Islamische Normen in Deutschland

Zwischen individueller Relevanz und gesellschaftlicher Teilhabe

Von Dr. Daniel Meier

Wie gehen junge Muslime in Deutschland mit islamischen Normen um? Welche Spannungen erleben sie zwischen religiösen und säkularen Werten? Und wie prägen gesellschaftliche Diskurse ihr Verständnis von Zugehörigkeit und Identität? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung, die am Dienstag (29.9.) an der Akademie Stuttgart-Hohenheim stattfand. Im Fokus stand die kürzlich veröffentlichte Dissertation von Dr. Simone Trägner, die mit ihrer qualitativen Studie „Islamische Normen. Strategien und Aushandlungsprozesse junger muslimischer Erwachsener“ neue Perspektiven auf das Verhältnis von Islam und säkularer Gesellschaft eröffnet.

Trägners zentrale Erkenntnis: Islamische Normen werden nicht einfach übernommen, sondern aktiv und individuell ausgehandelt. Für die qualitative Studie hatte sie junge muslimische Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren interviewt – alle in Deutschland aufgewachsen, sozial oder politisch engagiert und mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Während quantitative Studien oft pauschale Aussagen über „die Muslime“ treffen, legt ihre qualitative Untersuchung den Fokus auf individuelle Deutungsmuster und zeigt, wie junge Erwachsene islamische Normen in ihrem Alltag aushandeln.

Vier Strategien des individuellen Umgangs

Trägner identifizierte vier Strategien, mit denen ihre Interviewpartner:innen islamische Normen für sich relevant machen: Die Normen würden in ihrem historischen und geografischen Zusammenhang verstanden und auf ihren praktischen Nutzen für das eigene Leben hin befragt. Sie dienten dazu, sich gegenüber der Gesellschaft oder muslimischen Communities abzugrenzen oder zugehörig zu fühlen. Dabei entschieden letztlich die eigene „innere Autorität“ und das Gewissen über die Relevanz einer Norm. Neben traditionellen religiösen Autoritäten würden die eigene innere Stimme und das persönliche Erfahrungswissen an Bedeutung gewinnen. Das Alltagswissen und religiöses Wissen würden kombiniert, um Normen zu deuten. Aber auch gesellschaftliche Diskriminierungserfahrungen und der Druck muslimischer Communities beeinflussten, wie Normen interpretiert werden.

In seiner thematischen Einführung hatte Prof. Dr. Mathias Rohe (Erlangen) verdeutlicht, dass der Begriff „Scharia“ oft missverstanden werde: „Scharia ist kein Gesetzbuch, sondern ein hochkomplexes System von Normen – religiös, rechtlich und sozialethisch. Viele Muslime verstehen darunter vor allem ethische Prinzipien, die mit demokratischen Werten vereinbar sind,“ so Rohe. In der Tat würden im Namen der Normenlehre evidente Menschenrechtsverletzungen begangen  und dieser Erkenntnis müsse  man sich stellen – „aber es ist nur eine Facette von vielen“, so Rohe. Der Islam- und Rechtswissenschaftler kritisierte entsprechend pauschalisierende Debatten, die islamische Normen als unvereinbar mit westlichen Gesellschaften darstellen. Stattdessen plädierte er für eine differenzierte Betrachtung: „Wir müssen genau hinschauen: Über welche Normen sprechen wir? Geht es um religiöse Gebote wie das Fasten oder um rechtliche Fragen wie Eheverträge?“ Letztere seien in Deutschland längst Teil der Rechtswirklichkeit – etwa in Form islamisch geprägter Eheverträge, die vor deutschen Gerichten anerkannt werden.

Für differenzierte Diskurse

Eindringlich sprachen sich Trägner und Rohe dafür aus, differenzierte Diskurse zu führen: Kritische Themen wie Radikalisierung oder Menschenrechte müssten angesprochen werden – aber ohne Pauschalisierungen zu verfallen. Junge Muslime bräuchten geschützte Räume, um über Normenkonflikte zu diskutieren, ohne sofort in eine Rechtfertigungsposition gedrängt zu werden. Sowohl in Schulen als auch in der Erwachsenenbildung müssten das Wissen über islamische Normen und säkulare Rechtsordnungen vertieft werden. Schließlich sollten islamische Normen nicht nur als Problem, sondern auch als Ressource für gesellschaftlichen Zusammenhalt wahrgenommen werden – etwa in den Bereichen Ökologie, soziale Gerechtigkeit oder interreligiöser Dialog.

Trägners größter Wunsch – „dass man Muslime mehr als Individuen wahrnimmt in all den Facetten, die sie haben und nicht nur mit diesem Label Muslima oder Muslim auf der Stirn. Und dass man dann zuhört, kritisch nachfragt, aber auch die Begegnung nicht scheut.“

Zu den Personen:

Dr. Simone Trägner ist Islam- und Religionswissenschaftlerin sowie Ethnologin und als Beraterin im Team der Islamberatung Baden-Württemberg tätig. Seit 2023 ist sie Programmleiterin für die Islamberatung in Bayern bei der Eugen-Biser-Stiftung. Sie lehrte von 2014-2023 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen.

Prof. Dr. iur. Dr. h. c. Mathias Rohe ist Islam– und Rechtswissenschaftler und Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der FAU Erlangen-Nürnberg sowie Direktor des dortigen Forschungszentrums für Islam und Recht in Europa (EZIRE). Er ist u.a. Verfasser des Standardwerks „Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart“ (C.H.Beck 42022). Er ist ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Träger der Ehrendoktorwürde der Universität Ankara und des Preises der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Islamische Theologie.