| Newsletter Juni 2026

Vom „Abendbrot" zum Akademieabend

Über die Vision des interreligiösen Miteinanders und das Leben in einer „stinknormalen Ehe“

Von Caroline Hochstuhl

Meron Mendel und Saba-Nur Cheema, er Historiker, Professor für transnationale Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Israeli; sie Politologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung der Uni Frankfurt, bis 2021 Referentin an der Bildungsstätte Anne Frank, Muslimin. Im Grunde einfach ein Paar, das sich – wie so viele andere – bei der Arbeit kennengelernt hat. Doch der letzte Zusatz hebt ihre Beziehung ins Zentrum öffentlichen Interesses, einmal mehr seit dem 07. Oktober 2023. Gemeinsam schreiben sie seit knapp fünf Jahren eine Kolumne für die FAZ – mal ernst, mal humorvoll – über alles, was ihr Miteinander betrifft. In der Akademie lasen sie Passagen aus ihrem daraus entstandenen Buch und kamen darüber ins Gespräch.

Wenn die Partnerwahl zum Politikum wird

Für viele sei es eine Provokation gewesen, dass sie ein Paar wurden, erzählte Cheema. Sie erhielten gar diffamierende Mails. Schnell spürten sie, dass sie nur noch als Paar wahrgenommen wurden: „Vieles, was wir gesagt haben, wurde plötzlich ganz anders interpretiert“. So entschieden sie, über ihr gemeinsames Leben zu schreiben. Dass ihre Kolumne für die FAZ den Namen „Muslimisch-jüdisches Abendbrot“ trägt, sei einem Missverständnis zu verdanken: Sie hatten sie zunächst „Muslimisch-jüdisches Abendland“ nennen wollen – als bewusst provokante Antwort auf die Phantasie des jüdisch-christlichen Abendlandes, die primär aufgerufen werde, wenn es um muslimische Präsenz gehe. Doch die Redakteurin habe „Abendbrot“ verstanden und war begeistert: „Deutscher geht’s gar nicht mehr“.

Innerfamiliär sei ihre Partnerschaft auch nicht nur auf Zustimmung gestoßen. Cheema ist in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen, die Eltern waren als Angehörige einer muslimischen Minderheit aus Pakistan geflohen. Zwar hätte in diesem Kontext Israelhass keine Rolle gespielt, doch sei sie im Bekanntenkreis durchaus auf antisemitische Vorurteile gestoßen. Auch Mendel bestätigte, dass seine Eltern, wenngleich er mit der Idee der Toleranz und des gegenseitigen Respekts aufgewachsen sei, angesichts seiner Partnerwahl mit der Frage rangen: „Was würden deine beiden Großväter dazu sagen?“ Während für den einen muslimisch und arabisch zu sein das gleiche und ein Problem bedeutet habe, würde bei dem anderen ein ganz anderes Hindernis im Vordergrund stehen: dass Cheema Deutsche ist. Doch hielt diese all den – positiven wie negativen – Anfragen an ihre Partnerschaft pointiert entgegen: „Wir sind kein Friedensprojekt, wir sind eine stinknormale Ehe. Was uns eint, ist die Liebe zueinander“.

Kann man konfessionell divers sein?

Mit der Geburt ihres ersten Kindes 2021 habe sich allerdings eine neue Herausforderung gestellt: dessen Konfessionszugehörigkeit. Der Vorschlag „divers“ sei bei der Anmeldung im Standesamt abgewiesen worden. Nun laute der Eintrag eben „konfessionslos“. Doch wie sollten sie ihr „Projekt jüdisch-muslimisches Kind“ angehen? Nach welchen Kriterien in der Erziehung entscheiden? Aus dem Umfeld werde immer wieder der Wunsch nach Eindeutigkeit laut. Doch für sie stelle sich vielmehr die Frage: „Warum kann Identität nicht nach einem UND-Prinzip funktionieren?“ Identität könne sich schließlich aus mehreren Komponenten zusammensetzen.

Cheema machte in den Zuspitzungen dieses Diskurses einen „Kulturkampf“ aus. Binationale und bireligiöse, mithin hybride Identitäten gehörten schon längst zur Normalität, immerhin hätten ca. 40% aller Kinder in Deutschland einen Migrationshintergrund. Dennoch werde immer wieder versucht, eine (vermeintlich) ursprüngliche und als homogen gedachte Ordnung wiederherzustellen, die schlicht nicht mehr zu erreichen sei.

Letztlich trenne sie und Mendel, wie Cheema betonte, „nicht muslimisch und jüdisch sein, sondern religiös und säkular“: Sie bete und er nicht. Ihnen sei wichtig, dass ihre Kinder beides kennenlernten, aber vor allem sollten sie lernen glücklich zu sein. Dass für Kinder diese Kategorisierungen ohnehin wenig greifbar seien, zeige sich an der Feststellung ihres Sohnes: „Mama, ich bin doch Chanukka und Muslim“.

