| Kunst einsetzen
Neue Architektur für Kirchen

Anders-Orte mit Atmosphäre

Die Kirchen nehmen ihre Gebäude neu in den Blick. Was brauchen sakrale Räume, um als etwas Besonderes, als geistlicher Reichtum, als Hinführung zur Transzendenz wahrgenommen zu werden?

Von Dr. Ilonka Czerny

Wir alle gestalten unsere vier Wände zu Hause und erhoffen uns dadurch eine Wohlfühl-Atmosphäre. Gilt das auch für Kirchengebäude? Was braucht es zur Ausgestaltung einer Kirche, damit die Besucherinnen und Besucher, die nicht zwingend Gläubige sein müssen, diesen Ort als etwas Besonderes wahrnehmen, gerne diesen Raum aufsuchen und im Idealfall wiederkommen?

Diesen Fragen ging die Tagung „Kunst einsetzen“ nach, die unter diesem Reihentitel bereits seit eineinhalb Jahrzehnten in Kooperation mit dem Kunstsachverständigen der Evangelischen Landeskirche Württemberg, Johannes Koch, stattfindet. Um Antworten zu finden, waren wir nicht nur im Tagungszentrum Hohenheim, sondern haben insgesamt vier Kirchen aufgesucht und dort das Thema „Räume erleben – Atmosphären gestalten“ mit den Teilnehmer:innen erörtert.

Zuerst ging es in die Stuttgarter Sonnenbergkirche – ein markanter Bau aus der Mitte der 1960er Jahre –, der im Gesamtkomplex auch noch einen Kindergarten und ein Gemeindehaus beherbergt. Der Schweizer Architekt Ernst Gisel hat ihn konzipiert. Von außen wirkt die evangelische Kirche wie ein Betonberg. Der Innenraum wurde von den Tagungsteilnehmer:innen als „ungewöhnlich“, „sehr reduziert“, mit „raffinierter Lichtführung“ wahrgenommen. Die nur sieben Zentimeter starke Kirchendecke wurde von keinem Geringeren als dem international bekannten Tragwerksplaner Frei Otto gestaltet, der auch das außergewöhnliche Dach des Münchner Olympiastadions verwirklichte.

Lichtführung schafft Wärme

Nach diesem ersten Raumerleben wurde darüber diskutiert, welche Komponenten für eine atmosphärisch ansprechende Kirche überhaupt notwendig sind. Die „Lichtführung“, durch die auch „Glasfenster“ wirken können, wurde von den Anwesenden als primär wichtig erachtet. Sie soll „übersteigernd“ und „schön, aber nicht banal“ sein, „Wärme“ ausstrahlen und durch „Bewegung“ im Raum, auch durch eine „strukturierende Liturgie“ erlebbar werden.

Johannes Koch, der auch evangelischer Pfarrer ist, hatte passend zum Tagungsthema einen methodisch und inhaltlich ansprechenden Gottesdienst am folgenden Morgen in der benachbarten St. Antonius-Kirche gestaltet, der uns einen weiteren Kirchraum und dessen Atmosphäre näher brachte.

In ihrem Vortrag ging Kunsthistorikerin Dr. Ilonka Czerny nicht nur auf den in den 1980er Jahren eingeführten Begriff des „Spatial Turn“ („Raum-Wende“) ein, sondern versuchte durch Videoeinspielungen, die Teilnehmer:innen auch andere Räume intensiv erleben zu lassen. Das waren künstliche Räume (z.B. Kaufhäuser, Las Vegas, Monets Garden) oder künstlerische Räume (Glasfenster von Chartres, Asam-Kirche in München) und andere. Dadurch wurde deutlich, dass und wie Räume auch Macht ausstrahlen können, verführen und manipulieren wollen. Es kommt aber wesentlich auf den/die Betrachter:in an, wie weit er/sie sich davon berühren und darauf einlassen lassen will.

Gebäude als Kapital der Kirchen

Johannes Koch war es, der – in seiner Funktion als Berater kirchlicher Einrichtungen – wichtige Inhalte und auch Abbildungen aus der Praxis einbrachte. In seinem Vortrag zur „theologischen und liturgischen Dimension des Kirchenraums“ hob er hervor, dass Kirchengebäude ein wichtiges Kapital für die Volkskirchen darstellen und aus diesem Grunde auch mit Bedacht ausgestattet werden sollten. 

Nach dem Mittagessen wurden zwei weitere Kirchbauten in Stuttgart besucht, in denen die gestaltenden Personen als Referenten zur Verfügung standen. Der Bildende Künstler Martin Bruno Schmid war Gesprächspartner für die seit fünf Jahren innen komplett sanierte und umgebaute Kirche St. Fidelis im Stuttgarter Westen. Schmid erläuterte seine axiale Ausrichtung der „Prinzipalien“, also der wichtigsten Gottesdienstorte. Altar und Ambo etwa, die Schmid aus einem zusammengesetzten Steinblock hatte ausschneiden lassen, stehen sich gegenüber, und die Gemeinde ist durch Stuhlreihen längs dazu ausgerichtet. Ein Raum der Stille kann als Raum im Raum zusätzlich genutzt werden. Dazu kommt ein durchdachtes elektronisches Lichtkonzept, das unterschiedliche Stimmungen erzeugen kann, aber die aus dem Altbau übernommenen Meistermann-Fenster nicht beeinflusst.

Wohltuende Schlichtheit

St. Peter in Bad Cannstatt war der letzte Kirchbau, der auf der Tagesordnung stand und besichtigt wurde. Diese Kirche wurde von dem Architekten Stefan Kamm in einen Gebäudekomplex integriert, der gleichzeitig einen Kindergarten, einen Jugend- und einen Gemeinderaum beherbergt. Auch hier waren Tageslichtführung und axiale Ausrichtung ein wichtiger Aspekt. Teilnehmer:innen bemängelten die Überfülle an Stühlen und Gebrauchsgegenständen in der Kirche, die nach ihrem Empfinden den schlichten Raum nicht wirklich zur Geltung bringen.

Im Laufe der Tagung wurde durch Abbildungen visualisiert, aber auch am persönlichen Leib erfahrbar, dass weniger Einrichtungsgegenstände ingesamt wohltuender sind und einen Mehrwert bedeuten: „Weniger ist mehr.“ Dieser Aphorismus trifft auf das Kirchen-Raumerleben, aber auch auf den individuellen Alltag (meist) zu.