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Sommerfest in Hohenheim

„Akademien heute nötiger denn je“

Der frühere Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Dr. Gebhard Fürst, erzählt aus seiner Zeit als Akademiedirektor - und von einer Umarmung mit Gorbatschow.

Von Paul Kreiner

Seit dem altersbedingten Rücktritt von Dr. Gebhard Fürst im Dezember 2023 hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart keinen Bischof. Wer es werden könnte? Niemand sagt etwas.

Nun aber hat sich Fürst geäußert, ganz ausführlich, beim Sommerfest der Akademie, im Interview mit Direktorin Dr. Verena Wodtke-Werner. Zu seiner Nachfolge als Bischof zwar auch kein Sterbenswörtchen, dafür umso Spannenderes aus seiner eigenen Zeit als Akademiedirektor, von 1986 bis 2000. Und gesprochen hat er zu Dingen, die bleiben sollten.

Die Rolle des Dialogs

Vor allem hat Fürst den Charakter der Akademie hervorgehoben, den er in seiner eigenen Zeit gestärkt hat: nicht „Lehrkanzel des Bischofs“ sollte sie von Anfang an sein, sondern den Geist des Dialogs pflegen als eines – gemäß Habermas – herrschaftsfreien Diskurses: unideologisch, sachlich, auf Konsens ausgerichtet, an Wahrheit und Wissenschaft orientiert – immer das Gemeinwohl im Blick. Das sei heute noch wichtiger als damals, sagt Fürst, „weil die Gesellschaft in Fragmente zerfällt“ und Aggressivität an die Stelle des Aufeinander- und Voneinander-Hörens getreten sei.

Und Fürst hebt hervor, Handeln müsse kommunikativ sein. Nicht umsonst habe die Akademie ein eigenes Haus und darin die berühmte „Denk-Bar“, wo Menschen sich auch persönlich näherkommen und kennenlernen können.

Die Kirche selber brauche Einrichtungen wie die Akademien „gerade heute, da wir weniger geworden sind“. Die Akademien, sagt Fürst, „sollen sich nicht verstecken, sich nicht schrumpfen“; sie sollen auch im innerkirchlichen Dialog zeigen, „dass es in der Kirche doch noch das gemeinsame Ganze“ gibt.

„Mir sind die Augen aus dem Kopf gefallen“

Fürst erzählt auch aus seiner Zeit als Vorsitzender des Leiterkreises der katholischen Akademien, von der Öffnung im Osten 1989, von der – im kirchlichen Westen zunächst nicht gerade euphorisch betrachteten – Eingliederung der drei Ost-Akademien (Halle, Erfurt, Leipzig).

Und dann: Gorbatschow. Ein russischer Kulturmanager war zu ersten Perestrojka-Zeiten in Westdeutschland unterwegs, erzählt Fürst. Auf der Suche nach Gesprächspartnern sei der Mann auch bei der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart gelandet, und was dann kam, „da sind mir schier die Augen aus dem Kopf gefallen.“ Man vereinbarte Gesprächsrunden – und es kamen zwanzig der wichtigsten Schriftsteller aus der Sowjetunion in die Akademie, darunter Lew Kopelew, Tschingis Aitmatow und andere, alle aus Gorbatschows Beraterkreis.

Und, so Fürst weiter, auch ein ungemein gebildeter Pope sei dabei gewesen: Aleksandr Men. Dieser gehörte damals der russischen Untergrundkirche an, die mit der offiziellen, vom KGB gesteuerten Hierarchie nichts zu tun haben wollte. Man traf sich in Stuttgart und in Mens Privathaus nördlich von Moskau, kam sich näher – und dann wurde Men erschlagen. Im Auftrag der offiziellen russisch-orthodoxen Kirche, von einem gedungenen Killer, sagt Fürst.

Der Aleksandr-Men-Preis und sein Ende

Zu Mens Gedenken stiftete die Akademie einen Preis für die „Ökumene der Kulturen“. Im Jahr 2000 wurde dieser an Michail Gorbatschow verliehen. Der frühere Sowjet-Präsident reiste mit großer Entourage nach Stuttgart; der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hielt die Laudatio, hunderte von Menschen klatschten begeistert. Für Fürst war das „mein Höhepunkt in der Akademie". Auch dass „Gorbi“ ihn vor dem Rückflug am Eingang zum Flugzeug umarmte und zu Fürst sagte, er sei noch nirgendwo so herzlich empfangen worden wie in Stuttgart.

Den Aleksandr-Men-Preis hat die Akademie übrigens bis zum Jahr 2013 verliehen, bis - so Direktorin Wodtke-Werner - sie von der russischen Seite „gebeten" worden sei, den Preis an den Menschenrechtsbeauftragten von Vladimir Putin zu geben. Da war's aus. Da war eine ganze Periode aus, da war das Fenster geschlossen."

Viel mehr hat Gebhard Fürst bei diesem Gespräch noch erzählt – und wenn die Zeit nicht gedrängt hätte: die Zuhörer:innen wären auch gerne noch länger dabei gewesen.

Sie können das Interview hier in Youtube ansehen. In voller Länge.