| Newsletter März 2025
Gib Deinem Sinn ein Leben!

Ein Ruf, der ins Innerste trifft

„Berufung": Wie der Fachkongress „Vocation“ neu über diesen alten Begriff nachdenkt – in kirchlichen und gesellschaftlichen Umbruchszeiten.

Von Paul Kreiner

Es war einer der dichtesten Fachkongresse seit langem. Nicht einfach deswegen, weil das Tagungszentrum Hohenheim mit gut 115 Teilnehmer:innen bis auf den letzten Platz ausgebucht und das Programm sehr kompakt war, sondern weil „Vocation – Gib Deinem Sinn ein Leben!“ so viele Dimensionen menschlicher Existenz gleichzeitig ansprach. Die wissenschaftlichen Aspekte dessen, was unter „Berufung“ verstanden werden kann, beschäftigten den Kopf; die Erzählungen von Menschen, die auf der Suche nach ihrem Lebenssinn einem „Ruf“ gefolgt sind – fröhlich oder zweifelnd, dauerhaft oder in manchen Wendungen – gingen ans Herz, manchmal an die Nieren. Und in Liturgiefeiern wurden sie dann auch vor Gott gebracht.

Das Publikum: Berufungscoachs und Ausbilder auf dem Weg dahin, geistliche wie psychologische Lebensbegleiter:innen, Kleriker, vorwiegend aber Ordensleute, die eine vor Jahren erfahrene „Berufung“ leben, und schon auch solche, die sich im Kreise anderer darin bestärken wollten – angesichts des schier unaufhörlichen, deprimierenden Schrumpfens ihrer Gemeinschaften um sie herum. Da saßen Vertreter:innen aller möglichen Ordensfamilien zusammen, franziskanische, benediktinische, ignatianische und andere, weil das Problem ja alle angeht. Und manche:r dachte wohl, Patentrezepte zur „Vermehrung geistlicher Berufungen“ mit nach Hause nehmen zu können. Was so einfach dann doch nicht war.

Berufen für die Welt

„Berufung“ wird in kirchlichen Kreisen tendenziell als etwas Geistliches verstanden. Aber dann erzählt Heiner Geigle von „Zahnärzte ohne Grenzen“, wie er sich nach Studium, Familiengründung und Einrichtung der eigenen Praxis fragte: „War’s das schon?“ Und wie er seither eine Erfüllung darin findet, jährlich für mehrere Wochen Patient:innen im afrikanischen Sambia zu behandeln, die sonst keinen Zahnarzt haben. Oder Marietta Hagenay: Sie engagiert sich leidenschaftlich gegen Prostitution, gegen „Sexkauf“ – indem sie junge Mädchen in Osteuropa darüber aufklärt, was ihnen anstelle goldener Zeiten blüht, wenn sie sich von falschen Versprechungen nach Deutschland locken lassen, und indem sie mit der Organisation „Solwodi“ (Solidarity with Women in Distress) die Politik bestürmt, endlich wirksame Gesetze dagegen zu erlassen. Oder der fröhliche Schweizer Hännes Tischhauser, mit dem dann doch Gott ins Spiel kommt, weil dieser ihn – wie Tischhauser sagt – in recht handfestem Zugriff vom Alkohol befreit, ins kanadische Vancouver geführt und dort zur Einrichtung einer Straßenküche für „Leute von ganz unten“ bewogen hat.

Unter der ersten Tagungssektion „Wie gibt Leben Sinn?“ berichtete der Student Benedikt Döllmann, Grüner Stadt- und Kreisrat in Tübingen, der sich als „radikal zuversichtlichen Menschen“ beschreibt, wie er als Kommunalpolitiker das Leben mancher Menschen erleichtern kann – und wie er immer wieder Rückschläge verkraften muss, nicht zuletzt bei Haushaltsberatungen. Hoffnung, sagt Döllmann, sei auch harte Arbeit; „Hoffnung heißt nicht, alles wird gut.“ Und trotzdem macht er weiter.

Kommt etwas auf uns zu, oder wollen wir in die Zukunft gehen?

