindertagesstätten, Pflegeeinrichtungen oder in der Arbeit mit jungen Menschen. Die neuen Strukturen werden sich daran messen lassen müssen, ob Menschen Kirche als zugewandt, erreichbar und solidarisch erlebe

Konstruktives Klima wirkt weiter

Die konstruktive Atmosphäre war für Bischof Dr. Klaus Krämer ein ermutigendes Signal. Die intensive und sachorientierte Auseinandersetzung und die Bereitschaft vieler Menschen, den Veränderungsprozess aktiv mitzugestalten, machten ihm Mut für den weiteren Weg. Auch Willy Braun nahm einen „positiven Spirit“ und das gemeinsame Ringen um eine gute Zukunftsperspektive wahr. Marita Walz, Mitglied im Präsidium des Diözesanrats, beeindruckte vor allem das konstruktive Klima, in dem die große Gruppe trotz unterschiedlicher Perspektiven miteinander gerungen habe. Gerade diese Vielfalt und die Bereitschaft, einander zuzuhören und miteinander weiterzudenken, seien für den weiteren Prozess wichtig. Bischof Krämer griff Spielbergs Bild auf: Wenn geklärt sei, wie der „Gartenzaun“ aussieht, komme es auf die Blumen an. Die Ergebnisse der Tagung werden nun ausgewertet und in den weiteren Prozess einfließen.

Sehen Sie hier die die Videoaufzeichnung der Impulsvorträge der Pastoraltheologen Prof. Dr. Bernhard Spielberg, Freiburg und Prof. Dr. Bernd Hillebrand, Graz und die Videoaufzeichnung des Gesprächs zur kommunalen Perspektive von Manuela Pfann mit Manuela Beck, Bürgermeisterin für Finanzen und Bildung, Rottenburg am Neckar und Georg Link, Leiter des Sozial- und Rechtsdezernats des Zollernalbkreises.