Von Frederik Hochdorfer
Die dritte Tagung des Tübinger Arbeitskreises Jüdisches Schwaben in Zusammenarbeit mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart fand am 11./12. Juni 2026 unter dem Titel „Provisorium, Zugehörigkeit, Heimat. Landjudentum in Schwaben – Lebensform und Wahrnehmung“ statt. Wie schon in den früheren Tagungen sollte Theorie und Praxis zusammenfinden, also nicht nur Historiker, sondern auch Vertreter von Gedenkstätten zu Wort kommen. Ebenfalls wieder aufgenommen wurde die Quellenarbeit in Workshops, in denen die Tagungsteilnehmer die in den Vorträgen erworbenen Erkenntnisse vertiefen und erweitern konnten.
Zu Beginn zeichnete Benigna Schönhagen die Forschungsgeschichte zum Landjudentum nach. Während die ältere Forschung das ländliche Judentum überwiegend als rückständige Vorstufe einer urbanen Entwicklung betrachtete, rückte es seit den 1980er Jahren zunehmend in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses. Die neuere Forschung versteht jüdische Geschichte verstärkt als Beziehungsgeschichte und nimmt Juden als eigenständige Akteure in den Blick.
Zugehörigkeit und rechtlicher Status eng verbunen
Rahel Blum zeigte am Beispiel hessisch-darmstädtischer Schutzjuden der Frühen Neuzeit, wie eng Zugehörigkeit und rechtlicher Status miteinander verbunden waren. Die vom Landgrafen begrenzte Zahl an Schutzjuden machte den Wegzug vieler Nachkommen unvermeidlich. Dennoch blieb die emotionale Bindung an den Herkunftsort häufig bestehen, was sich insbesondere an Bestattungen auf den Friedhöfen der Heimatgemeinden erkennen lässt.
Mehrere Vorträge widmeten sich der Wahrnehmung jüdischer Gemeinden durch christliche Pfarrer. Karlheinz Geppert untersuchte katholische Pfarrchroniken aus Baisingen, die ein ambivalentes Verhältnis zwischen Juden und Christen erkennen lassen. Besonders deutlich wurde dies im Zusammenhang mit dem „Judenkrawall“ von 1848, bei dem es zu antijüdischen Ausschreitungen kam. Karl-Heinz Rueß analysierte evangelische Pfarrberichte aus Jebenhausen, in denen Juden häufig als Ursache sittlicher Missstände innerhalb der christlichen Gemeinde dargestellt wurden. Daneben bieten die Quellen jedoch auch Einblicke in das jüdische Schulwesen und den dörflichen Alltag.
Ausstellungen, Theaterprojekte und die Arbeit an Synagoge und Friedhof
Einen praxisorientierten Zugang präsentierte Michael Volz anhand der Vermittlungsarbeit des Pädagogisch-Kulturellen Centrums Freudental. Ausstellungen, Theaterprojekte sowie die Arbeit an Synagoge und Friedhof greifen den Heimatbegriff auf und machen sowohl die historische Zugehörigkeit jüdischer Gemeinden als auch deren Ausgrenzung erfahrbar.
Mit dem öffentlichen Abendvortrag von Helmuth Kiesel ging der erste Tag zu Ende. Kiesel stellte eindrücklich das Leben und Werk des Schriftstellers Jacob Picard vor. In dessen Erzählungen aus den 1930ern vermittelt Picard ein positives Erinnerungsbild des jüdischen Landlebens, das er als stark, unabhängig, selbstbewusst und vor allem als von den christlichen Nachbarn respektiert betrachtete.
Zeitgenössische Kritik am lutherischen Antisemistismus
Eine deutlich andere Perspektive auf christlich-jüdische Beziehungen als die Pfarrersvorstellungen des Vortrags bot Wilfried Setzler mit seinem Vortrag zum württembergischen Pfarrer Wilhelm Pressler. Dieser setzte sich bewusst für einen respektvollen Umgang mit der jüdischen Gemeinde ein, pflegte enge Kontakte zum örtlichen Rabbiner und kritisierte offen den lutherischen Antisemitismus. Seine Haltung hebt sich deutlich von vielen zeitgenössischen Pfarrerberichten ab.
Ergänzt wurden die Vorträge durch Workshops, in denen ausgewählte Pfarrchroniken und -berichte gemeinsam analysiert wurden. Die intensive Quellenarbeit ermöglichte vertiefte Einblicke in die Wahrnehmung jüdischer Gemeinden durch ihre christlichen Nachbarn und regte einen intensiven fachlichen Austausch an.
Friedliches Zusammenleben von Christen und Juden in vielen Gemeinden
Claudia Ried stellte die Entwicklung des bayerisch-schwäbischen Landjudentums in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor. Die staatliche Verwaltung begegnete Juden weithin mit Misstrauen und verstand das Judenedikt von 1818 vor allem als Mittel zur Assimilation. Trotz dieser behördlichen Haltung blieb das Zusammenleben von Juden und Christen in vielen Gemeinden weitgehend friedlich. Besonders deutlich wurde der Unterschied in der Wahrnehmung von Juden zwischen der bayerischen Administration, die vor 1806 keine Juden im Land duldete und den Nachbarn in den Gemeinden, in denen schon jahrhundertelang Juden lebten und die u.a. in Petitionen an den Landtag für eine weniger restriktive Politik eintraten.
Mia Paulus zeigte anhand von Synagogenbauten und religiöser Praxis, dass Prozesse der Verbürgerlichung nicht ausschließlich in den Städten stattfanden. Gerade ländliche Gemeinden setzten in Württemberg mit repräsentativen Neubauten früh sichtbare Zeichen eines selbstbewussten jüdisch-deutschen Bürgertums und erweitern damit das bisherige Bild jüdischer Emanzipation. Besonders deutlich wurde das am Glockenturm der Synagoge Buchau, der auch für einen intensiven innerjüdischen Konflikt sorgte.
Jüdische Militärärzte im Ersten Weltkrieg
Ángel Ruiz Kontara untersuchte schließlich die Biografien jüdischer Militärärzte im Ersten Weltkrieg. Die freiwillige Teilnahme am Krieg und ihr ausgeprägter Patriotismus verdeutlichen, wie stark Deutschland für viele von ihnen Heimat war. Dennoch wurden sie bereits während des Krieges durch antisemitische Maßnahmen wie die Judenzählung ausgegrenzt und nach 1933 ihrer gesellschaftlichen Zugehörigkeit und oft auch ihres Lebens beraubt.
Insgesamt machte die Tagung deutlich, dass die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit im Landjudentum epochenübergreifend und regional unterschiedlich beantwortet werden muss. Die Beiträge zeigten sowohl die Vielfalt jüdischer Lebenswelten als auch die unterschiedlichen Wahrnehmungen durch die christliche Mehrheitsgesellschaft. Zugleich wurde deutlich, dass etablierte Forschungspositionen zum Landjudentum durch regionale Fallstudien immer wieder in Frage gestellt oder zumindest um wichtige Aspekte erweitert werden können.