Das ist das Thema von Andreas Krafft, des Zukunftsforschers an der Hochschule Sankt Gallen, der das internationale Forschungsnetzwerk Hoffnungsbarometer leitet. Zukunft sagt er, sei immer das Produkt unserer Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen, und es sei Einstellungssache, ob wir etwas „auf uns zukommen“ sehen oder ob wir „in die Zukunft gehen“. Nicht, „wie wird die Zukunft sein?“, rät er zu fragen, sondern: „Wie soll sie sein?“

Hinderlich dabei scheinen derzeit die Einstellungen der Menschen. Aus seinen Studien in der Schweiz zitiert Krafft, 87 Prozent der Befragten hielten ein „Krisenszenario“ für möglich. Geradezu  „verheerend“ nennt Krafft einen damit zusammenhängenden Befund: Die junge Generation denkt nicht, dass es ihr besser gehen wird als ihren Eltern. Dabei haben die jungen Leute nicht materiellen Wohlstand im Blick, sondern Lebensqualität, Umwelt- und gesellschaftliche Probleme.

Mehr Optimismus!? Krafft schüttelt den Kopf: „Optimismus schadet mitunter auch, weil er illusorisch ist.“ Hoffnung hingegen – wenn auch „immer mit der Möglichkeit der Enttäuschung verbunden“ – sei realistisch: „Wir können etwas verbessern.“ Aber erst müsse sich der Mensch klar darüber werden, was er überhaupt wolle, einen „Herzenswunsch“ formulieren. Und zu Hoffnung werde der Wunsch durch den Glauben – zumindest an die Möglichkeit, dass das Ziel erreichbar sei. Es brauche Selbstvertrauen, Hilfen, Willensstärke und soziale Beziehungen, darüber hinaus hülfen Natur und Spiritualität: „Was ich selbst nicht schaffe, überlasse ich Gott. Damit wird meine Hoffnung grenzenlos.“

Was aber würden dazu andere Zukunftsforscher sagen, die aufgrund fehlender eigener Religiosität oder der ihres Publikums nicht auf „Glauben“ rekurrieren können? Krafft antwortet, Glaube sei „immer da“, nur sei nicht immer klar, woran: „Ohne ihn können wir in der Zukunftsforschung nicht operieren.“ In den Studien sieht es Krafft als empirisch nachgewiesen: Menschen mit christlichem Glauben seien „signifikant hoffnungsvoller“ – jedenfalls was ein eigenes besseres Leben betreffe. „In Bezug auf die Erwartungen für Welt und Gesellschaft gibt es keinen Unterschied.“

Mit dem Mut zum Experiment

Aber wie gibt Christsein meinem Leben Sinn? Davon erzählten – nach einem Nachmittag voller kleiner Runden – Priorin Irene Gassmann, Gemeindereferentin Göttler-Kienzle und Hannah Küppers, die in München als freie Journalistin arbeitet. Der benediktinische Gebets- und Lebensrhythmus sei es, sagt die Priorin, die dem Kloster Fahr in der Schweiz vorsteht: „Im Hören und Schweigen entstehen neue Ideen.“ Sie habe Bäuerin werden und Zeit haben wollen für Gott – Letzteres habe sie dann im Kloster gefunden. Die Gemeindereferentin wiederum sieht sich als „Hüterin des Feuers“ und ist in Stuttgarter Quartieren unterwegs, „wo es Kirche sonst nicht gibt“, und wo sie versucht, mit kirchlichen Ressourcen den Menschen zu helfen, Geflüchteten beispielsweise. Die Journalistin ihrerseits hat zuvor – mit der Unterstützung des Bischofs von Trier – eine interkonfessionelle Wohngemeinschaft gegründet zum Teilen von Glaube und Alltag: Gemeinsames Gebet, gemeinsame Mahlzeiten, gegenseitige Gebetspatenschaften, Gastfreundschaft – also eine Art klösterliche Gemeinschaft. Jetzt aber habe sie „einen neuen Ruf“ gehört; sie hofft zu erkennen, wohin es jetzt geht. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin in München.

Da ist Anna Breidenbach, welche erst vergangenen Monat ihre ewigen Versprechen in der Gemeinschaft Emmanuel abgelegt hat. Sie wünscht sich „eine Kirche, die im Hier und Jetzt mit dem Handeln Gottes rechnet.“

Und da ist Sarah Elisa Kreutzer, die einen experimentellen, auch für kirchlich-gemeinsame Lebensformen neuartigen Weg einschlägt: 19 Jahre war sie als Ordensfrau bei den Franziskanerinnen in Reute, dann trat sie aus – „aber nicht, weil’s gescheitert wäre, sondern als ein Weitergehen“. Nach einigen Jahren Abstand vom Gemeinschaftsleben fühlt sie sich jetzt in die Schweiz gezogen, in ein „Kloster zum Mitleben“, von Kapuzinern betrieben, franziskanisch und ökumenisch. „Gott hat Geduld auch mit meiner Dickköpfigkeit, und er geht mit.“

