| Newsletter April 2026

Magie und Hexerei interdisziplinär erforschen

Soziale Wechselbeziehungen, lokale Konflikte und überregionale Deutungsmuster

Von Katharina Welker, Universität Trier

Welchen Beitrag leisten interdisziplinäre Ansätze für das Forschungsfeld der Magie- und Hexereiforschung? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH) auf seiner diesjährigenStudientagung an der Akademie. Die Veranstaltung brachte Forscherinnen und Forscher verschiedener Disziplinen aus Deutschland, Frankreich, Ungarn, England, der Schweiz und Norwegen zusammen. Sie bot Raum für die Vorstellung aktueller Projekte sowie für Einsichten in aktuelle Dissertations- und Publikationsvorhaben.

Erneut wurde deutlich, wie stark sich das Forschungsfeld in den vergangenen Jahren ausdifferenziert hat. Während ältere Arbeiten sich auf meist tödlich endende Hexenprozesse und Massenverfolgungen konzentriert haben, richten inzwischen viele der präsentierten neueren Studien ihren Blick verstärkt auf soziale und kulturelle Kontexte von Magievorstellungen. Hexereivorwürfe erscheinen eingebettet in komplexe soziale Wechselbeziehungen, lokale Konflikte und überregionale Deutungsmuster. Mehrere Beiträge schnitten die Frage an, wie Menschen in ihrem Alltag mit dem Verdacht von Hexerei umgingen. Anhand verschiedener Beispiele wurde gezeigt, dass nur ein Teil der Verdächtigungen tatsächlich in formellen juristischen Prozessen mündeten. Häufig zeichneten sich innerhalb von Dorfgemeinschaften individuelle Verläufe ab, der Umgang mit dem Verdacht gegen Einzelpersonen oder Gruppen konnte erheblich variieren. Verdächtigungen konnten sich aus alltäglichen Konflikten entwickeln, etwa aus familiären Spannungen, Nachbarschaftsstreitigkeiten oder aus Krankheiten, deren Ursache magisch gedeutet wurde. Gleichzeitig entstanden Strategien vermeintlicher Opfer, um sich vor Schadenszaubern zu schützen oder Strategien vermeintlicher Schadenszauberinnen und -zauberer, derartige Vorwürfe zu bewältigen. Der Blick auf diese Praktiken macht deutlich, wie eng Magievorstellungen mit sozialen, aber auch politischen Beziehungen verknüpft blieben.

Weitere Beiträge richteten den Fokus auf unterschiedliche europäische Regionen und erweiterten so die geographische Perspektive. Dass Hexenverfolgungen stark von politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhingen, wurde mehrfach nachdrücklich thematisiert. Regionale Unterschiede ergaben sich aus unterschiedlichen juristischen Traditionen, aus lokalen Machtstrukturen oder aus individuellen Dynamiken innerhalb sozialer Konflikte. Die Heterogenität der europäischen Hexenverfolgungen konnte einmal mehr herausgestellt werden.

Die Frage nach interdisziplinären Zugängen spielte für die Tagung eine zentrale Rolle. Beiträge aus verschiedenen Forschungsprojekten zeigten, dass die Untersuchung vermeintlicher und faktischer Magiepraktiken aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher methodischer Ansätze nur profitieren kann. Historische, philologische, archäologische und kulturwissenschaftliche Ansätze ergänzen sich und eröffnen neue Perspektiven auf Quellen, Vorstellungen und Praktiken der Vormoderne. Besonders deutlich wurde dies innerhalb jener Vorträge, die magische Texte, Rituale und performative Praktiken untersuchten. Auch aktuelle Magie- und Hexereivorstellungen, untersucht anhand von Social Media, waren Teil der Betrachtung. In einem abschließenden Vortrag wurden bestehende Irrmeinungen innerhalb der (französischen) Hexenforschung kritisch überprüft und in wesentlichen Punkten revidiert.

Die Tagung machte deutlich, dass die Magie- und Hexenforschung ein dynamisches und hochaktives Forschungsfeld bleibt, das von der Verbindung unterschiedlicher Disziplinen und Methoden profitiert. Der intensive Austausch und die ausführlichen Diskussionen aller Beiträge zeigten zugleich, dass dieses Forschungsfeld weiterhin neue Perspektiven eröffnet und zahlreiche Ansatzpunkte für zukünftige Untersuchungen bietet.