| Newsletter Mai 2026

Berührungsmedizin: Spektakulär unspektakulär

Medizinisch wirksam - auch wenn sie im medizinischen Alltag bisher oft nur eine Nebenrolle spielt

Von Dr. Thomas König

Berührung begleitet uns durch unser Leben, sie ist eine menschliche Grundbedingung wie atmen oder essen und trinken. Berührung kann trösten, beruhigen oder Verbindungen schaffen. Und sie hat das Potenzial medizinisch wirksam zu sein, auch wenn sie im medizinischen Alltag bisher oft nur eine Nebenrolle spielt.

Dr. med. Michaela Maria Arnold möchte dies ändern, als Ärztin ist sie am Universitätsklinikum Würzburg in der psychosomatischen Medizin tätig. Zudem führt sie eine Praxis für Naturheilverfahren mit berührungsmedizinischem Schwerpunkt und engagiert sich ehrenamtlich als Gründungsmitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Berührungsmedizin. Darüber hinaus war sie viele Jahre als staatlich anerkannte Masseurin tätig.

Sie sprach in ihrem Vortrag im Tagungszentrum der Akademie „Über die Kraft der Berührung“ und vertiefte das Thema am folgenden Tag in einem Seminar „Berührung und therapeutische Wirkung". Warum Berührung in einer zunehmend technisierten Medizin an Bedeutung gewinnt und wie berührungsmedizinisches Denken und Handeln nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch unser Leben bereichern kann, waren ihre grundsätzlichen Fragen für beide Veranstaltungen. Vor wenigen Wochen erschien von ihr Das Berührungsbuch. Wie Berührung Körper, Geist und Seele stärkt, im Stuttgarter Verlag Klett-Cotta.

Berührung – ein Grundbedürfnis

Denn Berührung sei ein menschliches Grundbedürfnis und die Grundlage von Bindung, Vertrauen und Zugehörigkeit, sie könne als Urform zwischenmenschlicher Kommunikation gelten, führte sie aus. Unsere Haut als größtes Sinnesorgan sei nicht nur das Bindeglied zwischen Innen- und Außenwelt, da Haut und Nervensystem aus demselben Ursprung (Ektoderm) entstünden, der Tastsinn sei daher auch unser erster Sinn. Er entwickele sich schon früh während der Schwangerschaft, registriere Druck, Form, Textur, Dehnung, Spannung, Vibrationen, schnelle Druckänderungen ebenso wie Schmerz oder Temperatur.

Berührung und Medizin

Berührung in der Medizin zeichne sich zunächst durch berührungsbasierte Behandlungen aus, wie sie in der Massage- und Physiotherapie oder auch in der psychoaktiven Massage Anwendung fänden. Ebenso seien Osteopathie und Körperpsychotherapie hier zu nennen. Vor allem aber sei die achtsam eingesetzte Berührung im medizinischen Alltag wichtig, die oft unscheinbar und alltäglich sein könne, wie beispielsweise einfach eine zu Hand halten, gleichwohl könne dies in der Situation eines kranken Menschen wertvoll sein.

Die therapeutischen Anwendungsgebiete von Berührungen in der Medizin reichten dabei von vor der Geburt eines Menschen bis zu seinem Tod: in der Schwangerschaft und Geburtshilfe, in der Neonatologie und Kinderheilkunde, über die Schmerzmedizin bis hin zur Geriatrie sowie Gerontopsychiatrie und der Hospizarbeit und Palliativmedizin.

Die Berührungen, die wir dabei erfahren können, wirkten medizinisch in unterschiedlicher Weise: Besonders  „C-taktile Fasern", wie sie vor allem in behaarter Haut (z. B. am Rücken oder an den Armen) vorkommen, reagieren auf sanfte, langsame Streichelbewegungen und können emotionale Zentren im Gehirn ansprechen, die etwa Wohlgefühl, Nähe und Geborgenheit vermitteln. C-taktile Fasern bildeten die Grundlage für „affektive Berührung“.

Auch das Hormonsystem könne durch Berührungen beeinflusst werden, vermehrte Ausschüttungen von Oxytocin, Serotonin, Dopamin und Endorphinen könnten ausgelöst werden, während gleichzeitig „Stresshormone“ wie Adrenalin oder Cortisol durch Berührungen reduziert werden könnten.

Ähnlich positiv gestalteten sich die Wirkungen medizinischer Berührung auf das vegetative Nervensystem. Die Aktivierung des Parasympathikus fördere Entspannung, Regeneration und Verdauung, die Dämpfung des Sympathikus senke Stressreaktionen, mindere die Herzfrequenz und fördere die Muskelspannung.