„Berufung“ anders denken

Wie ist der „Ruf“ zu verstehen? Manche Menschen in der Kirche stellen Berufung so dar, als wär’s ein „Malen nach Zahlen“: als hätte Gott schon ein Bild in eine Person gezeichnet, und als müsste diese das nur entdecken oder freilegen. So beschreibt es Bruder Stefan Walser, Kapuziner und Juniorprofessor für Systematische Theologie an der Universität Bonn. Wie verhalten sich Vorherbestimmung und Selbstverwirklichung zueinander? Das Konzept der Vorherbestimmung („Was hat Gott mit meinem Leben vor?“) bezeichnet er als problematisch: Es lasse die menschliche Entscheidungsfreiheit außen vor; zu statisch sei es für die Wirren eines Lebenswegs. Oder: „Wenn das Bild für Gott so klar ist, wieso sind dann seine Zeichen für ein Berufensein so unklar?“ Nicht zuletzt öffne das Konzept die Tür zum geistlichen Machtmissbrauch durch Seelenführer. Und besonders beim Austritt eines Menschen aus einer Ordensgemeinschaft oder dem Aufgeben des Priestertums komme dieses Konzept an „fatale  Grenzen“. Entweder war dieser Mensch dann nie berufen – oder er tue etwas Verbotenes: er verrate seine Berufung.

Aber Berufung als Selbstverwirklichung? Wo doch „Selbstverwirklichung“ als tendenziell egoistisches Konzept keinen guten Klang in der Kirche hat…  Aber warum sollte Berufung keine „umsichtige verantwortete, gehaltvolle, sinnvolle Weise der Selbstverwirklichung“ sein?, fragt Walser und: „Manche Selbstverwirklichung führt ja auch zur Selbsthingabe.“

Eine weite Landschaft

Walser will auf den Spuren des kanadischen Philosophen Charles Taylor „Berufung neu denken“. Er geht aus vom Jesuswort: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Menschen strebten nach Fülle, nach dem „Ort, wo das Leben so ist, wie es sein sollte“. Das könne auch mit Transzendenz zu tun haben: „Mein Streben nach Fülle trifft auf etwas, das ich nicht nur suche, sondern von dem ich den Eindruck habe, dass es mich sucht.“ Auf diesem Weg zum „Gedeihen“ könne es passieren, dass der Mensch sich erfasst fühle von einer göttlichen „Agape“. Damit werde der menschliche Wille nicht einfach übergangen oder ausgelöscht. Im Gegenteil: Es könne sich – in Treue zu sich selbst – die Authentizität des Menschen verwirklichen, der sich nicht bewege wie auf Schienen gezwängt, sondern der bei seiner Selbstverwirklichung durch eine Landschaft schreite: Es gebe Konturen, Höhen, Tiefen, Aussichtspunkte, dunkle Ecken, attraktive Begegnungen (und andere auch). Es zeichneten sich Orte zum Weitergehen ab – oder zum Bleiben. Erdbeben könnten sich ereignen (Krisenerfahrungen). Mancher Blick könne ein ganzes Leben prägen.

Um sich zurechtzufinden, so Walser weiter, brauche der Mensch Unterscheidungsvermögen, Begleitung auch; Gemeinschaft wäre gut. Und er müsse damit rechnen, dass sich der Weg als Labyrinth darstelle oder gar als Achterbahnfahrt. Wie auch immer: Es sei ein Weg der Selbstbestimmung. Vorgezeichnet sei nichts, „auch wenn es natürlich sein kann, dass ich rückblickend ein typisches Bewegungsprofil entdecke, biographische Linien, die erklären, warum ich genau dahin gekommen bin, wo ich heute stehe. Ich mag – rückblickend und auch gegenwärtig – meinen Weg als geleitet erfahren.“ Nur eben: gezeichnet in feinen Strichen; kein Malen nach Zahlen.

Weitergedacht, auch wenn Walser das so nicht sagt, bedeutet was wohl: Auch für den „Zeichner“ ist das Ergebnis offen.

Die Rolle der Institution

Betroffenheit verbreitete sich im Saal, als es bei „Vocation“ – aus dem persönlichen Erleben von mehreren Frauen – um die Frage ging, „Wie gibt die Kirche meinem Christsein Leben?“ Zuvor schon hat Irene Gassmann erzählte, sie müsse als Frau und obwohl sie Priorin sei, größere Entscheidungen vom Abt des Klosters Einsiedeln genehmigen lassen (eine Besonderheit dieses männlich-weiblichen Doppelklosters). Es sei zwar schon gut, schwierige Fragen nicht allein entscheiden zu müssen und sich beraten lassen zu können. Aber umgekehrt, antwortete sie mit zartem Lächeln auf eine entsprechende Frage, würden Männer das nie tun.