Das Problem der selektiven Empathie und der Polarisierung

Der 07. Oktober 2023 habe ihr Leben verändert. Mendel ist in einem Kibbuz in Südisrael unweit von Gaza aufgewachsen, auch er hat Freunde verloren. „Auf einmal war eine unüberbrückbare Kluft zwischen den Communities und in der Gesellschaft“, stellte er fest. Was sie beide dabei nachhaltig beschäftige, sei die selektive Empathie auf beiden Seiten. Dabei wussten sie auch von anderen Beispielen zu erzählen, die in moralischer Größe persönliche Leiderfahrungen zu überschreiten vermögen. Im Umgang mit radikalen Meinungen vor Ort versuche Mendel stets seinen moralischen Kompass vom Verstehen, wie jemand in diesen Umständen so denken könne, zu trennen: „Nicht rechtfertigen, aber verstehen“ sei seine Devise, während er selbst „der friedlichen Position den Rücken zu stärken“ suche.

Die Frage, wer im Nahostkonflikt historisch recht habe, bringe nichts, konstatierte er. Jeder habe ein starkes Narrativ, das sich auf die gleichen Ereignisse beziehe, aber mit komplett unterschiedlichen Deutungen, die nebeneinander stehen bleiben müssten: „Was bei den einen die größte Freude, ist bei den anderen der tiefste Abgrund“. Eine radikal pragmatische Haltung sei gefragt, um einen gerechten Kompromiss zu finden: Es gehe darum, „sich aus dem immanenten Konflikt zu befreien, der in allen Köpfen ist“.

Prof. Johannes Frühbauer hatte direkt zum Einstieg aus ihrem Buch zitiert: „Der Wunsch, unsere Gesellschaft zu einer Art ‚safe space‘ zu machen, kann in einer liberalen Demokratie nicht erfüllt werden“. Nein, zu einem safe space kann sie nicht werden, aber die zunehmende Polarisierung in der Debattenkultur machten Cheema und Mendel durchaus als zentrales Problem in Deutschland aus. Dabei sei es von höchster Relevanz, so Cheema, die Auseinandersetzungen ohne Etikettierungen und Empörung zu führen: „Raus aus dem Schwarz-weiß-Denken, sondern in den Dialog, in den Streit miteinander!“ Entsprechend sei ihnen die Fragerunde bei solchen Veranstaltungen besonders wichtig: „Wir fahren nicht aus Frankfurt hierher, um nur wieder uns zuzuhören“.

Um wen es eigentlich geht: Die deutsche Nabelschau

Die allgemeine Fokussierung auf den Israel-Palästina-Konflikt sei Fluch und Segen zugleich, so Mendel: Segen, weil beide betroffenen Kollektive so erschöpft und traumatisiert seien, dass der Weg aus der Misere nicht mehr aus eigener Kraft zu schaffen sei; Fluch, da sich Menschen, die das Privileg hätten, nicht involviert zu sein, in zwei Lager teilten, die nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip die jeweiligen Extremisten unterstützten. Kaum einer mache sich die Mühe der Differenzierung. Dabei spielten auch die sozialen Medien eine entscheidende Rolle, die eine selektive Wahrnehmung förderten, sodass sich beide auf der moralisch richtigen Seite wähnten und behaupteten, aus der Geschichte gelernt zu haben – wobei sie doch nur einer „tribalistischen Logik“ folgten. Das entlarve geradezu, dass es den jeweiligen „Fanclubs“ nicht um die Menschen vor Ort gehe, sondern um sich selbst.

Einem Schwarz-weiß-Denken verhaftet hätten die Menschen hier oft ein Gefühl moralischer Überlegenheit. Doch Mendel stellte fest: „Dieses deutsche Selbstgespräch geht an den Realitäten in Israel und Palästina vorbei“. Das habe sich auch in der Diskussion nach Friedrich Merz Israelbesuch vergangenes Jahr gezeigt, als moniert wurde, dass dieser nicht von der deutschen „Staatsräson“, sondern nur vom „Wesenskern“ gesprochen habe. Dabei sei vielmehr die Frage, so Mendel, warum Merz keine israelischen Menschenrechtsaktivist:innen getroffen habe, um deutlich zu machen, welche Kräfte eigentlich unterstützt werden sollten. Für Mendel ist klar: „Echte Freunde sind die, die gleichzeitig proisraelisch und propalästinensisch sind“. Die einseitigen Haltungen seien keine nachhaltige, hilfreiche Solidarität, pflichtete Cheema bei. Geradezu konsterniert stellte Mendel allerdings fest, dass man in Deutschland immer nur in Bezug auf Israel und seine „abgründige Politik“ zu dem Schluss komme, dass es „gleich als Nation verschwinden“ solle: „Woher kommt dieser Reflex? Welches Bedürfnis der deutschen Seele wird damit befriedigt?“ Mit dieser eindringlichen Frage hallte an diesem Abend vor allem auch der Aufruf nach, aus der deutschen Selbstreferentialität herauszufinden, die Mendel monierte: „Wir müssen eine grundlegende Entscheidung treffen: Geht es um ein Selbstgespräch der Deutschen, um sich besser zu fühlen, oder geht es um die Menschen vor Ort?“