Auch das Immunsystem eines Menschen profitiere von achtsamer Berührung, sie fördere Ruhe und Sicherheit und unterstütze eine gesunde Darmflora. Immunzellen würden aktiviert, Entzündungsfaktoren nähmen ab und insbesondere durch therapeutische Berührungen werden Durchblutung und Lymphfluss angeregt.

Forschung und Engagement

All die von Dr. Arnold genannten positiven medizinischen Wirkungen von Berührungen sind in vielen teils sehr alten Heilmethoden repräsentiert und mittlerweile durch Forschung und viele Studien wissenschaftlich gut belegt. Die Ergebnisse ihrer eigenen Doktorarbeit etwa, einer Studie zur Wirksamkeit von (affektregulierender) Massagetherapie für ambulante Patient:innen mit leicht- und mittelgradiger Depression, weisen deutlich auf antidepressive, anxiolytische und analgetische Wirkungen hin, die unter der affektregulierenden Massagetherapie signifikant stärker ausgeprägt waren als unter anderen Behandlungsansätzen.

Die Deutsche Gesellschaft für Berührungsmedizin e.V. als medizinische Fachgesellschaftmöchte ein allgemeines Bewusstsein dafür schaffen, dass therapeutisch eingesetzte Berührung einen wesentlichen Bestandteil im Bereich der präventiven, kurativen, rehabilitativen und palliativen Medizin darstellen kann. Sie setzt sich dafür ein, dass dieses Wissen im Gesundheitswesen wieder stärker Beachtung findet. Sie fördert und erforscht den therapeutischen Einsatz von Berührung auf wissenschaftlicher Grundlage in Medizin, Pflege und Therapie. Ziel sei es, Berührung als präventive, kurative und palliative Ressource sichtbar zu machen, wie Dr. Arnold erklärte. Für den Herbst dieses Jahres ist ein Sammelband zum Thema Berührungsmedizin im Kohlhammer-Verlag geplant, der die kurativen, palliativen und rehabilitativen Möglichkeiten differenziert und aus unterschiedlichen Perspektiven aufzeigen soll.

Seminar Berührung und therapeutische Wirkung

Wie spektakulär die Wirkung scheinbar unspektakulärer Berührungen sein kann, zeigten die Übungen auf Gegenseitigkeit, die im nachfolgenden Seminar zum Thema von den Teilnehmenden erlebt werden konnten. Ein entspannender Tag wurde mit spannenden Fragen und Erfahrungen gefüllt und niemand erlebte darin einen Widerspruch. Nicht alle sieben Dimensionen von Berührung, die Michaela Maria Arnold im Bild einer „Berührungsblume“ auffächerte, konnten Anwendung finden, gleichwohl gelang es durch das vermittelte Wissen, von der Wissenschaft zur Praxis zu finden und erste Möglichkeiten selbst zu testen. Dr. Arnold unterteilt das weite Spektrum von Berührung in Selbstberührung, familiäre Berührung, partnerschaftliche und sexuelle Berührungen. Diese ersten vier Arten sind individuell und personal geprägt. Gesellschaftliche Berührung ebenso wie medizinische und spirituelle Berührungen hingegen sozial und kulturell. Fragen, eigene Erfahrungen und Gedanken aus dem Kreis der Teilnehmenden schufen im Gespräch mit der Referentin ein gutes Miteinander und einen offenen Dialograum, der einen lebendigen Einblick in das Feld der Berührungsmedizin ermöglichte.

Fazit

Im Vortrag und im Seminar wurde deutlich, dass Berührung ein wesentlicher Bestandteil einer menschlichen Medizin ist und sein sollte. Zwar hätten Technik und Pharmazie insbesondere in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte in der Behandlung zahlreicher Krankheiten erzielt und völlig zurecht gäbe es dafür ein großes öffentliches Interesse, wie Dr. Arnold zugestand. Es stünden allerdings auch mächtige wirtschaftliche Interessen hinter diesen Entwicklungen und für eine Gesellschaft seien sie oft sehr teuer. Berührungsmedizinisches Denken und Handeln könne das Gesundheitswesen und unser Leben bereichern. Medizin und Pflege könnten hier etwas bewirken und sich selbst als unmittelbar wirksam erleben. Berührung sei immer eine Sache auf Gegenseitigkeit und verändere Beziehungsebenen, idealerweise durch gegenseitige Achtsamkeit. Ihr Appell lautete daher Berührung mehr Beachtung zu schenken – in der Medizin und im Miteinander.