Nun erzählt die Stuttgarter Pastoralreferentin Claudia Schmidt, Geistliche Beirätin des Katholischen Frauenbundes (KDFB), sie habe als Frau „viele Grenzen“ für ihr seelsorgliches Wirken erlebt: „Die Kirche bleibt ein Zweiklassensystem. Als einer Frau – anders als einem Mann – wird mir so viel Grundlegendes abgesprochen, dass das an meine Person rührt. Das zieht Kraft ab.“ Sie merke, dass sie zum geistlichen Amt berufen sei, sagt Schmidt, „aber ich werde daran gehindert.“ Kirchliche Strukturen legten sich auf die eigene Spiritualität: „Da darf ich nicht kirre werden.“

Über Verletzungen, die sich – so sein Thema – aus der „Spannung zwischen individueller Berufung und institutionellen Strukturen“ ergeben, sprach dann auch der Jesuit Klaus Mertes, der dabei aber mehr Verständnis für die Institution reklamierte, nicht gerade zur Freude des Publikums. „Ohne Charisma wächst die Institution nicht“, gesteht Mertes als Lehre aus der Berufung des Apostels Paulus ein, „aber ohne Institution verläuft sich Charisma ins Leere“.

Institutionen, sagt Mertes weiter, seien auch deshalb notwendig, weil sie „Verfahren für Konflikte bereit-“ und dem „Autoritarismus der Charismatiker“ etwas entgegenstellten: „Ich für mich allein hätte auch nicht gerne mit Paulus in einer Kommunität zusammengelebt.“ Institution diene der Einheit, sagt Mertes: „Einheit kann nicht hergestellt werden durch die Anhäufung unterschiedlicher individueller Geschichten oder Kulturen nebeneinander.“ Und: „Es gibt ein Individualitätskonzept von Einzelpersonen und Völkern, das der Liebe widerspricht. Für mich wäre das auch ein Kriterium, das ich an mich selbst und andere anlege, wenn behauptet wird, individuelle Berufung stünde im Gegensatz zum institutionellen Charakter der Kirche.“

Das war nicht unbedingt das, was diejenigen im Saal hören wollten, die sich von der Institution Kirche bisher in ihrer Berufung zum geistlichen Amt ausgebremst fühlen. Und Mertes‘ Satz, es sei eine „Mischung aus Drängen und Geduld“ nötig, war es auch nicht. „Ich bin Fan der Geduld“ – das blieb dann so stehen.

Berufen, Neuland zu betreten

Dafür zog Schwester Nathalie Becquart – laut dem Magazin „Forbes“ im Jahr 2024 eine der fünfzig einflussreichsten Frauen auf der Welt – umso weitere Zukunftshorizonte auf. Der blasse Titel „Untersekretärin“, den Sr. Nathalie im Vatikan trägt, sollte da nicht täuschen: Sie arbeitet in der Leitung der Institution, die früher „Bischofssynode“ und – seit Franziskus‘ Kurienreform – nur noch „Synode“ heißt, weil er sie auch für Nicht-Bischöfe, für Ungeweihte und in deren Kreis auch für Frauen mit Sitz und Stimme geöffnet hat.

„Synodal“ solle die Kirche auf allen Ebenen verfasst sein, Runde Tische sollen – so Sr. Nathalie – wie bei der bisher letzten Vollversammlung der Synode im Oktober 2024, einen „Dialog auf Augenhöhe“ garantieren, „weg von einer klerikalen hin zu einer synodalen Struktur“. An Entscheidungsfindungen sollten alle Gläubigen stärker beteiligt, der Führungsstil mehr auf Zusammenarbeit ausgerichtet werden, was die „Identifikation der Menschen mit der Kirche“ erhöhe. Amtsträger sollen laut dem von Franziskus lehramtlich bestätigten Abschlusspapier der Synode stärker zur Transparenz und – ein für Hierarchen unbequem-neuer Gedanke – zur „Rechenschaft“ über ihr Tun verpflichtet werden.  „Institution“ – das war Sr. Nathalies neue Definition – sei ein „Netzwerk an Beziehungen“; Institution „ist keine Struktur, es sind Menschen“. Das führte sie aber, ein prekäres Thema nur streifend, auch zu der Aussage: „Wenn es Missbrauch gab in der Kirche, dann waren das Menschen, nicht die Institution.“ Verbreitetes Kopfschütteln im Saal.

Eine Kirche, verschiedene Geschwindigkeiten

In einem Videointerview der Akademie sagt Sr. Nathalie auch, die über drei Jahre (2021-2024) laufende „Synode über Synodalität“ habe den Gedanken der „heilsamen Dezentralisierung“ der Kirche umgesetzt, den Papst Franziskus schon ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt 2013 geäußert habe. Das bringe eine neue Idee von Kirche mit sich – und Entscheidungen, die auf regionaler oder kontinentaler Ebene, je nach Kultur und Bedarf, verschieden getroffen werden können. „Die Unterscheidung, was in deinem Kontext notwendig ist, kann dir keiner abnehmen.“ Das läuft auf eine Kirche der unterschiedlichen Geschwindigkeiten hinaus, und damit muss auch die Einheit der Kirche neu gedacht, oder, wie es Sr. Nathalie sagt, „die Einheit in Verschiedenheit als Harmonie gelebt werden, als ein Austausch der Gaben.“ Niemand in der Kirche sei „zu arm, um etwas zu geben, und niemand ist zu reich, dass er nichts empfangen müsste.“ Dass damit auch eine neue Diskussion über die Rolle des Papstes verbunden sei, bestätigt sie ebenfalls.

Gefragt, ob von der Dezentralisierung und Diversifizierung der katholischen Kirche auch das Diakonat der Frau erfasst sei und einige Regionen weihen dürften, weicht Sr. Nathalie etwas aus – oder vielleicht auch nicht. Für eine Weihe, sagt sie, sei die Zeit noch nicht reif. Dann fügt sie an, auch das männliche Diakonat sei nur in einigen wenigen, vorwiegend europäischen Ländern angekommen, beileibe nicht in der Gesamtkirche.

„Wir müssen den Talenten Raum geben“

Die Methode der dreijährigen „Synode über die Synodalität“ sei aus der Jugendsynode 2018 hervorgegangen, sagt Sr. Nathalie. Schon damals sei es um Berufungen gegangen, und heute – das war ihr Appell in Hohenheim – sollte keine katholische Gemeinschaft nur die Selbsterhaltung und den eigenen Nachwuchs im Auge haben, sondern das große Ganze: „Weg vom Wettbewerb, hin zur Zusammenarbeit.“ Und wenn man heute über Berufungen rede, dann denke man – „anders als vor dem Zweiten Vatikanum“ – nicht nur an Priestertum oder an Ordensleben. „Viele junge Menschen wollen sich als Laien in der Kirche engagieren“, sagt Sr. Nathalie, und erinnert daran, dass Synode und Papst einstimmig „neue, kreative Formen“ von Ämtern und Beauftragungen empfehlen.

So gesehen passte der vorwiegend von Geweihten und Ordensleuten besuchte Hohenheimer Fachkongress, der den Begriff „Vocation – Berufung“ vorwiegend geistlich auffasste (auf andere christlich oder humanitär-engagiert gestaltete Lebenswege blickte er eher am Rande), gut in die kirchliche Umbruchszeit. Der Vorschlag von Hoffnungsforscher Andreas Krafft, besser in die Zukunft zu gehen – vielleicht auch mit der Möglichkeit eines „Geschenks" zu rechnen – als das „Was kommt da auf uns zu?“ angstvoll-verkrampft zu betrachten, galt in diesem Zusammenhang nicht nur einzelnen Menschen. Und wenn man „Berufung“ weiter denkt, am Beispiel des Zahnarztes entlang, der in Afrika eine Art Erfüllung findet, ohne dort ganz leben zu wollen: lässt sich kirchlicherseits vielleicht auch über „Teilzeitberufungen“ reden?

Akademie-Direktorin Verena Wodtke-Werner resümiert: in Hohenheim sei viel aufeinander gehört worden; wissenschaftlicher Zugang und persönliche „testimonials“ seien zur Sprache gekommen. Beides habe zusammenkommen müssen, weil Berufung ohne die ganz persönlich-existenzielle Dimension nicht denkbar sei. Und auf die Frage, wie es nun weitergehe, sagt Wodtke-Werner: „Es ist auf dem Kongress klar geworden, dass sich was ändern muss. Wir müssen kirchliche Strukturen ändern, verflüssigen, damit wir den Talenten Raum geben. Unsere Strukturen sind zu eng, um der Fülle, die wir im Christentum haben, Raum zu geben. Das muss in der Wissenschaft genauso geschehen wie in den Formen, in denen Kirche unterwegs ist.“

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